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[China] Kampf gegen Produktpiraten

Klingenstädter

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GLOBALISIERUNG



<span>Die Spur der Säge</span>



Von Hauke Goos



Jahrelang musste die Firma Stihl zusehen, wie Produktpiraten den Markt mit Kopien überschwemmten. Gegen chinesische Fälscher setzen die Schwaben nun chinesische Detektive ein - die Erste Welt wehrt sich gegen die Dritte.



Am Busbahnhof von Wenzhou, eine halbe Flugstunde südlich von Shanghai, steht ein Mann und starrt auf das Display einer Digitalkamera. Zwei Bilder sind auf der Kamera, es ist dasselbe Motiv. Sie zeigen den Tankdeckel einer Kettensäge, einmal geschlossen, einmal aufgeklappt. Der Mann hat seine Tasche unter den Arm geklemmt, er achtet nicht auf die schreienden Kinder neben sich, unruhig lässt er die Bilder hin- und herzappen: auf, zu, auf, zu.



Der Mann mit der Kamera ist 36 Jahre alt, verheiratet, Vater einer kleinen Tochter. Er wurde in Shanghai geboren, wie viele junge Chinesen hat er sich einen englischen Spitznamen zugelegt: Nick. Ob die Reise, die vor ihm liegt, zum Erfolg wird oder nicht, hängt wesentlich davon ab, ob er den richtigen Tankdeckel finden kann. Nick ist von auffallender Unauffälligkeit, grauer Pullover, dunkelblaue Hose, man könnte ihn für einen Vertreter halten oder für einen Rechtsanwalt auf dem Weg ins Büro.



Nick ist Detektiv. Die Kanzlei, mit der er zusammenarbeitet, vertritt ausländische Konzerne in China, fast immer gegen Produktpiraten. Große Firmen wie den Messerhersteller Zwilling oder den Porzellanfabrikanten Villeroy & Boch, und sehr große Firmen, die lieber ungenannt bleiben. Seit Chinas Wirtschaft um bis zu zehn Prozent im Jahr wächst, ist das Land zur Bedrohung geworden. Nick kämpft in seiner chinesischen Heimat für die Marke "Made in Germany".



Im Moment ruhen die Hoffnungen des deutschen Motorsägenherstellers Stihl auf ihm. Stihl ist Weltmarktführer für Kettensägen, die Firma liefert in alle Länder der Erde. Stihl-Sägen sind zuverlässig, deshalb werden sie gekauft, und sie sind bekannt, deshalb werden sie gefälscht.



Nick ist ein vorsichtiger Mensch. Einem Kollegen von ihm lauerten kürzlich vier Männer auf. Sie verfolgten ihn in ein Büro; dort schlugen sie ihn mit Knüppeln zusammen. In dem Konflikt zwischen Erster und Dritter Welt, zwischen jenen, die den Markt erobern wollen, und denen, die ihn verteidigen, operiert Nick mitten in der Kampfzone, dort, wo beide Welten aufeinanderprallen.



Am Morgen ist Nick nach Wenzhou gereist, mit dem Zug. Er will eine Frau aufspüren, deren Firma im Internet Sägen anbietet, die denen von Stihl verdächtig ähnlich sehen. Auch diese Frau hat einen englischen Vornamen; weil die Ermittlungen gegen sie nicht abgeschlossen sind, bittet Nick, die Frau im SPIEGEL "Linda" zu nennen. Er lässt sich von einem Journalisten bei der Arbeit begleiten, weil Stihl ihn darum gebeten hat.



Die Frage ist, ob Lindas Kettensägen Tankdeckel haben, die identisch sind mit denen des Stihl-Originals. Der Tankdeckel, ein sogenannter werkzeugloser Verschluss, ist eines der wenigen Details, auf das Stihl bereits in den neunziger Jahren in China ein Patent angemeldet hat. Wenn das deutsche Unternehmen vor einem chinesischen Gericht gewinnen will, muss es nachweisen können, dass die Fälscher Patentrechte verletzt haben.



