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Deutschland zur WM
Schwarz, Rot, Gold
Von Alexander Marguier
Fußballfans scheren sich nicht um Patriotismusdebatten
17. Juni 2006
In diesen Tagen staunt Deutschland vor allem über sich selbst. Soviel Weltoffenheit, solch eine Unbeschwertheit, eine derart unverkrampfte Gastfreundschaft hätten wir uns gar nicht zugetraut.
Klinsmanns Team spielt munteren Offensivfußball, nicht einmal auf das Wetter scheint noch Verlaß: Die hochsommerliche Atmosphäre zu Beginn dieser Weltmeisterschaft versetzt das angeblich notorisch trübe Gemüt eines angehenden Globalisierungsverlierers geradezu in Wallung.
In den Himmel gucken und Bier trinken
Und dann erst unsere Gäste! Ein serbischer Fotoreporter, wegen der Fußballspiele zum ersten Mal in der Bundesrepublik unterwegs, gibt zu Protokoll, daß er als Bürger dieses Landes wahrscheinlich den ganzen Tag nur in den Himmel gucken und Bier trinken würde: "Man hat einfach nicht den Eindruck, daß es noch etwas zu tun gibt, die Leute müssen unglaublich fleißig sein." Ein ghanaischer Fan, ebenfalls auf Entdeckungsreise voller Überraschungen, fühlt sich "willkommen, als sei man selbst ein Deutscher" - dabei hätten die Fernsehstationen noch vor dem allgegenwärtigen Rassismus gewarnt. Was ist bloß los in No-go-Deutschland? Sind wir am Ende gar nicht so, wie wir glaubten zu sein?
Die große Chance dieser Weltmeisterschaft liegt nicht im gestiegenen Absatz von Turnschuhen, Erfrischungsgetränken, Staubsaugerbeuteln, Schwarzwälder Schinken, Dinkelbrötchen oder was neuerdings sonst noch über eine behauptete Nähe zum Thema Fußball unters Volk gebracht wird. Und natürlich ist das sportliche Großereignis eine zwar nicht einmalige, aber gewiß seltene Möglichkeit, sich dem Ausland als einigermaßen entspannte Nation zu präsentieren, in der Organisation auch ohne Ordnungswahn funktioniert. Der wahre Segen aber besteht darin, daß wir uns bei dieser Gelegenheit selbst ein bißchen besser kennenlernen und vielleicht das eine oder andere Vorurteil in eigener Sache korrigieren können. Der Blick unserer Besucher auf unser Land ist genau dafür ein wertvolles Gastgeschenk: Nicht nur Reisen bildet, sondern auch, besucht zu werden.
Nicht den Eindruck stubenreiner Fremdenfeindlichkeit
Günter Grass, Nobelpreisträger, Literat und personifizierter Daueraufstand der Anständigen, hat diese Woche in einem Interview "Leute wie Stoiber und andere" dafür verantwortlich gemacht, "daß sie mit ihren populistischen Maßnahmen die latente Fremdenfeindlichkeit stubenrein gemacht" hätten. Die Aussage blieb unwidersprochen, selbst eine simple Nachfrage schien überflüssig. Gemeint waren wohlgemerkt nicht nur die wirtschaftlich, sozial und emotional verwahrlosten Orte in manchen Teilen Ostdeutschlands, die - und es ist eine Schande - von Menschen aus anderen Ländern oder mit anderer Hautfarbe tatsächlich gemieden werden sollten. Sondern das ganze Land.
Nun ist eine WM sicherlich kein Fall für die empirische Sozialforschung, es geht ja "nur" um Fußball, und nach vier Wochen ist der ganze Zauber wieder vorbei. Aber wer in diesen Tagen mit offenen Augen und unverstelltem Blick durch eine deutsche Stadt geht, gewinnt nicht gerade den Eindruck, daß in dieser Gesellschaft stubenreine Fremdenfeindlichkeit herrscht. Fremd scheint den Menschen, die etwa im Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft am Steuer eines mit Deutschlandfahnen geschmückten Autos hupend durch die Gegend fahren, vor allem eines zu sein: der Begriff "Fremdheit" selbst.
Ein Land findet zu sich selbst
An den Balkonen hängen in unmittelbarer Nachbarschaft die Flaggen Italiens, Kroatiens, Tunesiens oder Deutschlands, ohne daß irgend jemand auch nur auf die Idee käme, daraus ein chauvinistisch übersteigertes Nationalgefühl abzuleiten. Ein türkischstämmiger Obsthändler hat seinen Laden in einem deutsch-paraguayischen Farbmix dekoriert, weil die eigene Heimatmannschaft diesmal nicht mit dabei ist. Ein orientierungsloser Haufen südkoreanischer Fans wird am S-Bahnsteig von ganz normalen Passanten in Obhut genommen - nur so, aus Freundlichkeit.
