Beste Abwehr gegen schlechteste Offensive der Liga. Das legt irgendwo schon den Verdacht nahe, dass es morgen Mittag ein torarmes Spiel geben könnte. Zumindest dann, wenn beide Mannschaften ihren üblichen Prinzipien treu bleiben.
Am Ende sind es genau solche vermeintlichen Pflichtaufgaben, die über Wohl und Wehe einer Saison entscheiden. Ob es tatsächlich für einen Platz auf dem Treppchen reicht oder eben nicht, hängt nicht selten davon ab, ob man gerade gegen solche Gegner seine Hausaufgaben erledigt. Bochum direkt vor der Brust, während Nürnberg und die Hertha bei dem einen oder anderen gedanklich vielleicht schon im Hinterstübchen lauern.
Selbst wenn Lieberknecht diese Gedanken ausblendet und den Fokus nicht schleifen lässt, könnten sie sich bei dem einen oder anderen seiner Schützlinge durchaus breitmachen. Gerade bei den jüngeren Spielern wäre das zumindest nicht ungewöhnlich. Darauf gilt es morgen zu achten.
Grundsätzlich fällt es mir momentan ziemlich schwer, den VfL Bochum und seine Spielweise so richtig einzuordnen. Ich habe sie vor der Länderspielpause beim Auswärtsspiel in Hannover gesehen, wo sie wirklich stark aufgetreten sind und den Statistiken zufolge eigentlich sogar die bessere Mannschaft waren.
Wie wir allerdings auch schon oft genug leidvoll erfahren mussten, gewinnt man mit Statistiken keine Spiele. (Schon wieder fünf Euro fürs Phrasenschwein.) Am Ende hat der VfL dort unglücklich mit 1:2 verloren.
Das Heimspiel gegen Bielefeld in der vergangenen Woche empfand ich hingegen als ausgesprochen bieder und einfallslos. Wobei man fairerweise dazusagen muss, dass die Arminen im Ruhrstadion sehr diszipliniert und defensivstark aufgetreten sind und Bochum damit das Leben ziemlich schwer gemacht haben.
Die Bochumer möchten in dieser Saison offenbar ebenfalls etwas dominanter auftreten und ihr Spiel nicht mehr ausschließlich auf schnelles Umschalten und hohe Bälle auf Philipp Hofmann auslegen. Ein nachvollziehbarer Ansatz, der allerdings seine Tücken mit sich bringt.
Denn ich sehe dabei durchaus Parallelen zum FCK: Defensiv steht die Mannschaft grundsätzlich stabil, offensiv fehlen mir bislang aber klar erkennbare Abläufe, Automatismen und Strukturen, die im eigenen Ballbesitz für mehr Handlungssicherheit sorgen würden. Am Ende lebt das Offensivspiel dann doch wieder von individuellen Unterschiedsmomenten eines Hofmann, eines Holtmann oder eines Rasmussen.
Dass in Bochum zuletzt auch die schwachen Standards, die überschaubare Torausbeute und die generellen Probleme im Spiel mit dem Ball thematisiert wurden, kommt nicht von ungefähr. Die Parallelen zu unserer eigenen Situation sind jedenfalls schwer zu übersehen.
Auch wenn ich mir einen anderen Spielverlauf wünschen würde, rechne ich morgen zunächst mit einem Geduldsspiel. Ich glaube nicht, dass beide Trainer direkt vom Anpfiff weg ins volle Risiko gehen werden. Der „Safety First“-Gedanke dürfte auf beiden Seiten erst einmal überwiegen. Die Frage wird sein, wer zuerst bereit ist, dieses Sicherheitskorsett aufzubrechen – und ob die jeweilige Mannschaft überhaupt die passenden Lösungen dafür findet.
Ich würde Yardimci sehr gerne von Beginn an als pressenden Stürmer sehen. Gleichzeitig habe ich aber den leisen Verdacht, dass er fitnessmäßig noch immer nicht bei 100 Prozent ist und seinen Rückstand während der Länderspielpause nicht so deutlich aufholen konnte, wie man es sich vielleicht erhofft hatte.