Nick wird sich, sollte er Linda finden, als Händler ausgeben, zum Schein Verkaufsverhandlungen führen, Beweise sammeln und, wenn möglich, Muster beschaffen, ohne dass Linda Verdacht schöpft. "Der Tankdeckel ist unsere einzige Chance", sagt er. Dann steigt er in den Bus, der ihn ans Meer bringen wird, auf der Suche nach Linda, einer Säge und einem Tankdeckel. Das ist der Auftrag.



Wirtschaftsdetektiv gilt in China mittlerweile als ein Beruf mit Zukunft. Etwa neun Prozent des Welthandels, so die Schätzungen, entfallen inzwischen auf gefälschte Waren, 350 Milliarden Euro werden jedes Jahr mit Plagiaten umgesetzt. Bis zu zwei Drittel aller weltweit gefälschten Produkte, vermuten Experten, stammen aus China.



Die Stihl-Gruppe mit Sitz in Waiblingen bei Stuttgart bemüht sich seit Ende der achtziger Jahre, gegen die Fälscher vorzugehen. Rüdiger Stihl, ein Sohn des Firmengründers, setzte damals durch, dass Markenverstöße konsequent verfolgt werden, hauptsächlich in den Ländern, wo Plagiate unter dem Namen Stihl auf den Markt kamen. Es war der Versuch, die globalisierte Wirtschaft mit dem deutschen Wettbewerbsrecht zu zähmen.



Heute kann man sagen, dass der Versuch gescheitert ist. Jahrelang musste Stihl dabei zusehen, wie zuerst Ersatzteile gefälscht wurden und bald ganze Geräte, wie die Plagiate immer besser wurden, bis sie fast die Qualität der Originale erreichten. Heute, wo eine neue Generation von Kopisten nicht mehr die Marke fälscht, sondern bestehende Patente verletzt, setzt das Unternehmen Detektive direkt in den Fälscherländern ein, Chinesen gegen Chinesen, in Zusammenarbeit mit einer internationalen Kanzlei, Rouse & Co. International, die Büros in Peking, Shanghai und Guangzhou unterhält und immer weiter wächst.



Die Detektive beschaffen die Beweise, die Kanzlei erledigt den Rest. Zwar werden ab und an noch spektakuläre Mengen gefälschter Waren in Europa beschlagnahmt, wie erst kürzlich noch Tonnen von Turnschuhen im Hamburger Hafen, aber die Unternehmen haben die Kampfzone verschoben, dorthin, wo die Kopien hergestellt werden.



Die Produktpiraten, sagt Martin Welker, seien "mafiaähnlich" organisiert. Welker leitet die Rechtsabteilung bei Stihl, er ist ein nüchterner Mann, akkurater Haarschnitt, ein gezirkelter Bart. Er ist davon überzeugt, dass auch im Wirtschaftsleben saubere Spielregeln gelten müssen.



Welker kam 1990 zu Stihl. Wenn er mittags über den Hof zur Kantine geht, läuft er am ehemaligen Verwaltungsgebäude vorbei. In der geweißten Außenwand war früher ein kleines Fenster. Dort oben, erzählt man sich, habe vor 50 Jahren der alte Stihl gehockt und aufgepasst, dass seine Leute nach Betriebsfeiern pünktlich zur Arbeit kamen.



Nach dem Tod des Gründers formte dessen ältester Sohn Hans Peter Stihl das Unternehmen zu einem Muster deutschen Unternehmertums, mit schwäbischer Rechtschaffenheit, Innovationsfreudigkeit und Cleverness. Mittlerweile macht die Stihl-Gruppe zwei Milliarden Euro Umsatz im Jahr, fast 9500 Mitarbeiter leben weltweit von der Säge. "Solange es die Piraterie nicht gab", sagt Welker, "hatte man eine geordnete Welt vor sich."



Früh, Anfang der sechziger Jahre bereits, begann Stihl, nach Asien zu expandieren, einen Vertrieb aufzubauen und ein zuverlässiges Händlernetz. 15 Jahre dauerte es, dann war die Marke etabliert. Asien galt als Markt der Zukunft. Eigentlich, dachten sie bei Stihl, könnte ihnen nun nichts mehr passieren.



Dann, Ende der Achtziger, tauchten plötzlich Nachbauten von Ersatzteilen auf, für einen Stihl-Klassiker, die Motorsäge 070: Vergaser, Kurbelgehäuse, Schalldämpfer, Kettenrad, nahezu alle Verschleißteile. 1994 kam die erste komplett gefälschte 070 auf den Markt, angeboten unter der Bezeichnung "Chain Saw A-One". Die geordnete Welt begann sich aufzulösen.



Bald wurde klar, dass die Nachbauten dem Absatz empfindlich schadeten und dem Ruf dazu - eine 070 kostete regulär rund 750 Dollar, die Kopie ist ab 250 Dollar zu haben, und wenn die Kopie kaputtgeht, dann läuft der verärgerte Kunde zuerst zum Stihl-Händler, um sich zu beschweren. Allein in Indonesien halbierte sich der Marktanteil des deutschen Sägenbauers innerhalb weniger Jahre, von 80 auf 40 Prozent.



Welker kniet auf dem Fußboden seines Büros, sieben Zeitzonen von Wenzhou entfernt, an der Wand hängt eine Uhr, die jemand aus dem Lüftergehäuse einer Motorsäge gebastelt hat. Vor ihm liegt ein Trennschleifer, Modell TS 400, Neupreis 1100 Euro. Welker will zeigen, welche Bauteile durch ein Patent geschützt sind. Vor fünf Jahren tauchte so ein Gerät auf einer Baumesse in den USA auf: ein nahezu identischer Nachbau, "tupfengleich", wie man in Schwaben dazu sagt, inklusive Anwurfvorrichtung rechts und Luftfilter. In Welkers Wahrnehmung markiert der nachgebaute TS 400 eine Epochenwende: Es war das erste Mal, dass die Fälscher kein Altgerät mit ausgelaufenen Patenten kopierten, sondern ein nagelneues Hightech-Produkt.
 
Damals begriff er, dass die chinesischen Fälscher nicht nur ungeheuer beweglich sind, sondern auch ungeheuer schnell. Schneller jedenfalls als die Firma Stihl, wenn es drauf ankommt.



Am Anfang hatten sie in Waiblingen gehofft, dass der Schaden auf einzelne Märkte begrenzt werden könne. Seit vor einem Jahr die ersten gefälschten Produkte für den rasch wachsenden Hobbymarkt auftauchten, ist aus dem Ärgernis eine Bedrohung geworden. "Die Lage verschärft sich in China dramatisch", sagt Welker. "Inzwischen geht es um den Weltmarkt."



Welker lässt den Weltmarkt ständig über Vertriebspartner und Importeure beobachten. Stihl betreibt seit kurzem, als Reaktion auf die veränderte Lage, eine aggressive Patentpflege, jede Neuerung wird sofort auch in China angemeldet. Es komme darauf an, sagt Welker, den Druck zu erhöhen, den Fälschern klarzumachen, dass Stihl den Kampf angenommen habe. Dass die Deutschen das Spiel durchschaut haben.



Als Linda im vergangenen Frühjahr zwei Stihl-Nachbauten auf ihre Internet-Seite stellte, hatte Welker sofort drei sehr konkrete Aufträge für Nick, den chinesischen Detektiv: Er sollte recherchieren, welche Rolle Linda spielte; er sollte Muster beschaffen, um Welker zu informieren, welche Patente verletzt wurden; und er sollte den Standort der Fabrik herausfinden, die Lindas Sägen produzierte, damit die Polizei mit einer Razzia zuschlagen könnte.





Von Wenzhou nimmt Nick den Bus nach Yuhuan, einer Industriestadt auf einer Halbinsel im Ostchinesischen Meer. Die Fahrt geht durch Reisfelder und Berge, es sind kaum Menschen auf dem Land zu sehen, das moderne China findet nicht auf den Feldern statt, sondern auf der Straße. Am Fenster ziehen riesige Reklametafeln vorbei, auf denen chinesische Firmen für Elektrogeräte werben, für Röhren und Ventile, die deutsche, amerikanische oder japanische Vorbilder haben.



Die Provinz Zhejiang, südlich von Shanghai gelegen, ist das Zentrum der chinesischen Fälscher. Hier blüht der Traum Asiens: eines Tages aufzusteigen in den Kreis der großen Industrienationen, Deutschland zu überholen und, irgendwann, die USA, nicht länger Werkbank der Welt zu sein, sondern Chefetage.



Nick starrt aus dem Fenster. Bevor er Detektiv wurde, hat er als Bauingenieur gearbeitet. Da Detektive in China besser verdienen als Ingenieure, wechselte er vor vier Jahren den Job. Als Chinese arbeitet er jetzt für den Westen, gegen chinesische Interessen. Arbeitet verdeckt, lügt, täuscht. Manchmal hat er das Gefühl, dass er zum Verräter am chinesischen Traum wird. Manchmal glaubt er aber auch, dass er seiner kleinen Tochter irgendwann sagen wird, er habe damals, in Chinas wilder Boomzeit, auf der Seite der Guten gestanden.



Vom Bus aus betrachtet sieht die Provinz aus wie ein riesiger Gewerbepark: Städte, die sich ineinanderschieben, Bürotürme aus Glas und poliertem Stein, die die alten Wohnviertel überwuchern, ein Gewühl aus Lastwagen und Taxis und Kleinhändlern auf Mopeds, ein riesiges Labor, in dem das neue China entsteht.



Zu groß, zu voll mit Möglichkeiten, um nebenher auch noch auf die Gesetze zu achten. Alles geht so schnell. Nach Angaben der Pekinger Regierung haben bisher nur 0,03 Prozent aller chinesischen Firmen eine eigene Technologie entwickelt.



Am frühen Nachmittag hält Nicks Taxi vor der Adresse, die Linda auf der Internet-Seite angegeben hat: einem sechsgeschossigen Wohnhaus, grau verputzt, Gemüsebeete am Rand einer Brachfläche, im Erdgeschoss ein paar kleine Läden.



Nick erkennt das Haus sofort wieder. Im vergangenen Sommer, als seine Detektei mit den Ermittlungen im Fall Linda begann, bat Nick seinen Partner, Kontakt zu Linda aufzunehmen. Er sollte in Erfahrung bringen, ob Linda für eine Firma arbeitet oder auf eigene Rechnung. In seiner Aktentasche steckt ein Foto von dem Haus, das ihm sein Partner gegeben hat.



Das Ergebnis der Recherchen von damals war, dass Linda zwei Jahre zuvor ins Geschäft eingestiegen war, erst mit Autozubehör, später mit Kettensägen. Die Sägen seien hauptsächlich für Brasilien und Argentinien bestimmt. Produziert würden die Geräte in der Fabrik eines Bekannten, im nahen Taizhou.



Nick war daraufhin selbst nach Taizhou gefahren. Eine Firma für Gartengeräte

war, so glaubte er, die einzige, die in der Stadt für die Produktion von Motorsägen in Frage kam. Auf einer Web-Seite hatte er eine Anzeige entdeckt, in der Linda eine Säge dieser Firma zum Verkauf anbot.



Nick erfuhr, dass hier die Stihl-Modelle MS 170 und 180 nachgebaut werden, aber es gelang ihm nicht, ein Muster zu bekommen, einen Beweis, mit dem man vor Gericht ziehen könnte.



Nick beschloss abzuwarten. Er steht jetzt vor dem grauverputzten Wohnblock, er bittet die Vermieterin, ihn durch das Haus zu führen, er sagt, er suche ein Apartment. Aber er hat kein Glück: Lindas Name ist nirgends zu entdecken, möglicherweise ist sie schon wieder ausgezogen.



Das Geschäft ist für Händler wie Linda beinahe ohne Risiko. Am Anfang stellen sie nur ein paar Originalfotos von Stihl-Sägen ins Netz, als Köder. Dann warten sie, ob es für das Angebot eine Nachfrage gibt. Bei Interesse kauft der Händler ein Stihl-Gerät im Original, fährt zu einer Fabrik und lässt es kopieren: Die Säge wird zerlegt, die einzelnen Teile vermessen, Zeichnungen erstellt, die notwendigen Werkzeuge angefertigt - alles ohne Originalzeichnungen, ohne Werkspionage. Dann sucht sich der Händler eine Firma, die über Kontakte und eine Exportlizenz verfügt.



Von Yuhuan macht sich Nick erneut auf den Weg nach Taizhou. Vier Monate nach seinem letzten Besuch will er noch einmal versuchen, ein Muster zu bekommen. In diesem Teil der Provinz sind auf den Reklametafeln vor allem Armaturen zu sehen, Duschköpfe, Mischbatterien.



Er steigt aus dem Taxi, in einem Viertel aus dreigeschossigen Mietshäusern, es dämmert bereits. Er geht über den Hinterhof, hinein in ein Treppenhaus, überall liegen Apfelsinenschalen und Zigarettenschachteln. Im Sommer, als er das erste Mal hier war, hatte der Geschäftsführer ihn empfangen, diesmal öffnet eine junge Frau die Tür, vielleicht Ende zwanzig, Latzhose in Stihl-Orange, im vierten Monat schwanger. Sie lächelt.



Nick überreicht ihr seine Visitenkarte. Darauf steht sein echter Name, eine Telefonnummer aus seinem Shanghaier Büro und ein erfundener Firmenname, die Begriffe "Import" und "Export" tauchen darin auf. Nick gibt sich als Händler aus, er sagt, er habe Interesse an den Sägen, in großer Stückzahl. Nick kann sehr freundlich sein, er redet leise und lacht viel.



Oben links auf seiner Visitenkarte ist das Logo mit dem Namen eines bekannten chinesischen Finanzdienstleisters. Jeder in China kennt dieses Logo. Seht her, sagt das Logo: Auch ich nehme es mit Eigentumsrechten nicht so genau. Die Visitenkarte ist Nicks Köder.



Die junge Frau führt ihn in ein Büro, drei Schreibtische stehen da, drei Computer, an der Wand drei Urkunden. An der Wand gegenüber steht ein riesiges Regal, bis zur Decke gefüllt mit Stihl-Sägen, Stihl-Ersatzteilen, Stihl-Kartons. Eine zweite Frau in einem dunkelblauen Kostüm arbeitet schweigend an einem der Computer.



Die junge Frau in der Latzhose holt Papierbecher für Tee und überreicht Nick zwei Gebrauchsanweisungen, eine von Stihl, eine ohne Firmenbezeichnung. "Alles identisch", sagt sie stolz. Sie hat Vertrauen gefasst zu diesem freundlichen Händler. Sie holt eine Motorsäge in den Stihl-Farben aus dem Regal und zeigt auf ein Original der Säge MS 180, eines der erfolgreichsten Stihl-Produkte.



Nick stellt die beiden Sägen nebeneinander auf den Boden: Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu erkennen. Nur der Tankdeckel ist offensichtlich nicht identisch. Und das heißt, dass es keinen Verstoß gegen das Patentrecht gibt. Dass der Chinese nicht nur schnell ist, sondern auch schlau.



Für Martin Welker im fernen Deutschland sind das keine guten Nachrichten. Er weiß, wie schwierig es ist, vor einem Richter zu begründen, wo die Ähnlichkeit aufhört und die Nachahmung beginnt. Viel leichter wäre es, wenn Stihl einfach gegen die unerlaubte Verwendung seiner Farben klagen könnte. Aber dieser Weg ist verbaut, gescheitert an Europas pingeligen Gesetzen.
 
1972 hatte Stihl eine neue Farbkombination für seine Produkte eingeführt: Orange und Hellgrau. Es gibt, rein theoretisch, die Möglichkeit, diese Kombination als Farbmarke schützen zu lassen, kein anderer Hersteller dürfte seine Sägen dann noch in Orange und Hellgrau produzieren.



Welker ging zum Markenamt der EU in Alicante. Als die Europäer ablehnten, zog er vor den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Die Farbe Orange, belehrten ihn die Richter, könne nicht exklusiv für Stihl reserviert werden, da es die Signalfarbe der Waldarbeiter sei.



Es gehe nicht um das Orange, sagte Welker vorsichtig, sondern um die Kombination von Orange mit Hellgrau. Zur Demonstration hatte er einige Stihl-Geräte mit nach Luxemburg gebracht, auf einem Rolltisch schob er sie nach vorn. Das Gericht blieb unbeeindruckt. Jede Warnweste sei doch orange, sagten die Richter. Am Ende rollte Welker seine mitgebrachten Geräte wieder nach draußen.



Wer denn ihre Kunden seien, fragt Nick die junge Frau mit der Latzhose. Die Sägen, sagt sie, gingen nach Russland, in die Türkei, nach Mittel- und Südamerika. 3000 Stück könnten pro Monat gebaut werden; wer einen Container abnimmt, 1040 Stück, darf sich die Farben aussuchen.



Ob man die Säge auch mit dem Stihl-Logo bekommen könne? Sie sei Studentin der Rechtswissenschaft, sagt die junge Frau. Das Fälschen eines Logos sei in China verboten.



Nick trägt die gefälschte Stihl-Säge auf den Balkon. Als er den Anlasser betätigt, springt die Säge zunächst nicht an. Dann fliegt eine der beiden Muttern ab, die das Gehäuse zusammenhalten.



Wo die Sägen produziert würden, fragt Nick. Ohne die Fabrik gibt es keine Razzia. Ganz in der Nähe, antwortet die Frau, etwa 30 Taximinuten entfernt.



Ob er sich die Fabrik ansehen dürfe?



"Ich muss meinen Mann fragen", sagt die Frau. "Wir werden Sie anrufen."



Es sind vor allem die Entwicklungskosten, die Stihl-Sägen so teuer und das Fälschen so lukrativ machen. Vier Jahre dauert es, bis eine neue Säge serienreif ist. In Waiblingen hat Stihl vor ein paar Jahren ein neues Entwicklungszentrum eingerichtet. 400 Ingenieure arbeiten daran, die Säge mit Hilfe von Spektralanalyse, Chemielabors und einer Kette von Prüfständen robuster, leichter, umweltverträglicher zu machen - jedes Gerät ein Kompromiss aus extremem Leichtbau und niedriger Vibration, geringem Schalldruck und Benzinverbrauch, langer Haltbarkeit und verbesserten Abgaswerten - "wie ein Formel-1-Auto", sagt Welker.



Die Entwicklungsabteilung war lange der größte Wettbewerbsvorteil von Stihl. Jetzt ist daraus eine Art weiche Flanke geworden, aber auch eine Chance: Stihl erhöht den Entwicklungsaufwand sogar noch, um bei der Entwicklung immer einen Schritt weiter zu sein als die Fälscher.



Nick trinkt seinen Tee aus, dann steht er auf. Er weiß jetzt, dass die Firma die Produktion aufgenommen hat, dass es ihr gelungen ist, ein Stihl-Modell marktreif zu kopieren, dass sie an weiteren Modellen arbeitet.



Er habe Kontakt zu einer Händlerin gehabt, sagt er zu der jungen Frau.



"Kennen Sie Linda?"



Die Frau im blauen Kostüm blickt auf. Sie schaut kurz zu Nick, dann hinüber zu der Frau in der Latzhose.



Die Frau in der Latzhose lächelt.



"Linda, das bin ich", sagt sie. Die Frau hat er gefunden. Was noch fehlt, ist die Fabrik.



Am Abend ruft ihn der Chef der Firma an, auf dem Handy. Er bedaure sehr, Nick die Fabrik nicht zeigen zu können. Man habe Aufträge abzuarbeiten, der Zeitpunkt für einen Besuch sei nicht günstig. Vielleicht später, sagt er zum Abschied, wenn man ins Geschäft gekommen sei.



Nick drückt sein Handy aus und guckt es einen Moment lang stumm an. Er weiß jetzt, dass Stihl mit den Ergebnissen nicht zufrieden sein kann. Es gibt in China keine schnellen Lösungen, fast immer klafft eine Lücke zwischen der Erwartung deutscher Auftraggeber und der chinesischen Wirklichkeit. Es wäre bereits ein Erfolg, wenn Stihl den Druck auf Linda so erhöhen könnte, dass die Firma eines Tages aufhört, Stihl-Sägen zu kopieren - und stattdessen einen Konkurrenten fälscht.



Und selbst wenn es gelänge, Linda aus dem Geschäft zu drängen: In China gibt es Dutzende Firmen, die daran arbeiten, die Sägen des Weltmarktführers nachzubauen, und es gibt Hunderte, die sofort zum Fälschen bereit wären, wenn die Nachfrage wächst.



Stihl hat vor kurzem ein Montagewerk in Qingdao eingeweiht. Der Zugang der chinesischen Mitarbeiter zu Entwicklungsdaten und wichtigen Zeichnungen ist auf das Nötigste beschränkt, aber die Stihl-Leute wissen, dass sie im weltweiten Wettbewerb ohnehin keine Alternative haben. Die Lohnkosten in China betragen knapp zehn Prozent der deutschen Kosten. Die Deutschen sind angewiesen auf das Land, das sie bedroht.



Vielleicht kommt es nicht darauf an, den Kampf gegen die Produktpiraten zu gewinnen. Möglicherweise reicht es schon, so lange durchzuhalten, bis die chinesischen Firmen anfangen, von anderen chinesischen Firmen zu klauen. Die Zahl der von Chinesen angemeldeten Patente steigt in letzter Zeit rasant; wenn die chinesischen Unternehmen selbst Angst vor Fälschungen haben müssen, wird ihre Regierung härter als bisher gegen Kopierer vorgehen.



Tatsächlich verändert der Aufstieg Chinas zur Industriemacht das Land selbst. Irgendwann wird es kein Problem mehr sein, die Entscheidung eines europäischen Gerichts in China durchzusetzen - und umgekehrt. Die Dritte Welt wird zur Ersten - das ist auch eine Hoffnung.



Auf dem Rückweg nach Shanghai macht Nick noch einen Termin bei einer Firma, auf die er zufällig während der Ermittlungen im Fall Linda stieß. Sie liegt in einem Industriepark am Rand von Taizhou. Das Bürogebäude ist um einen Hochspannungsmast herumgebaut, im Innenhof streunen Hunde um eine rote Papierlaterne, die jemand auf ein Stück Rasen geworfen hat, es riecht nach Abgasen, Hundekot und frisch gesägtem Holz.



Nick gibt sich wieder als Händler aus, der Geschäftsführer geleitet ihn ins Besprechungszimmer. In der Ecke des Raums liegen zehn originale Stihl-Kartons übereinander, "Made in Germany". "Wir haben die Sachen gekauft, um sie zu studieren und zu kopieren", sagt der Geschäftsführer und verteilt Clementinen. "Stihl-Produkte sind sehr teuer. Wir planen, die Kopien zu einem Viertel des Originalpreises anzubieten."



Bevor Nick sich verabschiedet, führt ihn der Geschäftsführer in eine Halle, in der die fertigen Produkte lagern. In der Mitte, auf einer Palette, liegen Rollerblades, an die hinten ein Benzinmotor angebaut wurde, 1,5 PS stark, 35 Stundenkilometer schnell. Es sei ihre Idee, sagt der Geschäftsführer, ihre eigene Erfindung, vielleicht die erste in ihrer kurzen Firmengeschichte. Sie haben sie durch ein Patent schützen lassen.



Zum ersten Mal müssen sie Angst haben, dass jemand ihnen eine Idee klaut.







Quelle: spiegel
 
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