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Heute würde ich 10 Millionen verdienen“
Er ist der größte Torjäger aller Zeiten. Am 3. November wird er 60 Jahre alt. GERD MÜLLER spricht über sein ruhiges, zufriedenes Leben.
kicker: Herr Müller, zu Franz Beckenbauers 60. Geburtstag gab es mehrere Empfänge. Wie feiern Sie?
Gerd Müller: Mit meinen Freunden am Donnerstagabend. Eine Woche später lade ich die Bayern- Amateure ein. Mehr muss ich nicht haben. kicker: Was bedeutet Ihnen dieser runde Geburtstag?
Müller: Das ist etwas ganz Normales, wie der 58. oder 59. kicker: Haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?
Müller: Nein. Ich bin noch genauso beieinander wie vor einem Jahr. Es geht so weiter, wie es bisher war.
Und es ist in Ordnung so. kicker: Welche Zeit war die schönste in Ihrem Leben?
Müller: Im Fußball die vier Wochen bei der WM in Mexiko 1970. kicker: Sie schossen zehn Tore. Müller: Ja, schon; aber auch mit der Mannschaft war alles super, wir sind noch heute Freunde. Allein Ersatztorwart Manfred Manglitz hatte ein bisschen einen Schlag. kicker: 1974 war es nicht besser?
Müller: Die damalige Mannschaft war auch okay, aber es bestand nicht diese Freundschaft wie 1970.
Und Helmut Schön brachte auch gute Stimmung rein. Wie war dieser Bundestrainer nervös! Er stach sich beim Essen vor Spielen in die Backe, weil er am Mund vorbeizitterte. Schön holte mich immer zur Nationalelf, auch wenn ich bei Bayern nicht so gut war. kicker: Wie oft waren Sie nicht so gut?
Müller: Es gab Phasen, in denen ich zwei, drei Liga- Spiele lang nicht traf. In der Nationalelf schoss ich dann Tore, das war die Rettung. kicker: Welche Phase war die schlimmste in Ihrem Leben?
Müller: Meine Entziehungskur damals. Aber da war ich in der ersten Woche gar nicht bei Bewusstsein. Da wurde ich stillgelegt. kicker: Es heißt, man ist so alt, wie man sich fühlt. Wo liegt Ihr gefühltes Alter?
Müller: Ich fühle mich wie 50. Wie ich heute beim Tennis rennen kann! Wenn es so bleibt, ist es prima. Ich spiele jeden Tag. Wenn ich aber dreimal hintereinander gegen einen starken Gegner antrete, habe ich Schmerzen im Oberschenkel, wegen meiner Hüften. Beide sind kaputt, ich habe zwei künstliche. Fußball geht deshalb nicht mehr. kicker: Sie spielen also nicht mehr in der so genannten Grabstein- Liga, in der die über 50 Jahre Alten kicken?
Müller: Nein, aber die Mannschaft gibt es noch; ich habe weiter Kontakt zu einigen Spielern. kicker: Wie läuft Ihr Tag ab?
Müller: Ich stehe um sechs Uhr auf.
Dann frühstücke ich gemütlich, zwischen sieben und halb acht fahre ich zu Bayern, dabei hole ich Zeitungen. An der Säbener Straße schaue ich zuerst beim Schmid Sepp, dem Zeugwart, vorbei, wir ratschen. Um acht gehen wir ins Jugendhaus, wo ich mit Hermann Gerland und einigen Jugendtrainern weiterratsche. Um neun sind wir in der Kabine, um zehn beginnt das Training. Hinterher, gegen halb zwölf, fahre ich zum Tennis. Ich spiele eine Stunde. Um 14.15 Uhr bin ich beim Nachmittagstraining.
Um Viertel nach vier geht‘ s nach Hause, halb sechs ist Abendessen, anschließend schaue ich fern: Fußball — sonst Filme, aber keinen in voller Länge. Ich zappe ständig.
Fünf nach zehn bin ich im Bett. kicker: Warum so zeitig?
