Extremsportler Joachim Franz kämpft gegen die Epidemie und das Wegsehen
VON PETRA MIES
Er liebt es extrem. Sein "Team Joachim Franz" fuhr die Strecke der Rallye Paris - Dakar, durchquerte Südafrika, erklomm den Gipfel des kirgisischen Berges Pik Pobedy. Ob Tropenhitze, ob Eiseskälte: Die Frauen und Männer klettern, laufen, radeln oder fahren sogar auf dem Tretroller immer weiter. Sie quälen sich und bewältigen unter großem Zeitdruck derart große Distanzen, dass Normalsportler nur im Geländewagen oder Hubschrauber folgen können. Äußerstes schaffen auch andere Abenteurer, gewiss. Aber die Expeditionen des Wolfsburgers sind anders. Denn jeder Kilometer und jeder Sponsoren-Cent dient einer Mission: dem internationalen Kampf gegen Aids.
Der Mann mit den baumdicken Oberschenkeln und Oberarmen, in denen sich Muskeln wie gedrehte Seile spannen, tritt offen auf. Engagiert. Beim Sprechen beugt er sich immer wieder vor und gestikuliert, denn "extremes Leid braucht extremen Einsatz". Solche Merksätze sagt der 45-Jährige gerne, zitiert auch in seinem Buch "Mit aller Kraft" eine Liedzeile, die ihm Motto ist: "Es gibt keinen Weg - du musst nur losgehen."
Wer Joachim Franz betrachtet und ihm zuhört, kann sich nicht vorstellen, wie dieser austrainierte Mann mit Zehnkämpfer-Figur nach den ersten drei Jahrzehnten eines Lebens aussah, das er "mein erstes Leben" nennt. Der Werkzeugmacher, Facharbeiter bei Volkswagen mit Frau und Tochter, verließ nach Schichtende das Wohnzimmersofa allenfalls, um sich das nächste Bier zu holen. Der Fleischkloß trank, rauchte und aß zu viel, Hobbys pflegte er nicht. Ergebnis: 118 fette, faule und frustrierte Kilo Mann.
Franz beschloss über Nacht, "dass es so nicht weitergehen konnte, ich wollte mich grundlegend ändern". Er drückte die letzte Kippe aus und lief los, verkürzt gesagt, denn seine "vom Fatman zum Ironman"-Häutungen waren ein hartes Stück auch innerer Arbeit, Rückschläge und Unfälle inklusive. Marathons, Triathlons, Ultralauf, Powerman, Weltrekorde, Inlineskating-Weltbestzeit und Guinessbuch-Eintrag auf dem Trainingsgerät Versa Climber - der neue, um mehr als vierzig Kilo leichtere Franz war nicht zu stoppen und besessen von sportlichen Höchstleistungen. Er marschierte durch Irland, durchquerte den Ural auf dem Tretroller und machte Extremsport aller Art und allerorten: in Lesotho, auf den Philippinen und im Himalaya.
Allein: Die Freude daran, immer neue Abenteuertrips in außergewöhnlichen Landschaften zu unternehmen, befriedigte ihn irgendwann auch nicht mehr. Diesmal brachten zwei Erlebnisse die nächste große Wende für Franz. Einmal der überraschende Tod eines Freundes und dann eine schäbige Baracke voller ausgestoßener, dem Tod geweihter Kranker, die er nach der Philippinen-Tour bei einem Streifzug durch Manila sah: "Sie vegetierten dahin wie menschlicher Müll." Sein deutscher Freund wie auch die Ausgestoßenen von Manila erlagen der Krankheit Aids. Franz hielt es für keinen Zufall, dass er auf diese Weise wie auch während seiner Reisen nach Südafrika und in andere Länder immer wieder "den Gesichtern von Aids" begegnet war. Er entschied, fortan all seine Energie dem Kampf gegen die Krankheit zu widmen - und gegen die so verbreitete Ignoranz.
Der Ansatz seiner von den Vereinten Nationen anerkannten und geförderten "Aids Awareness Expeditionen", mit denen sein Team seit vier Jahren mehrere Millionen Euro gesammelt hat: mit spektakulären Touren und "starker Kommunikation" auch in den jeweiligen Ländern viel Aufsehen zu erregen und das öffentliche Interesse über die Faszination an sportlichen Spitzenleistungen hin zur Gesundheitskatastrophe Aids zu lenken. Überdies verkauft sein Büro zuhause in Wolfsburg jeden in der Ferne erschundenen Kilometer symbolisch an Spender.