Das Land, in dem bis vor kurzem noch erbittert über Einbürgerungstests gestritten wurde, findet zu sich selbst - in seiner Rolle als Gastgeber. Selbst randalierenden Hooligans gelingt es nicht, eine Stimmung zu zerstören, die sich, etwas pathetisch gesprochen, mit einem Fest der Völkerverständigung vergleichen ließe. Tatsächlich hat der Fußball ein multikulturelles Hochgefühl ausgelöst, das die professionellen Multikulti-Beauftragten schon um ihre Deutungshoheit bangen läßt. Die "Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft" (GEW) etwa tritt angesichts der flächendeckenden Flaggenfreude - die sich übrigens keineswegs nur in den Farben Schwarz, Rot, Gold zeigt - "Stimmungen des Nationalismus und der deutschen Leitkultur" entgegen: "Deutschland ist ein Einwanderungsland. Auch wir Deutschen müssen uns verändern, wenn der nötige Integrationsprozeß gelingen soll", heißt es in einem unlängst verbreiteten Manifest der GEW.
Fußballfans scheren sich nicht um Patriotismusdebatten
Die Vorstellung, Integration über Fahnenverbote und Hymnenwarnungen zu fördern, ist bestenfalls komisch, schlimmerenfalls zeugt sie von Realitätsverlust. Den jubelnden Fußballfans mit auf die Stirn gemalten Deutschlandfarben geht es weder um die Abgrenzung von bei uns lebenden Ausländern, noch scheren sie sich um alberne Patriotismusdebatten. Geschweige denn, daß die Mehrheit von ihnen die Notwendigkeit einer besseren Integration bestreiten würde. Da ist das gemeine Volk wohl schon etwas weiter als sämtliche Mutmacher und Mahner zusammen. Wenn es allerdings durch die Weltmeisterschaft in Deutschland gelänge, auch Leute wie Günter Grass oder verdruckste Funktionäre von der Lehrergewerkschaft in diese Gesellschaft zu integrieren, wäre das schon ein bemerkenswerter Erfolg.
Text: F.A.Z., 17.06.2006, Nr. 138 / Seite 1
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
Schwarz, Rot, Gold
Von Alexander Marguier
Fußballfans scheren sich nicht um Patriotismusdebatten
17. Juni 2006
In diesen Tagen staunt Deutschland vor allem über sich selbst. Soviel Weltoffenheit, solch eine Unbeschwertheit, eine derart unverkrampfte Gastfreundschaft hätten wir uns gar nicht zugetraut.
Klinsmanns Team spielt munteren Offensivfußball, nicht einmal auf das Wetter scheint noch Verlaß: Die hochsommerliche Atmosphäre zu Beginn dieser Weltmeisterschaft versetzt das angeblich notorisch trübe Gemüt eines angehenden Globalisierungsverlierers geradezu in Wallung.
In den Himmel gucken und Bier trinken
Und dann erst unsere Gäste! Ein serbischer Fotoreporter, wegen der Fußballspiele zum ersten Mal in der Bundesrepublik unterwegs, gibt zu Protokoll, daß er als Bürger dieses Landes wahrscheinlich den ganzen Tag nur in den Himmel gucken und Bier trinken würde: "Man hat einfach nicht den Eindruck, daß es noch etwas zu tun gibt, die Leute müssen unglaublich fleißig sein." Ein ghanaischer Fan, ebenfalls auf Entdeckungsreise voller Überraschungen, fühlt sich "willkommen, als sei man selbst ein Deutscher" - dabei hätten die Fernsehstationen noch vor dem allgegenwärtigen Rassismus gewarnt. Was ist bloß los in No-go-Deutschland? Sind wir am Ende gar nicht so, wie wir glaubten zu sein?
Die große Chance dieser Weltmeisterschaft liegt nicht im gestiegenen Absatz von Turnschuhen, Erfrischungsgetränken, Staubsaugerbeuteln, Schwarzwälder Schinken, Dinkelbrötchen oder was neuerdings sonst noch über eine behauptete Nähe zum Thema Fußball unters Volk gebracht wird. Und natürlich ist das sportliche Großereignis eine zwar nicht einmalige, aber gewiß seltene Möglichkeit, sich dem Ausland als einigermaßen entspannte Nation zu präsentieren, in der Organisation auch ohne Ordnungswahn funktioniert. Der wahre Segen aber besteht darin, daß wir uns bei dieser Gelegenheit selbst ein bißchen besser kennenlernen und vielleicht das eine oder andere Vorurteil in eigener Sache korrigieren können. Der Blick unserer Besucher auf unser Land ist genau dafür ein wertvolles Gastgeschenk: Nicht nur Reisen bildet, sondern auch, besucht zu werden.
