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Interview mit Ballack - "Klinsmann sucht die Konfrontation"

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[size=-2]"Klinsmann sucht die Konfrontation"
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Kapitän Michael Ballack, 29, über Stil und Ziel der deutschen Nationalmannschaft, seinen Wechsel nach London und einen bitteren Abschied vom FC Bayern





SPIEGEL: Herr Ballack, werden wir bei der Weltmeisterschaft eine Steigerung der EM 2004 erleben, ein Fest des schnellen Fußballs?









Nationalspieler Ballack: "Angriffe einleiten, nachrücken, Tore machen"



Ballack: Ich hoffe es, zumal die Südamerikaner dazukommen, in deren Temperament die ständige Bewegung liegt, die Dynamik. Dazu das Ungezwungene der Afrikaner, die einen anderen Bewegungsablauf haben und wendiger laufen. Aber bei Turnieren entstehen immer Trends, die vorher keiner ahnt, weil sich alle belauern und Neues sofort kopieren. Wichtig wird für jede Mannschaft sein, sich selbst richtig einzuschätzen und den Stil zu suchen, mit dem man die eigenen Möglichkeiten am besten ausschöpft.

SPIEGEL: Und wie sieht der Stil der Deutschen aus?

Ballack: Wir müssen jetzt, in der Vorbereitung, zusehen, dass wir schnell wieder dahin kommen, wo wir am Anfang waren.

SPIEGEL: Am Anfang der Ära Klinsmann?

Ballack: Ja, zu Beginn hat man gespürt, wie offensiv unsere Trainer denken. Das Spiel schnell in die gegnerische Hälfte verlagern, den Gegner schon an der Mittellinie attackieren - an dieser Art haben auch die Zuschauer gesehen, dass die Mannschaft ihren Stil verändern wollte.

SPIEGEL: War das nicht reiner Populismus in Spielen, in denen es um nichts ging - und wenn es wichtig wird, lässt auch Jürgen Klinsmann nicht anders spielen als Rudi Völler?





Ballack: Nein, Jürgen Klinsmann geht seinen Weg, er sucht die Konfrontation, auch mit der Mannschaft, ganz egal, was all die Experten sagen. Aber diese Entwicklung ist nicht leicht, das ist auch eine Frage von Klasse: Sehe ich immer sofort den freien Mitspieler? Brauche ich nach der Annahme zwei Sekunden, bevor ich den Ball weiterspiele? Viele in der Mannschaft haben Fortschritte gemacht, aber dann bekamen einige Probleme in ihren Clubs und spielten weniger oder gar nicht. Wir müssen zumindest von der Ausrichtung her wieder an die Anfänge anknüpfen. Mit dieser Aggressivität.

SPIEGEL: Schon die Verkündung des Spielerkaders wirkte wie ein Staatsakt, alles an dieser Weltmeisterschaft wird ungeheuer schwer und wichtig genommen. Kann das Turnier Ihnen eigentlich Spaß machen?

Ballack: Ich will guten und erfolgreichen Fußball spielen, und für das andere sind wir nicht zuständig. Andererseits hat man bald nur noch Situationen, in denen man kurz vor dem Ausscheiden steht. Von der zweiten Partie an kann das nächste Spiel immer das letzte sein. Es gibt einige wenige Mannschaften - Barcelona oder Chelsea, bei den Nationalteams Brasilien -, die sind so von sich überzeugt, dass sie wissen: Wenn der Einzelne mal nicht so gut spielt, hat er Nebenleute, die das schon irgendwie hinkriegen, ins Halbfinale zu kommen. Wir Deutschen haben dieses Gefühl im Moment nicht. Mit dieser Drucksituation geht jeder anders um.

SPIEGEL: Und Sie machen das, indem Sie abtauchen, wie Ihnen die Funktionäre von Bayern München vorwerfen?



MICHAEL BALLACK: VOM TEUFEL ZUM MESSIAS











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Ballack: Nein, indem ich wichtige Tore schieße. Mein Vater hat mir immer den Tipp gegeben: Wenn du aufgeregt bist, dann lauf dich richtig warm, dann geht die Aufregung zurück. Ich will mich generell immer so gut vorbereiten, dass ich mir später keine Vorwürfe machen muss. Natürlich spürt man diese Wichtigkeit der Veranstaltung, diese riesige Verantwortung, die wir angeblich haben. Aber damit werden wir fertig, denn Spieler, die damit Probleme haben, die kommen auf dem Level der Nationalelf gar nicht erst an. In der Jugend habe ich mit vielen sehr guten Fußballern zusammengespielt. Als dann aber der Sprung in die Männermannschaft kam, hat ihnen etwas gefehlt.

SPIEGEL: Bayern-Manager Uli Hoeneß sagt, Sie fielen in der Nationalelf mehr auf, weil Sie dort schlechtere Mitspieler um sich hätten als in Ihren vier Jahren beim Deutschen Meister. Richtig?

Ballack: Nicht richtig. Mit der Aussage macht er ja all die Nationalspieler des FC Bayern schlecht. Richtig ist: Bayern hat eine gewachsene Mannschaft, in der es etwa für einen Bastian Schweinsteiger schwer ist, vorwärtszukommen, weil Alteingesessene wie Hasan Salihamidzic oder Mehmet Scholl ebenfalls sehr ambitioniert sind. Mit Bayern hatte ich außerdem wenige große Spiele, die etwas Bleibendes haben. Leider. Dazu muss man ins Halbfinale oder Finale der Champions League kommen, möglichst sogar gewinnen. Und richtig ist auch: Bei der Nationalmannschaft habe ich einen größeren Stellenwert, vielleicht aber auch mehr Vertrauen.

SPIEGEL: Sie haben für zunächst drei Jahre beim FC Chelsea unterschrieben. Nur wegen der Millionen des Eigners Roman Abramowitsch, sagen die Münchner. Auch falsch?

Ballack: Auch falsch. Mein Ziel ist es, die Champions League zu gewinnen. Es geht eben nicht immer nur ums Finanzielle. Bei anderen Stammspielern wurde diese Frage überhaupt nicht diskutiert. Zum Beispiel hat Willy Sagnol vor ein paar Monaten bei den Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung öffentlich gesagt: "Willy will nicht mehr Geld, Willy will viel mehr Geld." Und keinen hat's gestört.

SPIEGEL: Sie sollen in London über zehn Millionen Euro brutto im Jahr verdienen.






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SPIEGEL ONLINE





















Ballack: Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Information haben, aber ich wurde bisher gut bezahlt und werde künftig gut bezahlt werden. Der Punkt ist: Jeder Fußballer sehnt sich nach einer großartigen Mannschaft, nach Perspektiven, danach, sich mit den Besten zu messen.



SPIEGEL: Es gibt schon Ballack-Witze, kennen Sie den? Früher gab es das Fritz-Walter-Wetter, Nieselregen - was ist ein Ballack-Wetter?


Ballack: Weiß nicht.

SPIEGEL: Geldregen.

Ballack: Sehr lustig.

SPIEGEL: Hat Ihr neuer Trainer José Mourinho sich beim FC Bayern nach Ihnen erkundigt?

Ballack: Weiß ich nicht. Dann hätte er wahrscheinlich gehört: Der Ballack ist eigentlich völlig talentfrei, aber ein ganz guter Kopfballspieler.

SPIEGEL: Wie können Sie sich denn in London als Fußballer weiterentwickeln?

Ballack: In der Premier League wird völlig anders gespielt. Härter. Schneller. Und außerdem entwickelt man sich doch schon durch das neue Umfeld. Genau das wollte ich ja. Bei Bayern hätte ich gewusst, was ich habe. Andere sind vielleicht zu bequem und suchen die Herausforderung nicht. Mich reizt das.








 
SPIEGEL: Es wird Ihnen negativ ausgelegt, weil Sie in Ihren Münchner Jahren immer ein bisschen zu kühl und unnahbar geblieben sind. Bei Bayern denken sie: Der war nie wirklich einer von uns.

Ballack: Das stimmt nicht. Ich habe mich sehr wohlgefühlt und alles für den Verein gegeben, übrigens bis zum letzten Tag. Ich spiele mit Leidenschaft Fußball, ich bin nur nicht der Typ, der sich vollständig vereinnahmen lässt. Ich weiß doch von anderen, wie etwa Mehmet Scholl oder Oliver Kahn, dass sie auch gern mal ins Ausland gegangen wären.






Getty Images



Bundestrainer Klinsmann: "An die Anfänge anknüpfen"



SPIEGEL: Bayern München verschluckt seine Spieler und prägt und bremst sie?

Ballack: Sagen wir es so: Es ist ein großer, aber ein spezieller Verein. Dort herrschen eigene Gesetze.

SPIEGEL: Welche?

Ballack: Die lernen Sie kennen, wenn Sie zum FC Bayern wechseln.

SPIEGEL: Sie klingen bitter.

Ballack: Nein, nicht bitter, aber als ich vor vier Jahren von Bayer Leverkusen wegging, war es ein emotionaler Abschied. Da sind auf beiden Seiten Tränen geflossen. Wenn man jetzt im Nachhinein fragt, welche Bilder mich mit Bayern München verbinden, Bilder, die man festhält, dann muss ich sagen: Privat habe ich mich mit meiner Familie wohlgefühlt, am Starnberger See, wo wir gewohnt haben. Da hatte ich meinen Freundeskreis. Und sportlich war die Zeit ja so schlecht nicht.

SPIEGEL: Die Bayern sagen, sie seien schwer an Sie herangekommen.

Ballack: Vielleicht hätten sie am Anfang auch mehr auf mich zukommen können. Aber vielleicht war ich auch zu zurückhaltend. Früher in Chemnitz sind wir nach dem Spiel mit 15 Mann weggegangen. Beim 1. FC Kaiserslautern war man zu siebt, in Leverkusen immer noch zu dritt. Bei Bayern war es dann schon schwer.

SPIEGEL: Kaum sind Sie weg, kündigen die Bayern an, die Ansprüche herunterzuschrauben. Nicht mal mehr der Meistertitel wird verlangt. Fühlen Sie sich geehrt?

Ballack: Müsste ich eigentlich. Denn ich bin ja neben Zé Roberto der einzige Stammspieler, der geht. Es besteht kein Grund für diese neue Bescheidenheit. Gleichzeitig haben sie auch gesagt, sie würden ohne mich jetzt besser spielen. Ja, was denn nun, frage ich mich.

SPIEGEL: Trainer Felix Magath kündigte an, nach Ihrem Weggang werde die Mannschaft mehr ihre Stärken am Boden ausspielen. Was steckt dahinter?



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Ballack: Das weiß ich nicht. Man wird halt bei Bayern München nicht gefeiert, wenn man kurz vor dem Abschied steht. Selbst auf Stefan Effenberg wurde am Ende geschimpft. Das vergessen heute alle. Ich kann aber auch verstehen, dass es dem Verein weh tut, dass ich ablösefrei zum FC Chelsea wechsle.

SPIEGEL: Liebeskummer also? Der Verlassene leidet öffentlich?

Ballack: Vielleicht. Irgendwann sollte man es jedenfalls akzeptieren, dass sich einer nach vier erfolgreichen Jahren anders orientiert.

SPIEGEL: War es vielleicht Bestandteil der Vereinbarungen mit Ihrem neuen Verein, dass Sie nicht offiziell sagen durften, was Sie vorhatten, weil Chelsea den Wechsel erst zum Saisonende verkünden wollte?

Ballack: Ja, natürlich. Aber intern habe ich allen, die es wissen mussten, um planen zu können, stets gesagt, wie der Stand war. Trotzdem wurde ich immer wieder öffentlich angegriffen.

SPIEGEL: Der wesentliche Vorwurf aus München ist, dass Sie zu lange "rumgeeiert" hätten. Seit wann wissen Sie, dass Sie zu Chelsea gehen?

Ballack: Anfang April stand es für mich fest. Es gab kein Rumgeeiere. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, und ich muss nicht im Herbst wissen, wo ich im nächsten Jahr spiele. Es ist mein Leben und meine sportliche Zukunft. Es ist ausschließlich mein Risiko, keinen Vertrag zu haben, weil ich mich in jedem Training oder Spiel verletzen könnte.

SPIEGEL: Durch Ihre vier Münchner Jahre zog sich die Diskussion, was für ein Spieler Sie eigentlich sind. Der ist ja gar nicht der Spielmacher, das hörte man ständig.

Ballack: Ja, aber das muss man nicht mir vorwerfen. Man beobachtet doch einen Spieler, den man holt, man kennt doch sein Spiel. Auf der Halbposition, das ist meine Stärke: Angriffe einleiten, nachrücken, Tore machen, das ist mein Spiel. Bei Bayern haben sie mich zuletzt auf der Zehner-Position spielen lassen, obwohl ich mehrfach angeregt habe, einen Spielpartner für mich im offensiven Mittelfeld zu verpflichten.

SPIEGEL: Gibt es einen echten Spielmacher im heutigen Tempofußball überhaupt noch?

Ballack: Ein Spielmacher ist heute eigentlich mehr auf der Sechser-Position angesiedelt, weiter hinten, weil er dort mehr Ballkontakte und das Spiel vor sich hat. Da braucht man einen Superfußballer. Als Nummer 10 ist man permanent in Manndeckung, da lebt man auch von seinen Mitspielern. Es ist nicht meine Stärke, mich mit dem Rücken zum Gegner schnell zu drehen. Ich denke, ein Führungsspieler gibt dem Spiel im entscheidenden Moment die Richtung, aber Führungsspieler ist nicht der, der hinterher sagt, was die Kollegen wieder falsch gemacht haben.