Weil er sich immer sage, "du kannst doch nicht gegen Aids kämpfen und verlieren", kam auch die letzte Expedition, deren Schirmherr Sir Elton John war, erfolgreich an. Mit fünf Sportlerinnen und Sportlern radelte Franz in einer Mannschaftsstaffel nonstop von Alaska bis Feuerland. 23 000 Kilometer, 35 Tage und eine Stunde, fast 700 Kilometer täglich, im Schnitt 33 Kilometer pro Stunde: Jeweils eine Radlerin oder ein Radler strampelte, während die anderen pausierten. Sie wechselten immer im Zwei-Stunden-Takt. An den vielen Grenzen mussten oft alle zwangsweise stoppen.
Weil "Aids ein Problem der Straße ist, haben wir die längste Straße der Welt gewählt, um auf es aufmerksam zu machen, vor allem auf die vielen HIV-infizierten oder bereits an Aids erkrankten Straßenkinder", sagt Franz. Die legendäre Traumstraße Panamericana war den Bikern und ihren Begleitfahrzeugen, deren Insassen die Sportler versorgten und per Satellit alle Welt über die Tour informierte, ein quälendes Pflaster. Doch der glückliche Franz kann auch Wochen danach "noch immer nicht fassen, was da insgesamt 28 Menschen zusammen geleistet haben".
Zeichen zu setzen ist wichtig, weiß Franz. So brachte sein Bergsteiger-Team im vergangenen Jahr eine von VW-Auszubildenden gebastelte, übergroße Aids-Schleife auf den Pik Pobedy. Auf der Reise nach Kirgistan hatten Regierungsvertreter und Mitglieder von Aids- und anderen Organisationen während Pressekonferenzen in Berlin, Warschau, Minsk, Kiew, Moskau, Astana und Bischkek auf ihr unterschrieben. "Wer alle Länder zu den Städten weiß, ist gut in Geographie." Franz grinst. Das Foto der Schleife auf dem Gipfel wird im kommenden Frühjahr im neuen UNAIDS-Gebäude in Genf erstmals gezeigt. Es soll dort einen Platz bekommen und dann international vermarktet werden.
VON PETRA MIES
Er liebt es extrem. Sein "Team Joachim Franz" fuhr die Strecke der Rallye Paris - Dakar, durchquerte Südafrika, erklomm den Gipfel des kirgisischen Berges Pik Pobedy. Ob Tropenhitze, ob Eiseskälte: Die Frauen und Männer klettern, laufen, radeln oder fahren sogar auf dem Tretroller immer weiter. Sie quälen sich und bewältigen unter großem Zeitdruck derart große Distanzen, dass Normalsportler nur im Geländewagen oder Hubschrauber folgen können. Äußerstes schaffen auch andere Abenteurer, gewiss. Aber die Expeditionen des Wolfsburgers sind anders. Denn jeder Kilometer und jeder Sponsoren-Cent dient einer Mission: dem internationalen Kampf gegen Aids.
Der Mann mit den baumdicken Oberschenkeln und Oberarmen, in denen sich Muskeln wie gedrehte Seile spannen, tritt offen auf. Engagiert. Beim Sprechen beugt er sich immer wieder vor und gestikuliert, denn "extremes Leid braucht extremen Einsatz". Solche Merksätze sagt der 45-Jährige gerne, zitiert auch in seinem Buch "Mit aller Kraft" eine Liedzeile, die ihm Motto ist: "Es gibt keinen Weg - du musst nur losgehen."
Wer Joachim Franz betrachtet und ihm zuhört, kann sich nicht vorstellen, wie dieser austrainierte Mann mit Zehnkämpfer-Figur nach den ersten drei Jahrzehnten eines Lebens aussah, das er "mein erstes Leben" nennt. Der Werkzeugmacher, Facharbeiter bei Volkswagen mit Frau und Tochter, verließ nach Schichtende das Wohnzimmersofa allenfalls, um sich das nächste Bier zu holen. Der Fleischkloß trank, rauchte und aß zu viel, Hobbys pflegte er nicht. Ergebnis: 118 fette, faule und frustrierte Kilo Mann.
