Der letzte Kaiser
Weltmeister, Weltbürger und Werbe-Ikone: Die lebende Fußball-Legende Franz Beckenbauer wird morgen 60 Jahre alt
VON JÖRG HANAU
Franz Beckenbauer feiert am Sonntag Geburtstag. Na und? Er wird 60. Glückwunsch. Das werden andere auch. Aber wer kennt die schon? Den Beckenbauer, den kennt jeder. Er ist die Lichtgestalt, der Kaiser. Ein ehemaliger Fußballer mit der Strahlkraft eines Gutmenschen und einem Bekanntheitsgrad, der weit über den eines Kanzlerkandidaten hinaus geht. In der Beliebtheitsskala der Deutschen steht er ganz oben. Sein Name ist längst ein Synonym für Erfolg. Ein König Midas des Fußballs: Was er auch anpackt, es wird zu Gold. Wäre er in Texas und nicht in Bayern geboren, Franz Beckenbauer wäre wohl längst US-Präsident. "Er könnte, wenn er wollte, Regierungen stürzen", hat der österreichische Künstler und Kurator des Kulturprogramms der WM 2006, André Heller, einmal über ihn gesagt. Beckenbauer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Ein Stück deutscher Kulturgeschichte zum Anfassen.
Seine Omnipräsenz ist ebenso erschreckend wie faszinierend. Der Aufstieg des vormals eleganten Kickers zum honorigen Manager und zur gefragten Werbe-Ikone ist eng verbunden mit dem medialen Schulterschluss mit der auflagenstärksten Boulevard-Zeitung des Landes. Ein Pfund, mit dem sich in den vergangenen vier Jahrzehnten trefflich wuchern ließ. "Er hat alles gemacht, was ein Deutscher nicht machen darf", sagt sein ehemaliger Fußball-Kollege Paul Breitner: "Sich scheiden lassen, die Kinder verlassen, mit der Freundin abhauen, Steuerschulden, die Freundin wieder verlassen." Geschadet hat es seinem guten Ruf aber nie. Im Gegenteil. Beckenbauers Interpretation des Liberos, des freien Mannes also, scheint anzukommen. Er steht zu seinen Schwächen - und redet. Manchmal auch zu viel. "So groß ist das Verbrechen nun auch nicht. Der Liebe Gott freut sich über jedes Kind", hat Beckenbauer über seinen letzten Seitensprung gesagt. Die entwaffnende Logik eines Mannes, dessen Eloquenz mittlerweile sprichwörtlich ist. Die geringe Halbwertzeit der Beckenbauerschen Sprachergüsse sind jedoch stets ohne Folgen geblieben. Seine Widersprüchlichkeit ist längst Markenzeichen. Seine Kritiker nennen den telegenen Fußball-Helden einen Dampfplauderer, der es wie kaum ein Zweiter verstanden hat, auf der Klaviatur der Medien zu klimpern. Die Bild-Zeitung kredenzt den Kaiserschmarrn als Stammessen, Premiere und ZDF bedienen sich Beckenbauers als Quotenbringer. Das Zweite sendet am Sonntag zur Primetime eine von Thomas Gottschalk moderierte Geburtstags-Gala für Beckenbauer, der den Rummel um die eigene Person mit der Gemütsruhe eines Basset über sich ergehen lässt: "Das geht auch vorbei."
Typisch Beckenbauer. Stress ist ihm anscheinend fremd. Seine Auftritte, ob öffentlich oder semiprivat, sind stets von einer Unaufgeregtheit geprägt, die ihresgleichen sucht. Immer freundlich, stets charmant. Beckenbauer wirkt nie gehetzt und schon gar nicht arrogant. Sein seriöser Auftritt ist nicht etwa seinem ergrauten Haar geschuldet. Selbst als unbekannter Versicherungsvertreter wäre aus ihm wohl ein reicher Mann geworden: Vertrauenerweckend, kompetent, hilfsbereit. Hinter seinem mitunter herzlichen Lächeln hat sich der Genussmensch Beckenbauer aber auch jene kindliche Unbedarftheit und Neugier bewahrt, die ihm auf seinen vielen Reisen wichtige Begleiter sind. Er ist der Exportschlager "Made in Germany", ein Außenminister des Fußballs, der die Weltmeisterschaft 2006 angeblich im Alleingang nach Deutschland geholt haben soll. Das ist zwar Quatsch und genauso falsch wie der Glaube, dass Altkanzler Helmut Kohl die Berliner Mauer eingerissen hat, doch wenn's der Legendenbildung dienlich ist ...
Selbst an seinem Geburtstag dient Beckenbauer dem Fußball, der ihn zum Millionär machte. Im marokkanischen Marrakesch schüttelt er am Sonntag anlässlich des Fifa-Kongresses noch eifrig Hände, bevor er sich eine Woche lang feiern lässt. Im Oktober startet der Präsident des WM-Organisationskomitees dann schon wieder zu einem wahren Reise-Marathon. Binnen 50 Tagen jettet Beckenbauer dreimal um den Globus, um alle 31 WM-Teilnehmer persönlich einzustimmen auf ihren "Besuch bei Freunden". Klingt verlockend, ist aber ein Knochenjob, der nur mit eiserner Disziplin zu bewältigen ist. Mit der oft und gerne beschriebenen Leichtigkeit, mit der Beckenbauer alles zufliegt, hat das freilich nichts zu tun.
Beckenbauers Einsatz ist seine Passion. So war es schon immer. Und so wird es wohl auch bleiben. "Ich habe immer die Jobs gemacht, die ich eigentlich nie haben wollte", sagt er mit einem Augenzwinkern. Er wollte kein Teamchef sein und führte Deutschland doch zum Weltmeistertitel sowie den FC Bayern zu zwei deutschen Meisterschaften. Er wollte kein Vereinsmeier sein und wurde doch Präsident seines FC Bayern und darüber hinaus DFB-Vize. Und nicht anders verhält es sich für den gläubigen Christen mit der Nachfolge des Anfang 2007 aus dem Amt scheidenden Schweden Lennart Johannson. Der Präsident des europäischen Fußball-Verbandes Uefa würde es gerne sehen, könnte einer vom Kaliber Beckenbauers die Geschäfte übernehmen. "Das entscheidet allein die Familie", behauptet Beckenbauer und schiebt den schwarzen Peter seiner neuen Lebensgefährtin Heidi zu.
"Ich bereue nichts", sagt Beckenbauer, der bereits mit 17 erstmals Vater geworden war, und freut sich auf seinen neuen Lebensabschnitt, in dem erstmals die Familie die Hauptrolle spielen soll. Seine jüngsten Kinder Joel (4) und Francesca (2) haben in ihm einen Instinkt geweckt, dem er - spät, aber nicht zu spät - folgen möchte. "Sie aufwachsen zu sehen, ist mehr wert, als alles andere", versichert Beckenbauer, der sich mit nun 60 Jahren am Ziel seiner beruflichen Träume wähnt und die Abgeschiedenheit der Kitzbüheler Alpen einem Jetset-Leben eigentlich vorziehen würde. Danach sieht es für den Hobby-Golfer mit einstelligem Handicap aber nicht aus. Wäre auch zu schade, würde Deutschlands letzter Kaiser bereits vor Erreichen des Rentenalters abdanken.
Übrigens: Wäre es nach Mama Beckenbauer gegangen, hätte an jenem spätsommerlichen 11. September des Jahres 1945 eine kleine Kaiserin das Licht der Welt erblickt. Antonie Beckenbauer, mittlerweile 92 Jahre alt, hatte sich von ganzem Herzen ein Mädchen gewünscht, deren Namen sie auch schon kannte: Franziska.
http://frankfurterrundschau.de/ressorts/sport/sport/?sid=caf1448a0b7feb065ec21b9c654e0c86&cnt=724246http://frankfurterrundschau.de/ressorts/sport/sport/?sid=caf1448a0b7feb065ec21b9c654e0c86&cnt=724246
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Finde man sollte diesem Sportsmann Respekt erweisen, auch wenn er der Präsident des FC Bayerns ist.
Weltmeister, Weltbürger und Werbe-Ikone: Die lebende Fußball-Legende Franz Beckenbauer wird morgen 60 Jahre alt
VON JÖRG HANAU
Franz Beckenbauer feiert am Sonntag Geburtstag. Na und? Er wird 60. Glückwunsch. Das werden andere auch. Aber wer kennt die schon? Den Beckenbauer, den kennt jeder. Er ist die Lichtgestalt, der Kaiser. Ein ehemaliger Fußballer mit der Strahlkraft eines Gutmenschen und einem Bekanntheitsgrad, der weit über den eines Kanzlerkandidaten hinaus geht. In der Beliebtheitsskala der Deutschen steht er ganz oben. Sein Name ist längst ein Synonym für Erfolg. Ein König Midas des Fußballs: Was er auch anpackt, es wird zu Gold. Wäre er in Texas und nicht in Bayern geboren, Franz Beckenbauer wäre wohl längst US-Präsident. "Er könnte, wenn er wollte, Regierungen stürzen", hat der österreichische Künstler und Kurator des Kulturprogramms der WM 2006, André Heller, einmal über ihn gesagt. Beckenbauer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Ein Stück deutscher Kulturgeschichte zum Anfassen.
Seine Omnipräsenz ist ebenso erschreckend wie faszinierend. Der Aufstieg des vormals eleganten Kickers zum honorigen Manager und zur gefragten Werbe-Ikone ist eng verbunden mit dem medialen Schulterschluss mit der auflagenstärksten Boulevard-Zeitung des Landes. Ein Pfund, mit dem sich in den vergangenen vier Jahrzehnten trefflich wuchern ließ. "Er hat alles gemacht, was ein Deutscher nicht machen darf", sagt sein ehemaliger Fußball-Kollege Paul Breitner: "Sich scheiden lassen, die Kinder verlassen, mit der Freundin abhauen, Steuerschulden, die Freundin wieder verlassen." Geschadet hat es seinem guten Ruf aber nie. Im Gegenteil. Beckenbauers Interpretation des Liberos, des freien Mannes also, scheint anzukommen. Er steht zu seinen Schwächen - und redet. Manchmal auch zu viel. "So groß ist das Verbrechen nun auch nicht. Der Liebe Gott freut sich über jedes Kind", hat Beckenbauer über seinen letzten Seitensprung gesagt. Die entwaffnende Logik eines Mannes, dessen Eloquenz mittlerweile sprichwörtlich ist. Die geringe Halbwertzeit der Beckenbauerschen Sprachergüsse sind jedoch stets ohne Folgen geblieben. Seine Widersprüchlichkeit ist längst Markenzeichen. Seine Kritiker nennen den telegenen Fußball-Helden einen Dampfplauderer, der es wie kaum ein Zweiter verstanden hat, auf der Klaviatur der Medien zu klimpern. Die Bild-Zeitung kredenzt den Kaiserschmarrn als Stammessen, Premiere und ZDF bedienen sich Beckenbauers als Quotenbringer. Das Zweite sendet am Sonntag zur Primetime eine von Thomas Gottschalk moderierte Geburtstags-Gala für Beckenbauer, der den Rummel um die eigene Person mit der Gemütsruhe eines Basset über sich ergehen lässt: "Das geht auch vorbei."
Typisch Beckenbauer. Stress ist ihm anscheinend fremd. Seine Auftritte, ob öffentlich oder semiprivat, sind stets von einer Unaufgeregtheit geprägt, die ihresgleichen sucht. Immer freundlich, stets charmant. Beckenbauer wirkt nie gehetzt und schon gar nicht arrogant. Sein seriöser Auftritt ist nicht etwa seinem ergrauten Haar geschuldet. Selbst als unbekannter Versicherungsvertreter wäre aus ihm wohl ein reicher Mann geworden: Vertrauenerweckend, kompetent, hilfsbereit. Hinter seinem mitunter herzlichen Lächeln hat sich der Genussmensch Beckenbauer aber auch jene kindliche Unbedarftheit und Neugier bewahrt, die ihm auf seinen vielen Reisen wichtige Begleiter sind. Er ist der Exportschlager "Made in Germany", ein Außenminister des Fußballs, der die Weltmeisterschaft 2006 angeblich im Alleingang nach Deutschland geholt haben soll. Das ist zwar Quatsch und genauso falsch wie der Glaube, dass Altkanzler Helmut Kohl die Berliner Mauer eingerissen hat, doch wenn's der Legendenbildung dienlich ist ...
Selbst an seinem Geburtstag dient Beckenbauer dem Fußball, der ihn zum Millionär machte. Im marokkanischen Marrakesch schüttelt er am Sonntag anlässlich des Fifa-Kongresses noch eifrig Hände, bevor er sich eine Woche lang feiern lässt. Im Oktober startet der Präsident des WM-Organisationskomitees dann schon wieder zu einem wahren Reise-Marathon. Binnen 50 Tagen jettet Beckenbauer dreimal um den Globus, um alle 31 WM-Teilnehmer persönlich einzustimmen auf ihren "Besuch bei Freunden". Klingt verlockend, ist aber ein Knochenjob, der nur mit eiserner Disziplin zu bewältigen ist. Mit der oft und gerne beschriebenen Leichtigkeit, mit der Beckenbauer alles zufliegt, hat das freilich nichts zu tun.
Beckenbauers Einsatz ist seine Passion. So war es schon immer. Und so wird es wohl auch bleiben. "Ich habe immer die Jobs gemacht, die ich eigentlich nie haben wollte", sagt er mit einem Augenzwinkern. Er wollte kein Teamchef sein und führte Deutschland doch zum Weltmeistertitel sowie den FC Bayern zu zwei deutschen Meisterschaften. Er wollte kein Vereinsmeier sein und wurde doch Präsident seines FC Bayern und darüber hinaus DFB-Vize. Und nicht anders verhält es sich für den gläubigen Christen mit der Nachfolge des Anfang 2007 aus dem Amt scheidenden Schweden Lennart Johannson. Der Präsident des europäischen Fußball-Verbandes Uefa würde es gerne sehen, könnte einer vom Kaliber Beckenbauers die Geschäfte übernehmen. "Das entscheidet allein die Familie", behauptet Beckenbauer und schiebt den schwarzen Peter seiner neuen Lebensgefährtin Heidi zu.
"Ich bereue nichts", sagt Beckenbauer, der bereits mit 17 erstmals Vater geworden war, und freut sich auf seinen neuen Lebensabschnitt, in dem erstmals die Familie die Hauptrolle spielen soll. Seine jüngsten Kinder Joel (4) und Francesca (2) haben in ihm einen Instinkt geweckt, dem er - spät, aber nicht zu spät - folgen möchte. "Sie aufwachsen zu sehen, ist mehr wert, als alles andere", versichert Beckenbauer, der sich mit nun 60 Jahren am Ziel seiner beruflichen Träume wähnt und die Abgeschiedenheit der Kitzbüheler Alpen einem Jetset-Leben eigentlich vorziehen würde. Danach sieht es für den Hobby-Golfer mit einstelligem Handicap aber nicht aus. Wäre auch zu schade, würde Deutschlands letzter Kaiser bereits vor Erreichen des Rentenalters abdanken.
Übrigens: Wäre es nach Mama Beckenbauer gegangen, hätte an jenem spätsommerlichen 11. September des Jahres 1945 eine kleine Kaiserin das Licht der Welt erblickt. Antonie Beckenbauer, mittlerweile 92 Jahre alt, hatte sich von ganzem Herzen ein Mädchen gewünscht, deren Namen sie auch schon kannte: Franziska.
http://frankfurterrundschau.de/ressorts/sport/sport/?sid=caf1448a0b7feb065ec21b9c654e0c86&cnt=724246http://frankfurterrundschau.de/ressorts/sport/sport/?sid=caf1448a0b7feb065ec21b9c654e0c86&cnt=724246
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Finde man sollte diesem Sportsmann Respekt erweisen, auch wenn er der Präsident des FC Bayerns ist.