Ich erinnere mich an ein Interview auf DBB vor der Länderspielpause, in dem er selbst davon gesprochen hatte, bei „90 Prozent“ zu stehen. Irgendwie kann ich mir nur schwer vorstellen, dass sich daran inzwischen grundlegend etwas geändert hat. Mehr als 20 bis 30 Minuten Einsatzzeit erwarte ich deshalb auch morgen nicht. Sollte es anders kommen, umso erfreulicher. Ich würde allerdings wirklich gerne einmal wissen, woran es liegt, dass er fitnessmäßig offenbar so weit hinterherhinkt.
Da ich Prtajin erstmals wieder „nur“ auf der Ersatzbank erwarte und seiner Einwechslung jetzt schon entgegenfiebere, während Luković vermutlich ebenfalls nicht für die Startelf infrage kommt, hoffe ich, dass Lieberknecht morgen Vernunft walten lässt und Berisha zunächst eine Pause verordnet.
Selbst wenn seine bisherige Underperformance keine persönlichen Gründe haben sollte und er schlicht nicht die passenden Bälle für sein Spiel bekommt: Zwei Tore in mittlerweile 19 wettbewerbsübergreifenden Spielen sind keine besonders berauschende Quote. Da kommt seit Wochen, wenn nicht sogar seit Monaten, einfach zu wenig.
Ich tue mich deshalb schwer mit der Vorstellung, was Berisha gegen eine tief stehende, defensiv stabile Bochumer Mannschaft konkret ausrichten soll. Gerade in unserem 3-4-2-1 dürfte er morgen wieder zu sehr und zu oft auf sich selbst gestellt sein.
Ich könnte mir deshalb zwei Varianten vorstellen. Entweder Tazemeta ersetzt Berisha zunächst eins zu eins im Sturm, während Ritter und Skyttä dahinter weiterhin als nominelle Zehner in den offensiven Halbräumen agieren. Das wäre allerdings nicht unbedingt meine Wunschlösung.
Oder wir lösen uns endlich einmal von dieser – entschuldigt bitte – saudummen Idee, dauerhaft mit zwei Zehnern in den offensiven Halbräumen zu agieren, und geben unserem Spiel sowohl mehr Breite als auch mehr Tiefe.
Mir fehlen im eigenen Ballbesitzspiel grundsätzlich nach wie vor mindestens zwei zusätzliche Spieler. Schon in Heidenheim war ich erneut überrascht, dass wir in vielen Situationen mit dem Dreigestirn Berisha, Skyttä und Ritter zum Torerfolg kommen wollten. Das ist mir schlicht zu wenig, um eine gegnerische Defensive dauerhaft vor Probleme zu stellen.
Ich habe deshalb auch einmal etwas bewusster auf unsere Flügelverteidiger geachtet. Dabei ist mir aufgefallen, dass meistens nur der jeweils durchbrechende Wingback konsequent versucht, bis zur Grundlinie durchzugehen und von dort eine Flanke zu schlagen. Der andere (ballferne) Außenverteidiger bleibt immer zurück, anstatt ebenfalls mal bis an den zweiten Pfosten durchzulaufen.
Im Umkehrschluss bedeutet das nämlich, dass wir in einem Großteil unserer Angriffssituationen gerade einmal vier eigene Spieler im Bereich um beziehungsweise an der gegnerischen Box positionieren.
Ich habe schon im Heimspiel gegen Braunschweig meinen Blocknachbarn gefragt, wo bei unseren Angriffsversuchen eigentlich die ganzen anderen Mitspieler sind, die sich bei unseren Vorstößen theoretisch mit einschalten könnten.
Ich erwarte hier keine belagerungsähnlichen Zustände am gegnerischen Strafraum. Aber diese personelle Unterbesetzung ist für mich einer der gravierendsten Gründe dafür, weshalb wir offensiv so unterschiedlich performen und im Vergleich zu anderen Zweitligisten einfach nicht richtig aus den Puschen kommen.
Lieberknecht hatte im „From Coach to Coach“-Podcast unter anderem über die Prinzipien der Pressinghöhen gesprochen, mit denen man sich während der Sommerpause beschäftigt hatte. Mich würde in diesem Zusammenhang auch interessieren, wie intensiv man sich mit der Staffelung im eigenen Ballbesitz und den Abständen zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen in der Offensive auseinandergesetzt hat.