Müller: Ich war schon immer Frühaufsteher. Als Schulkind habe ich für eine Bäckerei samstags um fünf Uhr Semmeln ausgefahren mit dem Rad — und auf Trinkgeld gehofft in den rausgehängten Taschen. Fürs Kino reichte es, 40 Pfennige vorne, erste Klasse. Als Schichtarbeiter musste ich auch um fünf raus, um sechs begann die Arbeit in der Weberei; sie dauerte bis 14.30 Uhr. Mit siebzehneinhalb Jahren lernte ich Schweißen und Löten, damit ich diese Schicht nicht mehr machen musste. Außerdem habe ich dabei das Doppelte verdient, über 500 Mark. kicker: Wenn Sie etwas ändern könnten in Ihrem Leben, was würden Sie anders machen?
Müller: Nichts. Ein schöneres Leben gibt es nicht.
Der Fußball ist mein Hobby und Beruf. kicker: Sie leben sehr zurückgezogen, anders als Ihr einstiger genialer Partner, Franz Beckenbauer. Beneiden oder bemitleiden Sie ihn?
Müller: Ich beneide ihn darum, dass er dieses Programm schafft. Mein Leben wäre das nicht.
Ich meide die Öffentlichkeit, wo es möglich ist. Ich glaube, Franz kann nicht mehr anders.
Wenn er zwei Tage zu Hause ist, wird er kribbelig. Ich bewundere ihn, den Verrückten. kicker: Könnten Sie sich ein Leben ohne Fußball vorstellen?
Müller: Wenn beim FC Bayern Schluss wäre, würde ich dennoch immer wieder vorbeischauen. Aber erst vor acht Wochen habe ich einen Fünfjahresvertrag als Co- Trainer der Amateure unterschrieben. kicker: Wie lange wollen Sie arbeiten?
Müller: Diese fünf Jahre in jedem Fall — wenn es gutgeht. Anschließend wird es nicht mehr funktionieren mit so jungen Spielern. Aber dem Verein möchte ich irgendwie verbunden bleiben und dieses oder jenes tun. kicker: Was für ein Typ Trainer sind Sie?
Müller: Eher der weiche. Kollege Hermann Gerland ist der harte, zum Draufhauen. kicker: Geben Sie den Stürmern Tipps?
Müller: Die fragen gar nicht. Außerdem kann ich denen meine Stärken nicht geben. kicker: Woher hatten Sie Ihre Qualitäten?
Müller: Die hatte ich schon immer. kicker: War Ihr Vater Fußballer?
Müller: Nein. Mein Bruder Heinz war technisch sogar besser als ich, aber zu faul. Wir haben auf der Straße gespielt, da gab es noch Plätze, wo wir spielen durften, selbst wenn wir Fensterscheiben einschossen. Am schönsten war es, wenn beim Sportfest wir Volksschüler gegen die Oberschüler spielten. Die bekamen immer den Arsch voll. Erst mit zwölf Jahren ging ich in den Verein. kicker: Sie waren immer Torjäger?
Müller: Ja. Und wehe, die anderen haben den Ball nicht abgespielt!
kicker: Wissen Sie, wieso Sie dieser besondere Torjäger wurden?
Müller: Speziell trainiert habe ich nicht. Ich hatte diesen Riecher, also war ich meist eine Zehntelsekunde schneller als die Verteidiger. kicker: Wären Sie gerne heute Profi ?
Müller: Ja. Wenn ich das sehe . . . kicker: Die tollen Arenen?
Müller: Auch; aber das Grünwalder Stadion war genauso schön. kicker: Wären Sie wegen des Spiels oder des Geldes noch gerne aktiv?
Müller: Das Geld käme automatisch dazu. Wenn es aber keinen Spaß gemacht hätte, hätte ich bei den 50- Jährigen nicht mitgemacht; ich ließ mich dafür sogar fi t spritzen. kicker: Franz Beckenbauer sagte im kicker- Interview zu seinem 60.
Geburtstag, er war am meisten auf Sie angewiesen. Und Sie?
Müller: Ich brauchte meine Nebenleute, habe aber viele Tore mit Franz gemacht, weil wir uns blind verstanden. Wir beherrschten den Doppelpass. Wehe aber, du hast etwas falsch gemacht! Dann schrie er: Renn‘, du Dicker! Ich plärrte zurück: Leck mich am . . . , geh‘ zurück! Er ist aber nicht nach hinten gespurtet, sondern spaziert. Der Franz war super. Ich habe immer in guten Mannschaften gespielt. kicker: Oder waren die Mannschaften gut, weil Sie darin spielten?
Müller: Das möchte ich nicht sagen, auch wenn ich gut war. Die Mitspieler konnten sich darauf verlassen, dass ich Tore machte. kicker: Beckenbauer sagt, ohne Sie wäre Bayern nie so erfolgreich geworden. Fühlen Sie sich insgesamt ausreichend gewürdigt?
Müller: Schön, wenn Franz das sagt. Wer mich kennt, spricht mich an: Bomber! Oder: Herr Müller, wie geht‘ s? Zu ihren Kindern sagen die Leute, das war der beste Torjäger. Mir reicht das; ich bin zufrieden. kicker: Welcher Ihrer vielen Rekorde war der für Sie wichtigste?
Müller: Die 40 Bundesliga- Tore in der Saison 1971/ 72. kicker: Ist der zu knacken?
Müller: Man weiß nie. Makaay traf anfangs gut, nun auch Klose. Ihn habe ich zu seiner Lauterer Zeit kritisiert, das muss ich revidieren: In Bremen spielt er stark. kicker: Könnte er die 40 packen?
Müller: Falls er nicht verletzt wird, ja. kicker: Wen würden Sie 2006 in den Sturm der Nationalelf stellen?
Müller: Klose auf jeden Fall. Und den Kölner, den der FC Bayern will. kicker: Lukas Podolski. Müller: Der junge Hüpfer muss aber noch viel lernen und auf Dauer Leistung bringen. Um ihn wird zu viel Aufhebens gemacht,
kicker: Wie wäre es mit Kuranyi?
Müller: Von Kuranyi halte ich nicht viel. Der liegt mir nicht. kicker: Welches Tor war Ihr wichtigstes?
Müller: Das 2: 1 im Endspiel 1974. Ich gehe nach vorne, zurück, der Ball kommt, geht gegen meinen linken Fuß und springt weg. Ich schob ihn gleich mit rechts ins lange Eck. kicker: Ihr schönstes Tor?
Müller: Bei der WM 1970 der 3: 2- Siegtreffer gegen England, wo ich nicht mehr runterkam. kicker: Das verrückteste Tor?
Müller: Gegen Tennis Borussia Berlin, als ich am Boden lag, hoch bin, wieder runter, Tor. kicker: Wie viele Bundesliga- Tore würden Sie heute schießen?
Müller: Auf jeden Fall mehr als 40, weil die Raumdeckung und Viererkette mehr Platz lassen. kicker: Ihr härtester Gegenspieler?
Müller: Der Duisburger Pirsig. Der war nicht ganz dicht. Auswärts ließ er mir keine Chance. kicker: Wer ist aktuell der beste Stürmer der Welt?
Müller: Ronaldo. kicker: Hat das deutsche Team eine Chance auf den WM- Titel 2006?
Müller: Weltmeister werden sie auf keinen Fall. Dazu ist die Mannschaft zu schwach. kicker: Anders als die 1974er. Müller: Damals hatten wir auf allen Positionen Weltklasse- Leute. kicker: Wer ist es heute?
Müller: Kahn, wenn er im Tor steht.
Und er muss rein; langsam wird es ein Witz. In der Viererkette ist keiner Weltklasse; im Mittelfeld ist‘ s Ballack. Vorne höchstens Klose. kicker: Ist der WM- Titel Ihr wichtigster?
Müller: Ja, WM- Sieg ist das Größte. kicker: Welche persönliche Auszeichnung ist die wertvollste?
Müller: Fußballer Europas 1970. kicker: Würden Sie als Michael Ballack beim FC Bayern bleiben?
Müller: Wenn ich hier 40 Millionen bekomme und anderswo 45, würde ich hier bleiben. kicker: Barcelona bot Ihnen seinerzeit stolze 600 000 Mark im Jahr.
Warum gingen Sie nicht?
Müller: Meine Frau und ich schauten uns an und sagten uns: Nein, wir bleiben da. kicker: Was denken Sie über die heutigen Gehälter?