SPIEGEL: Darf ein Führungsspieler misstrauisch, verschlossen, introvertiert sein, so jedenfalls beschreibt Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge Sie?

Ballack: Herr Rummenigge kennt mich ja sehr gut, unsere Familien gehen ständig essen, und wir haben täglich ausführliche Gespräche, der kann mich schon sehr, sehr gut beurteilen ...

SPIEGEL: Und wenn Sie Ihren Sarkasmus zügeln?




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Ballack: Dann sage ich Ihnen: In den wenigen Gesprächen, die Herr Rummenigge und ich in den vier Jahren hatten, ging es ausschließlich um vertragliche Dinge. Ich bin keineswegs introvertiert. Und selbst wenn: Es gibt ausreichend Leute beim FC Bayern, die extrovertiert sind, da schadet es nicht, wenn sich der eine oder andere mal etwa zurücknimmt. Aber misstrauisch? Verschlossen? Das habe ich noch nie gehört.



SPIEGEL: Spielen Sie unter Klinsmann auf der richtigen Position? Ist die Nationalmannschaft taktisch perfekt aufgestellt?

Ballack: Wir werden es sehen. Wichtig ist, dass wir das Spiel in der Mitte eröffnen, denn wenn du zu früh nach außen gehst, wirst du zugestellt, und dann bist du tot. Erst 30 Meter vor dem Tor spielt man heute nach außen.

SPIEGEL: Wenn der Spiellenker im modernen Fußball die Position Nummer 6 vor der Abwehr ist, warum spielen Sie dann nicht dort?

Ballack: Ich finde die Position super, ich würde sie ja auch gern spielen. Aber vielleicht schadet mir manchmal die eigene Torgefährlichkeit, darum sehen mich die Trainer lieber vorn.

SPIEGEL: Jürgen Klinsmann wird wohl Torsten Frings dort spielen lassen.








Ballack: Er ist ein wunderbarer Fußballer. Er kann diese Position gut ausfüllen. Er muss allerdings sehr verantwortungsvoll spielen.

SPIEGEL: Ist diese Position vielleicht das Problem der deutschen Mannschaft?

Ballack: Was heißt Problem? Torsten ist auch ein hervorragender Rechtsverteidiger, wie bei der WM 2002. Aber das ist nicht meine Entscheidung.

SPIEGEL: Sie haben in der Nationalmannschaft zuletzt auch nicht mehr ganz vorn gespielt. Ist das gesünder für die Mannschaft?

Ballack: Wir haben jetzt manchmal mehr das klassische 4-4-2 gespielt, immer nachdem wir zu viele Gegentore bekommen hatten. Da muss ich mich dann ein bisschen zurücknehmen. Vielleicht spielen wir am Ende bei der WM auch mit zwei defensiven Leuten vor der Abwehr.

SPIEGEL: Also doch wie 2004 unter Teamchef Völler.

Ballack: Ja, taktisch schon, aber hoffentlich aggressiver. Und erfolgreicher.

SPIEGEL: Wenn Sie, wie 2002, vor dem Halbfinale eine Gelbe Karte haben und die Sperre fürs Finale fürchten müssen, was werden Sie tun?

Ballack: Ich werde etwas anders machen. Damals hatte ich ja überlegt, vor dem Spiel den Schiedsrichter zu bitten, daran zu denken, dass ich im Finale gesperrt wäre; ich habe es nicht getan, bekam eine Gelbe Karte und war gegen Brasilien draußen. Diesmal würde ich mit ihm reden.

SPIEGEL: Klinsmann hat das Ziel benannt: Er will Weltmeister werden. Realistisch?

Ballack: Ja klar. Ich habe immer das höchste Ziel - wenn ich in ein Turnier reingehe, dann will ich es gewinnen. Man muss alles dafür tun, dass es möglich ist - und dann muss man auch auf glückliche Momente hoffen. Klasse setzt sich auf Dauer durch, in den Ligen vor allem, aber ein Turnier ist ein Stück weit unberechenbar.

SPIEGEL: Es wird nicht die beste Mannschaft der Welt Weltmeister?

Ballack: Doch, aber eben die beste Mannschaft dieser vier Wochen. Und die können wir sein.

SPIEGEL: Herr Ballack, wir danken Ihnen für dieses Gespräch
 
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