Kennt eigentlich noch jemand diese variabel verschiebbaren Angriffs- und Abwehrlinien aus diversen FIFA-Ablegern, mit denen man einstellen konnte, wo sich die verschiedenen Mannschaftsteile positionieren sollten? Genau an so etwas muss ich bei unserer aktuellen Staffelung manchmal denken. Irgendwie stehen wir häufig zu tief, zu weit auseinander oder mit zu wenigen Spielern in den entscheidenden Räumen. Und wenn dann tatsächlich einmal ein Angriff vielversprechend aussieht, fehlt es oft an den nötigen Anschlussbewegungen.
Ob das alles besser wird, sobald Prtajin zurückkehrt und wir höchstwahrscheinlich wieder auf das bewährte Stilmittel der halbhohen beziehungsweise hohen Flanken aus dem Halbfeld zurückgreifen können?
Ich sehe darin eine gewisse trügerische Sicherheit. Zum einen stellt sich die Frage, auf welchem Fitness- und Gesundheitslevel Prtajin tatsächlich zurückkehrt. Zum anderen frage ich mich, ob wir unseren Matchplan A damit nicht wieder auf dem Silbertablett präsentieren. Die gegnerischen Mannschaften dürften inzwischen schließlich ziemlich genau wissen, was sie bei uns erwartet wenn ein Prtajin wieder auf dem Rasen steht.
Ich habe zunehmend das Gefühl, dass auch unserem Trainer die aktuelle Situation nicht wirklich schmeckt. Vermutlich ist ihm selbst bewusst, dass es gar nicht so einfach ist, eine gesunde Balance zwischen einer funktionierenden Defensive und einer gleichzeitig gefährlichen Offensive herzustellen.
Man kann natürlich so spielen und sich auf die eigene, bombensichere Abwehr verlassen. Keine Frage. Dann muss man sich aber zwangsläufig auch damit beschäftigen, wie man die Effizienz vor dem gegnerischen Tor grundsätzlich erhöhen möchte, wenn sich so wenige Spieler vor dem Ball befinden. Denn unter diesen Voraussetzungen entstehen Automatismen und funktionierende offensive Abläufe eben auch nicht gerade von selbst - und ich glaube genau das sehen wir gerade seit schon mehreren Wochen.
Irgendwie ist das Ganze ein bisschen wie der Hund an der Kette: Man möchte ihn eigentlich von der Leine lassen, hält ihn aus Sicherheitsgründen aber lieber zurück. Und irgendwann wundert man sich dann, weshalb er nicht so richtig in Bewegung kommt.
Naja, es heißt nicht umsonst Wunschaufstellung. Und bis auf die Offensive stellt sich unsere Mannschaft nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Rasmussen ja ohnehin fast von selbst auf.
Ich habe mich deshalb bewusst für eine etwas mutigere Variante entschieden und versucht, in der offensiven Dreierreihe eine möglichst große Mischung aus Chaos, Positionsrochaden, Dynamik, Pace, Dribblingstärke und Variabilität unterzubringen. Zumindest dort, wo wir morgen wahrscheinlich ohnehin keine allzu großen Veränderungen zu sehen bekommen werden.
Zugespitzt könnte man auch fragen: Was bringt es uns, wenn Mergim Berisha in der Startaufstellung steht und durch seine Erfahrung Räume für seine Mitspieler reißt, wenn wir aus Gründen der berühmten Restfeldabsicherung anschließend viel zu selten in genau diese Räume hineinstoßen?
Wenn wir es schaffen, unsere offensiven Spieler konsequenter einzubinden, könnten wir womöglich auch mit wenigen, dafür aber zielgerichteteren Aktionen zum Torerfolg kommen. Dafür müssten wir allerdings bereit sein, ein Stück weit von unserer bisherigen Sicherheitsorientierung abzurücken.
Ich würde mir deshalb für morgen einfach einmal etwas mehr Mut wünschen. Es muss ja nicht gleich wieder Rock'n'Roll sein. Aber ein bisschen mehr offensive Risikobereitschaft, mehr Bewegung und vor allem mehr Spieler, die sich aktiv am Angriff beteiligen, dürften es aus meiner Sicht schon sein.
