1. Ich finde, wir sollten differenzieren und weder die eine noch die andere Seite und Fan-Meinung verteufeln - zumal während oder direkt nach dem Spiel. Ich nehme mich da ja gar nicht aus, gerade wenn man Spiele im Live-Modus kommentiert - da spielen Emotionen eine noch größere Rolle. Das Forum hat in diesem Zeitraum ja viel mehr eine Chatrolle als vorher oder später. Das ist schon ein Unterschied zu einer Analyse/Diskussion Stunden oder gar einen Tag später.
2. Ich finde, wir sollten auch in sportlicher Hinsicht differenzieren. Wir hatten in dieser Saison schon eine Menge starker Spiele, nicht immer mit dem richtigen Ergebnis, dennoch stark, und einen kleinen Teil schlechter Spiele (Nürnberg, Darmstadt), selbst dabei oft schwache und starke Halbzeiten. Wir hatten auch gestern einen soliden Start, aber das Spiel wurde eigentlich von Minute zu Minute schlechter.
Um das gestrige Spiel differenzierter zu sehen, stelle ich (aus meiner Sicht) Positives und Negatives gegenüber:
+
- kein Gegentor
- sichere Abwehrleistung
- Einzelleistungen von Sippel, Heintz, Orban, Jenssen und mit Abstrichen Schulze
- erkennbarer Wille, das Tor zu machen (zumindest in der ersten Halbzeit)
-
- kein eigenes Tor
- kaum Torchancen, nur eine klare Chance (durch gegnerischen Keeper verschuldet)
- schlechte Umsetzung der Spielzüge kurz vorm 16er
- zu wenig Tempo im Spielaufbau und im offensiven Mittelfeld
- sehr schlechte Standards (erst mit Demirbay besser)
- zunehmende Ideen- und Hilflosigkeit in der zweiten Halbzeit --> „mechanisches Anrennen“
- keine erkennbare Reaktion des Trainers bzgl. taktischer Änderung/Alternative/Lösung
- zu späte und taktisch berechenbare personelle Wechsel (Hofmann zu bringen war in der gestrigen Situation zu jenem Zeitpunkt Bullshit!)
Einer der wichtigsten Punkte ist für mich dabei der Anteils des Trainers, ohne ihm jetzt den schwarzen Peter zuzuschieben. Aber ich finde schon, dass wir über bestimmte Sachen diskutieren können, ohne dabei den Kopf des Trainers zu fordern. Also:
3. Ich finde, wir sollten auch bezüglich der Arbeit und des Anteils des Trainers differenzieren - ähnlich wie "Traditionsverein Südwest" es getan hat.
Persönlich halte ich ihn für einen exzellenten Repräsentanten des Vereins, authentisch und stark im Umgang mit den Medien.
Positiver Mannschaftsgeist und Teamgedanke sind gerade auch auf ihn zurückzuführen. Sportlich bringt er nachweislich eine Vielzahl an unseren Talenten weiter.
Hinsichtlich seiner Taktik mache ich mir mittlerweile aber auch Gedanken. Angesichts des gestrigen Spiels (auch im Vergleich zu ähnlichen Spielen der vergangenen Saison) fehlen mir einfach die taktischen Alternativen.
Für mich war und ist die Ballbesitzstatistik noch nie das maßgebende Kriterium für guten und erfolgreichen Fußball. Aber Runjaic lässt so spielen, das ist seine Handschrift und im Erfolgsfall sieht dieser Fußball auch umso besser aus.
Problematisch empfinde ich die Situation, wenn wir - wie mehrfach gesehen - im schönen Fußball "sterben", sprich ständig die Hacke benutzen und den 45. Pass hintereinander spielen, dabei aber nicht den 16er zu Gesicht bekommen, Torchancen liegenlassen, Tore liegenlassen, Punkte liegenlassen. Auch darüber kann man sich streiten, ob das "guter" oder "gut anzusehender" Fußball ist. Irgendwann ermüden diese Ballstafetten auch den Zuschauer - v.a. wenn es zu oft nach hinten oder quer geht. Nicht umsonst hasse ich (und ich denke, nicht nur ich) Bayern-Spiele. Ich finde, sie lassen sich einfach nicht gut anschauen...
An und für sich sehe ich das System aber auch nicht so kritisch wie manch anderer. Es hat unter diesem System auch schon einige überragende Spiele gegeben. Gerade im Misserfolgsfall gehören, je nach Spielverlauf, noch andere Faktoren dazu - individuelle Fehler, wie zuletzt beschrieben. Bei unseren verspielten Führungen in dieser Saison war für mich selten das Spiel-System oder die Taktik schuld. Gestern m.M.n. aber schon und genau das kritisiere ich auch! Schon in der ersten Halbzeit haben wir kaum Chancen herausgespielt. Echte Chancen waren das sowieso nicht, weil nichts aufs Tor kam. Zur Halbzeit hätte man spätestens etwas ändern müssen, wenn nicht schon vor Anpfiff klar war, wie Darmstadt spielt.
Zur akribischen Arbeit Runjaics gehört deshalb auch, einen Plan B zu entwickeln, also von seiner eigenen Spielidee insofern abzurücken, wenn dies notwendig erscheint. D.h.: Auf Gegner und Spielsituationen reagieren, Räume schneller überbrücken, gezielt über Außen zu gehen etc. - das kommt mir viel zu kurz! Bislang bekommt man eher den Eindruck, dass stur an einer Idee festgehalten wird und das Anrennen deshalb sehr "mechanisch", aber hilflos wirkt. Wenn sich Gegner eher auf uns einstellen, zudem gut verteidigen können, ist umso wichtiger, variabel zu sein. Ist ja nicht so, dass das gestrige Spiel ein Einzelfall ist. Es erinnerte schon stark an 5-6 Partien aus der letzten Saison. Das Spiel hätte auch aus der letzten Saison sein können mit dem Unterschied, dass wir es da sogar verloren haben...
Darüber kann und sollte man m.M.n. also schon diskutieren und "streiten". Nicht um den Trainer oder den Kopf des Trainers, aber um Lösungswege und Alternativen in Sachen Taktik und Spielsystem. Das hat im Forum sehr wohl etwas zu suchen!