Nicht den Eindruck stubenreiner Fremdenfeindlichkeit
Günter Grass, Nobelpreisträger, Literat und personifizierter Daueraufstand der Anständigen, hat diese Woche in einem Interview "Leute wie Stoiber und andere" dafür verantwortlich gemacht, "daß sie mit ihren populistischen Maßnahmen die latente Fremdenfeindlichkeit stubenrein gemacht" hätten. Die Aussage blieb unwidersprochen, selbst eine simple Nachfrage schien überflüssig. Gemeint waren wohlgemerkt nicht nur die wirtschaftlich, sozial und emotional verwahrlosten Orte in manchen Teilen Ostdeutschlands, die - und es ist eine Schande - von Menschen aus anderen Ländern oder mit anderer Hautfarbe tatsächlich gemieden werden sollten. Sondern das ganze Land.
Nun ist eine WM sicherlich kein Fall für die empirische Sozialforschung, es geht ja "nur" um Fußball, und nach vier Wochen ist der ganze Zauber wieder vorbei. Aber wer in diesen Tagen mit offenen Augen und unverstelltem Blick durch eine deutsche Stadt geht, gewinnt nicht gerade den Eindruck, daß in dieser Gesellschaft stubenreine Fremdenfeindlichkeit herrscht. Fremd scheint den Menschen, die etwa im Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft am Steuer eines mit Deutschlandfahnen geschmückten Autos hupend durch die Gegend fahren, vor allem eines zu sein: der Begriff "Fremdheit" selbst.
Ein Land findet zu sich selbst
An den Balkonen hängen in unmittelbarer Nachbarschaft die Flaggen Italiens, Kroatiens, Tunesiens oder Deutschlands, ohne daß irgend jemand auch nur auf die Idee käme, daraus ein chauvinistisch übersteigertes Nationalgefühl abzuleiten. Ein türkischstämmiger Obsthändler hat seinen Laden in einem deutsch-paraguayischen Farbmix dekoriert, weil die eigene Heimatmannschaft diesmal nicht mit dabei ist. Ein orientierungsloser Haufen südkoreanischer Fans wird am S-Bahnsteig von ganz normalen Passanten in Obhut genommen - nur so, aus Freundlichkeit.
Das Land, in dem bis vor kurzem noch erbittert über Einbürgerungstests gestritten wurde, findet zu sich selbst - in seiner Rolle als Gastgeber. Selbst randalierenden Hooligans gelingt es nicht, eine Stimmung zu zerstören, die sich, etwas pathetisch gesprochen, mit einem Fest der Völkerverständigung vergleichen ließe. Tatsächlich hat der Fußball ein multikulturelles Hochgefühl ausgelöst, das die professionellen Multikulti-Beauftragten schon um ihre Deutungshoheit bangen läßt. Die "Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft" (GEW) etwa tritt angesichts der flächendeckenden Flaggenfreude - die sich übrigens keineswegs nur in den Farben Schwarz, Rot, Gold zeigt - "Stimmungen des Nationalismus und der deutschen Leitkultur" entgegen: "Deutschland ist ein Einwanderungsland. Auch wir Deutschen müssen uns verändern, wenn der nötige Integrationsprozeß gelingen soll", heißt es in einem unlängst verbreiteten Manifest der GEW.
Fußballfans scheren sich nicht um Patriotismusdebatten
Die Vorstellung, Integration über Fahnenverbote und Hymnenwarnungen zu fördern, ist bestenfalls komisch, schlimmerenfalls zeugt sie von Realitätsverlust. Den jubelnden Fußballfans mit auf die Stirn gemalten Deutschlandfarben geht es weder um die Abgrenzung von bei uns lebenden Ausländern, noch scheren sie sich um alberne Patriotismusdebatten. Geschweige denn, daß die Mehrheit von ihnen die Notwendigkeit einer besseren Integration bestreiten würde. Da ist das gemeine Volk wohl schon etwas weiter als sämtliche Mutmacher und Mahner zusammen. Wenn es allerdings durch die Weltmeisterschaft in Deutschland gelänge, auch Leute wie Günter Grass oder verdruckste Funktionäre von der Lehrergewerkschaft in diese Gesellschaft zu integrieren, wäre das schon ein bemerkenswerter Erfolg.
Text: F.A.Z., 17.06.2006, Nr. 138 / Seite 1
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa