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Hallo, ich heiße Anonymo und bin schon seit ewigen Zeiten FCK-Fan. Kürzlich habe ich meinen Schrank aufgeräumt und was habe ich gefunden? Eine Jeans-Jacke mit FCK-Aufnähern drauf, einen vergilbten Wollschal in den Farben rot-weiß und einen abgegriffenen, traurig wirkenden Teufel, der mich mit sehnsüchtigen Blicken ansah. Ja damals, als es jeden zweiten Samstag auf den Betze ging, bei Wind und Wetter, war ich von weitem schon als FCK-Fan erkennbar. Spannend war es schon damals, aber oft entweder zu heiß oder zu kalt, nass und windig. Widrige Begleitumstände für 90 Minuten Fußball. Und überhaupt: die Zeiten ändern sich! Zum Glück ist jetzt alles viel moderner, sauberer und vor allem sicherer. Okay, jeder Komfort hat seinen Preis. Früher war ich fast jedes Wochenende mit dem FCK unterwegs. Heute kostet mich so eine All-inclusive-rundum-sorglos-Eintrittskarte immerhin 150 Euro für den billigsten Rang. Man kann nicht alles haben im Leben. Qualität hat seinen Preis!
Zum Fußball gehe ich nur noch ein- oder zweimal im Jahr besonders gerne, wenn mich meine Sparkasse mal wieder zu diesem Event einlädt, weil ich das Geld, das ich früher für meine Dauerkarte, FCK-Trikots, Fanartikel und Auswärtsfahrten ausgegeben habe, jetzt in den FCK-Remember-Fond mit garantierter Ausschüttung einbezahle, ein Live-Fußballspiel im Jahr eingeschlossen! Man muss ja nicht jedes Wochenende Fußball gucken! Aber Moment, das heißt jetzt auch nicht mehr „Betze“, sondern DWE-Arena. Unter vorgehaltener Hand sprechen manche Unverbesserlichen von der „Das-war-einmal“-Arena. Aber diese ewigen Nostalgiker gibt es überall, sind einfach nicht auszurotten. Die Zeiten ändern sich eben!
Jetzt brauche ich keine Fan-Kleidung mehr, denn die ist nach der WM 2006 strikt verboten worden. Niemand erkennt mich mehr am Bahnhof als Fußball-Fan. So kann ich wenigstens nicht angepöbelt oder als „FCK-Hurensohn“ betitelt werden. Jetzt geht man ganz normal in Businesskleidung zum Fußball, schließlich haben die meisten größeren Firmen eine eigene Loge! Jeans und T-Shirts werden als unpassend empfunden und die Türsteher sortieren gnadenlos aus. Andererseits wurde dadurch endlich das schwierige Problem mit diesen Supportern und Ultras gelöst, die laut grölend jedes Spiel mit Choreografien vor dem Anpfiff und vor allem lauten Gesängen während des Spiels gestört haben. Jetzt gibt es nur noch First-Class-Logen, Business-Seats und den Economy-Bereich, alles natürlich vom Feinsten mit bequemen Sesseln ausgestattet. Keine Stehplätze und Blocks mehr, jetzt heißt das Parkett, Rang und VIP-Lounge. Schließlich will ich in Ruhe das Spiel genießen und nicht mit Bierbechern beworfen oder Senf beschmiert werden!
Das Essen und überhaupt die ganze Atmosphäre sind schon prima. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn kann man sich noch am Sushi-Buffet stärken oder ein paar Löffel Kaviar naschen (alles inklusive!), vor dem ersten Gong noch schnell ein Sektchen oder zwei, aber kurz vor Beginn begeben sich ohnehin die wenigsten auf ihren Platz oder in die Loge, auch wenn die Platzanweiser manchmal ein bisschen ungeduldig werden. War schon nervig früher, diese Hetze! Am Bierstand anstehen, dann natürlich noch einmal an der Würstchen-Bude, gleiche Prozedur vor dem Klo und an der Pfandrückgabe. Eine Stunde vor dem Spiel musste man dann schon im Block sein zum „Einsingen“. Zum Glück sind diese Zeiten passé! Die zeitlose Hintergrund-Musik ist angenehm und nicht zu laut. Seit die FIFA Fangesänge verboten hat, kann man sich wenigstens wieder mit seinem Platznachbarn unterhalten. In den Logen ist die Musik natürlich individuell wählbar, wer es fetzig will, wählt den „Hummelflug“ von? Rimsky-Korsakoff? Händel?. Diejenigen, die mit dem Begriff „Viererkette“ nichts anfangen können, weil sie eben nicht so viel über Fußball wissen, können den Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“ wählen, echt Klasse, diese Möglichkeiten!
Wenn es dann endlich losgeht und sich 2 x 11 Fußballspieler im hellen Kunstlicht gegenüber stehen und einer der 6 Schiedsrichter das Signal für den Videowürfel gibt, auf dem noch einmal alle 53 Sponsoren eingeblendet werden, ja, da kriege ich eine echte Gänsehaut! Die Zeiten ändern sich eben! Obwohl, manchmal bin ich so vertieft in das Gespräch mit meinem Anlageberater, dass ich gar nicht mitbekomme, wann ein Tor gefallen ist. Glücklicherweise gibt es in den Logen jetzt diese Festplatten-Receiver und auf den billigen Rängen die Videowand, mit denen man zeitversetzt alles nochmal gucken kann. Nach dem Abpfiff geht es ja nahtlos weiter mit der Pressekonferenz, Autogrammstunde der Wirtschaftsbosse, den Ausschüttungen der Wettbüros und dem „Fan des Tages“. Das ist nicht so ein zufällig ausgewählter, mit Schals behängter Fan, der aus 50 Metern ein leeres Tor treffen muss, sondern der/die Geschäftsmann/-frau mit dem höchsten Geschäftsabschluss des Tages. Wow , das hat doch Stil!
Den kleinen, traurigen Teufel habe ich im Dunklen sitzen lassen und schnell den Schrank zugemacht. Ist doch eh nix für echte Männer, dieser Stofftiere-Kult. Teufel, Bären, Krokodile und Zebras gehören ins Kinderzimmer oder in den Zoo! Zum Glück haben sich die Zeiten wirklich geändert und es ist nicht nur darüber geredet worden! Danke DFB, dass Du den Fußball endgültig als Kulturerlebnis etabliert hast!
Quelle: weiss der teufel ausgabe 8