Franz beschloss über Nacht, "dass es so nicht weitergehen konnte, ich wollte mich grundlegend ändern". Er drückte die letzte Kippe aus und lief los, verkürzt gesagt, denn seine "vom Fatman zum Ironman"-Häutungen waren ein hartes Stück auch innerer Arbeit, Rückschläge und Unfälle inklusive. Marathons, Triathlons, Ultralauf, Powerman, Weltrekorde, Inlineskating-Weltbestzeit und Guinessbuch-Eintrag auf dem Trainingsgerät Versa Climber - der neue, um mehr als vierzig Kilo leichtere Franz war nicht zu stoppen und besessen von sportlichen Höchstleistungen. Er marschierte durch Irland, durchquerte den Ural auf dem Tretroller und machte Extremsport aller Art und allerorten: in Lesotho, auf den Philippinen und im Himalaya.
Allein: Die Freude daran, immer neue Abenteuertrips in außergewöhnlichen Landschaften zu unternehmen, befriedigte ihn irgendwann auch nicht mehr. Diesmal brachten zwei Erlebnisse die nächste große Wende für Franz. Einmal der überraschende Tod eines Freundes und dann eine schäbige Baracke voller ausgestoßener, dem Tod geweihter Kranker, die er nach der Philippinen-Tour bei einem Streifzug durch Manila sah: "Sie vegetierten dahin wie menschlicher Müll." Sein deutscher Freund wie auch die Ausgestoßenen von Manila erlagen der Krankheit Aids. Franz hielt es für keinen Zufall, dass er auf diese Weise wie auch während seiner Reisen nach Südafrika und in andere Länder immer wieder "den Gesichtern von Aids" begegnet war. Er entschied, fortan all seine Energie dem Kampf gegen die Krankheit zu widmen - und gegen die so verbreitete Ignoranz.
Der Ansatz seiner von den Vereinten Nationen anerkannten und geförderten "Aids Awareness Expeditionen", mit denen sein Team seit vier Jahren mehrere Millionen Euro gesammelt hat: mit spektakulären Touren und "starker Kommunikation" auch in den jeweiligen Ländern viel Aufsehen zu erregen und das öffentliche Interesse über die Faszination an sportlichen Spitzenleistungen hin zur Gesundheitskatastrophe Aids zu lenken. Überdies verkauft sein Büro zuhause in Wolfsburg jeden in der Ferne erschundenen Kilometer symbolisch an Spender.
Weil er sich immer sage, "du kannst doch nicht gegen Aids kämpfen und verlieren", kam auch die letzte Expedition, deren Schirmherr Sir Elton John war, erfolgreich an. Mit fünf Sportlerinnen und Sportlern radelte Franz in einer Mannschaftsstaffel nonstop von Alaska bis Feuerland. 23 000 Kilometer, 35 Tage und eine Stunde, fast 700 Kilometer täglich, im Schnitt 33 Kilometer pro Stunde: Jeweils eine Radlerin oder ein Radler strampelte, während die anderen pausierten. Sie wechselten immer im Zwei-Stunden-Takt. An den vielen Grenzen mussten oft alle zwangsweise stoppen.
Weil "Aids ein Problem der Straße ist, haben wir die längste Straße der Welt gewählt, um auf es aufmerksam zu machen, vor allem auf die vielen HIV-infizierten oder bereits an Aids erkrankten Straßenkinder", sagt Franz. Die legendäre Traumstraße Panamericana war den Bikern und ihren Begleitfahrzeugen, deren Insassen die Sportler versorgten und per Satellit alle Welt über die Tour informierte, ein quälendes Pflaster. Doch der glückliche Franz kann auch Wochen danach "noch immer nicht fassen, was da insgesamt 28 Menschen zusammen geleistet haben".
Zeichen zu setzen ist wichtig, weiß Franz. So brachte sein Bergsteiger-Team im vergangenen Jahr eine von VW-Auszubildenden gebastelte, übergroße Aids-Schleife auf den Pik Pobedy. Auf der Reise nach Kirgistan hatten Regierungsvertreter und Mitglieder von Aids- und anderen Organisationen während Pressekonferenzen in Berlin, Warschau, Minsk, Kiew, Moskau, Astana und Bischkek auf ihr unterschrieben. "Wer alle Länder zu den Städten weiß, ist gut in Geographie." Franz grinst. Das Foto der Schleife auf dem Gipfel wird im kommenden Frühjahr im neuen UNAIDS-Gebäude in Genf erstmals gezeigt. Es soll dort einen Platz bekommen und dann international vermarktet werden.