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Der rosarote Elefant
Wie Jürgen Klinsmann aus einer Fußball-Mannschaft mit viel Luft nach oben ein Ereignis macht
VON JÖRG HANAU (KÖLN)
Der Fundus an Superlativen im Sprachschatz des Bundestrainers scheint grenzenlos. Wenn Jürgen Klinsmann nach getaner Arbeit Rede und Antwort steht, lässt er kaum einmal eine Gelegenheit aus, allzu krittelnde Medienvertreter mit seiner Sicht der fußballerischen Spaßgesellschaft zu beglücken. Am Firmament nur rosarote Wölkchen. Die Welt des Jürgen K. kennt keine dunklen Seiten. Mit ihm zog vor elf Monaten das positive Denken in die frisch renovierten Stuben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein. Die Zuversicht des 40 Jahre alten Fußball-Lehrers gipfelt dabei stets in ein und demselben Satz: "Wir sind sehr, sehr zufrieden."
Fünf Worte wie in Stein gemeißelt. Fünf Worte, die der Schwabe seit elf Monaten bei jedem öffentlichen Auftritt mit dem Erdnussgrinsen eines kalifornischen Beach Boys in die Mikrophone trällert. Am Samstag in Köln war das nicht anders. Das nackte Ergebnis gab Klinsmann diesmal durchaus Recht. Wer 3:0 gegen den Afrikameister Tunesien gewinnt, kann eigentlich nicht so viel falsch gemacht haben. Dass die deutschen Kicker den tollen Kölner Fans mehr als eine Stunde lang fußballerische Schmalkost vorgesetzt, die Nordafrikaner mit ihrem überragenden Kapitän Hatem Tabelsi von Ajax Amsterdam die größeren Spielanteile besessen hatten, spielte unter dem Strich keine Rolle mehr.
Hauptsache hinten dicht. Nur keine Fehler in der Abwehr machen. Die harsche öffentliche Kritik an der Defensivleistung der Mannschaft im Auftaktspiel im Confederations Cup in der vergangenen Woche gegen Australien (3:2) verfehlte ihre Wirkung nicht. In ihrem Bemühen, Spiel und Gegner vom eigenen Strafraum fern zu halten, vergaßen die deutschen Kicker eine Stunde lang, das Klinsmannsche Konzept des erfrischenden Offensivfußballs auch gegen Tunesien umzusetzen. Eine phasenweise schaurige Vorstellung der Deutschen, die Michael Ballack später als "Geduldsspiel" lobte. Die Mannschaft habe Tunesien "weich gekocht", erzählte Klinsmanns Assistent Joachim Löw. Am Ende der schweren Geburt stand der zweite Sieg und somit die vorzeitige Qualifikation fürs Halbfinale.
Gegen die lange Zeit überlegenen Tunesier reichten den Deutschen letztlich 15 starke Minuten. "Wir haben in der ersten Hälfte viel Konzentration auf die Abwehr gelegt, um gut im Raum zu stehen. In der zweiten sind wir mehr Risiko gegangen, haben das Tempo angezogen und gewonnen", sagte Ballack, der nach 73 Minuten im Strafraum unsanft von den Beinen geholt worden war und höchstselbst den fälligen Strafstoß Vollspann in die Mitte des Tores unter die Querlatte hämmerte. "Ich fühlte mich gut und wollte Verantwortung übernehmen."
Die Gäste aus Afrika wirkten danach völlig konsterniert. Bastian Schweinsteiger (80.) und Mike Hanke (88.), der erst eine Minute zuvor eingewechselt worden war, versetzten den tapfer spielenden Tunesiern schließlich den Knock-out.
Der Weg zur WM im eigenen Land ist steinig. Das weiß natürlich auch Klinsmann. "Wir werden noch einige Aufs und Abs erleben, aber wir werden diese kleine Achterbahnfahrt mitmachen", sagte der Bundestrainer und stellte sich unmissverständlich vor die Mannschaft: "Die macht uns so viel Spaß." Selbst für Gerald Asamoah, den einzigen Verlierer unter Gewinnern, fand Klinsmann nette Worte. Obwohl der zweifellos bemühte Schalker Stürmer bis zu seiner Auswechslung alles falsch gemacht hatte, was er nur falsch machen konnte.
Am Dienstag in Nürnberg wird eine vergleichbare Leistung gegen Argentinien wohl kaum zum Sieg genügen. Schon ein Remis gegen "die Topmannschaft in der Welt" (Klinsmann) würde der deutschen Mannschaft zum Gruppensieg reichen - was mutmaßlich bedeutet, Weltmeister Brasilien im Halbfinale aus dem Weg zu gehen.
Den Bundestrainer werden bis morgen Abend zwei personelle Fragen umtreiben. Da wäre zum einen die Kardinalfrage, wer gegen die Südamerikaner das Tor hüten darf? Klinsmann will an der Rotation zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann festhalten. Zum anderen wird ein neuer rechter Außenverteidiger gesucht. Arne Friedrich sah am Samstag die zweite Gelbe Karte im Wettbewerb und muss gegen Argentinien pausieren. Eine Chance für Patrick Owomoyela oder Andreas Hinkel, sich in der zuletzt gescholtene Viererkette zu bewähren. Der "Kinder-Riegel" erhielt vom Chef, wie nicht anders zu erwarten, durchweg Bestnoten: "Durch die Bank optimal", "jeder fehlerfrei", "ich bin begeistert". Daran wird sich auch am Dienstagabend nichts geändert haben. Dafür bürgt Klinsmann mit seiner ganz persönlichen Sicht der Dinge. Selbst falls der argentinische Stier den rosaroten Elefanten auf die Hörner nimmt.
Quelle: www.frankfurter-rundschau.de
Wie Jürgen Klinsmann aus einer Fußball-Mannschaft mit viel Luft nach oben ein Ereignis macht
VON JÖRG HANAU (KÖLN)
Der Fundus an Superlativen im Sprachschatz des Bundestrainers scheint grenzenlos. Wenn Jürgen Klinsmann nach getaner Arbeit Rede und Antwort steht, lässt er kaum einmal eine Gelegenheit aus, allzu krittelnde Medienvertreter mit seiner Sicht der fußballerischen Spaßgesellschaft zu beglücken. Am Firmament nur rosarote Wölkchen. Die Welt des Jürgen K. kennt keine dunklen Seiten. Mit ihm zog vor elf Monaten das positive Denken in die frisch renovierten Stuben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein. Die Zuversicht des 40 Jahre alten Fußball-Lehrers gipfelt dabei stets in ein und demselben Satz: "Wir sind sehr, sehr zufrieden."
Fünf Worte wie in Stein gemeißelt. Fünf Worte, die der Schwabe seit elf Monaten bei jedem öffentlichen Auftritt mit dem Erdnussgrinsen eines kalifornischen Beach Boys in die Mikrophone trällert. Am Samstag in Köln war das nicht anders. Das nackte Ergebnis gab Klinsmann diesmal durchaus Recht. Wer 3:0 gegen den Afrikameister Tunesien gewinnt, kann eigentlich nicht so viel falsch gemacht haben. Dass die deutschen Kicker den tollen Kölner Fans mehr als eine Stunde lang fußballerische Schmalkost vorgesetzt, die Nordafrikaner mit ihrem überragenden Kapitän Hatem Tabelsi von Ajax Amsterdam die größeren Spielanteile besessen hatten, spielte unter dem Strich keine Rolle mehr.
Hauptsache hinten dicht. Nur keine Fehler in der Abwehr machen. Die harsche öffentliche Kritik an der Defensivleistung der Mannschaft im Auftaktspiel im Confederations Cup in der vergangenen Woche gegen Australien (3:2) verfehlte ihre Wirkung nicht. In ihrem Bemühen, Spiel und Gegner vom eigenen Strafraum fern zu halten, vergaßen die deutschen Kicker eine Stunde lang, das Klinsmannsche Konzept des erfrischenden Offensivfußballs auch gegen Tunesien umzusetzen. Eine phasenweise schaurige Vorstellung der Deutschen, die Michael Ballack später als "Geduldsspiel" lobte. Die Mannschaft habe Tunesien "weich gekocht", erzählte Klinsmanns Assistent Joachim Löw. Am Ende der schweren Geburt stand der zweite Sieg und somit die vorzeitige Qualifikation fürs Halbfinale.
Gegen die lange Zeit überlegenen Tunesier reichten den Deutschen letztlich 15 starke Minuten. "Wir haben in der ersten Hälfte viel Konzentration auf die Abwehr gelegt, um gut im Raum zu stehen. In der zweiten sind wir mehr Risiko gegangen, haben das Tempo angezogen und gewonnen", sagte Ballack, der nach 73 Minuten im Strafraum unsanft von den Beinen geholt worden war und höchstselbst den fälligen Strafstoß Vollspann in die Mitte des Tores unter die Querlatte hämmerte. "Ich fühlte mich gut und wollte Verantwortung übernehmen."
Die Gäste aus Afrika wirkten danach völlig konsterniert. Bastian Schweinsteiger (80.) und Mike Hanke (88.), der erst eine Minute zuvor eingewechselt worden war, versetzten den tapfer spielenden Tunesiern schließlich den Knock-out.
Der Weg zur WM im eigenen Land ist steinig. Das weiß natürlich auch Klinsmann. "Wir werden noch einige Aufs und Abs erleben, aber wir werden diese kleine Achterbahnfahrt mitmachen", sagte der Bundestrainer und stellte sich unmissverständlich vor die Mannschaft: "Die macht uns so viel Spaß." Selbst für Gerald Asamoah, den einzigen Verlierer unter Gewinnern, fand Klinsmann nette Worte. Obwohl der zweifellos bemühte Schalker Stürmer bis zu seiner Auswechslung alles falsch gemacht hatte, was er nur falsch machen konnte.
Am Dienstag in Nürnberg wird eine vergleichbare Leistung gegen Argentinien wohl kaum zum Sieg genügen. Schon ein Remis gegen "die Topmannschaft in der Welt" (Klinsmann) würde der deutschen Mannschaft zum Gruppensieg reichen - was mutmaßlich bedeutet, Weltmeister Brasilien im Halbfinale aus dem Weg zu gehen.
Den Bundestrainer werden bis morgen Abend zwei personelle Fragen umtreiben. Da wäre zum einen die Kardinalfrage, wer gegen die Südamerikaner das Tor hüten darf? Klinsmann will an der Rotation zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann festhalten. Zum anderen wird ein neuer rechter Außenverteidiger gesucht. Arne Friedrich sah am Samstag die zweite Gelbe Karte im Wettbewerb und muss gegen Argentinien pausieren. Eine Chance für Patrick Owomoyela oder Andreas Hinkel, sich in der zuletzt gescholtene Viererkette zu bewähren. Der "Kinder-Riegel" erhielt vom Chef, wie nicht anders zu erwarten, durchweg Bestnoten: "Durch die Bank optimal", "jeder fehlerfrei", "ich bin begeistert". Daran wird sich auch am Dienstagabend nichts geändert haben. Dafür bürgt Klinsmann mit seiner ganz persönlichen Sicht der Dinge. Selbst falls der argentinische Stier den rosaroten Elefanten auf die Hörner nimmt.
Quelle: www.frankfurter-rundschau.de