Hessenteufel
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SÖMMERDA. Ein Fünfgeschosser in der Sömmerdaer Lucas-Cranach-Straße am gestrigen frühen Abend. In einigen Fenstern leuchten Weihnachtssterne, Nachbarn schauen hinter Gardinen auf die Rettungswagen und Polizeiautos vor dem Haus. Drei Fenster sind ganz dunkel, die Jalousien halb herunter gezogen. Dahinter soll ein Baby verhungert, auch seine Schwester stark vernachlässigt worden sein."Ist das wirklich wahr? Ich zittere am ganzen Körper", sagt eine junge Nachbarin und schlingt die Arme um sich. Ein neunmonatiger Junge soll in der Wohnung nebenan verhungert und verdurstet, seine Schwester ebenfalls stark vernachlässigt worden sein. Das Mädchen ist, wie es hieß, drei Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft gab gestern trotz mehrfacher Nachfragen keinerlei Auskunft zu dem Fall. Erst heute gebe es Informationen.Doch die Tragödie sorgte gestern schon für große Aufregung in der Stadt Sömmerda. Die Polizei ließ im Auftrag des Jugendamtes die Tür aufbrechen. Fassungslos sahen die Nachbarn auf den Rettungswagen vor dem Haus, wo die Schwester des toten Jungen versorgt wird, bevor sie ins Klinikum kommt. "Ich hab´ doch selbst einen fünfjährigen Jungen", sagt eine junge Frau. Die Hausbewohner kannten die Mutter der Kinder. Diese sei gerade erst 20 Jahre alt. Seit der Lebensgefährte ausgezogen ist, sei die junge Frau sehr oft nicht zu Hause gewesen. Die Kinder habe man draußen so gut wie nie gesehen. Die Fürsorge des Jugendamtes sei öfter da gewesen. "Das Baby hat immer geweint", erzählt ein Mädchen. "Ich hab´ das gehört, wohne ja gleich nebenan."Vielleicht war die junge Frau überfordert? Der Strom war jedenfalls seit einiger Zeit wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt. Zu dem konkreten Fall konnte Michael Engelhardt, Geschäftsführer der Sömmerdaer Energieversorgung, gestern Abend auf TA-Nachfrage nichts sagen. Wenn das Unternehmen den Strom abschalte, werde vorher mehrmals gemahnt und auf die drohende Abschaltung hingewiesen. "Über die Familienverhältnisse oder Probleme eines Kunden ist uns von der Datenlage, die wir haben, nichts bekannt." Deshalb müsse dieser von sich aus Kontakt mit dem Energieversorger aufnehmen, um über eine sozialverträgliche Lösung zu sprechen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das hier geschehen ist, sonst hätten wir den Strom, wenn Kinder mit betroffen sind, nicht abgestellt", so Engelhardt. Auch Mietschulden gab es. "Aber wir setzen deswegen keinen auf die Straße, Familien mit Kindern gar nicht", so WGS-Geschäftsführer Ulrich Olschewski. Der Sozialarbeiter der Wohnungsgesellschaft Sömmerda kümmerte sich wie bei anderen Fällen auch um diese Familie. Vor wenigen Tagen erst wurde gemeinsam eine Vereinbarung zum schrittweisen Begleichen der Mietschulden getroffen. Ab Januar sollte dies in Kraft treten. "Wer sich helfen lassen will, dem helfen wir auch. Wir begleiten die Mieter auch zu Tippel-Tappel-Touren zu Ämtern", versichert Ulrich Olschewski. "Ich hätte mich doch auch mit um die Familie gekümmert", versichert die Nachbarin. Aber manchmal habe man irgendwie schon das Gefühl gehabt, die junge Mutter wollte sich gar nicht helfen lassen.Von Katrin MÜLLER und Anett HÄDRICH.
www.thueringer-allgemeine.de
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