Müller: Ich bin nicht neidisch. Jeder soll herausholen, was geht. kicker: Was würde ein Torjäger wie Sie heute kassieren?
Müller: Heute würde ich schon zehn Millionen Euro im Jahr verdienen. kicker: Was bedeutet Ihnen Geld?
Müller: Ohne kannst du nicht leben.
Aber ich habe immer gut verdient, auch heute. Das reicht. Ich brauche sowieso wenig, außer beim Tennis; 26 Euro pro Stunde im Winter, also die Hälfte für mich, ist teuer. kicker: Waren die drei Jahre USA die richtige Entscheidung?
Müller: Ja; das Angebot war super.
Aber den Ausschlag gab, dass der Manager von Fort Lauderdale sagte, dass die Saison sechs, wahrscheinlich nur fünf Monate dauern werde. Da dachte ich, diese fünf Monate bringe ich auch rum. Ich bin kein Typ fürs Ausland; es war ein Wunder, dass ich ging. Zwei Jahre waren okay, das letzte nicht mehr, da kam Krautzun als Trainer. Er trainierte bei 35 Grad wie in der Bundesliga. Bernd Hölzenbein ließ er noch weniger spielen als mich. Er wollte zeigen, dass er der Chef war. kicker: Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?
Müller: Gesundheit. Und dass zu Hause alles stimmt. kicker: Was ärgert Sie?
Müller: Wenn der FC Bayern verliert.
Und die Benzinpreise. Mein größter Feind ist das Tanken. Da hatte ich schon immer einen Schlag. kicker: Haben Sie noch einen Lebenstraum? Eine Reise?
Müller: Nein. Mir reichen neun Stunden Flug nach Florida jedes Jahr zum vierwöchigen Urlaub. kicker: Haben Sie etwas verpasst?
Müller: Nein, ich kann mich nicht beklagen. kicker: Sind Sie gläubig?
Müller: Bei der WM 1970 hatte ich die Nummer 13, die seither meine Glückszahl ist. kicker: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Müller: Nein. kicker: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Müller: Nein, daran denke ich gar nicht. kicker: Wie alt wollen Sie werden?
Müller: 70 schon. Mein Rücken ist zwar kaputt, aber sonst fehlt mir Gott sei Dank nichts. kicker: Sie haben bei Beckenbauers 60. Geburtstag die Laudatio gesprochen. Wer soll es bei Ihnen tun?
Müller: Das muss keiner machen. INTERVIEW: KARLHEINZ WILD
Er ist der größte Torjäger aller Zeiten. Am 3. November wird er 60 Jahre alt. GERD MÜLLER spricht über sein ruhiges, zufriedenes Leben.
kicker: Herr Müller, zu Franz Beckenbauers 60. Geburtstag gab es mehrere Empfänge. Wie feiern Sie?
Gerd Müller: Mit meinen Freunden am Donnerstagabend. Eine Woche später lade ich die Bayern- Amateure ein. Mehr muss ich nicht haben. kicker: Was bedeutet Ihnen dieser runde Geburtstag?
Müller: Das ist etwas ganz Normales, wie der 58. oder 59. kicker: Haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?
Müller: Nein. Ich bin noch genauso beieinander wie vor einem Jahr. Es geht so weiter, wie es bisher war.
Und es ist in Ordnung so. kicker: Welche Zeit war die schönste in Ihrem Leben?
Müller: Im Fußball die vier Wochen bei der WM in Mexiko 1970. kicker: Sie schossen zehn Tore. Müller: Ja, schon; aber auch mit der Mannschaft war alles super, wir sind noch heute Freunde. Allein Ersatztorwart Manfred Manglitz hatte ein bisschen einen Schlag. kicker: 1974 war es nicht besser?
Müller: Die damalige Mannschaft war auch okay, aber es bestand nicht diese Freundschaft wie 1970.
Und Helmut Schön brachte auch gute Stimmung rein. Wie war dieser Bundestrainer nervös! Er stach sich beim Essen vor Spielen in die Backe, weil er am Mund vorbeizitterte. Schön holte mich immer zur Nationalelf, auch wenn ich bei Bayern nicht so gut war. kicker: Wie oft waren Sie nicht so gut?
Müller: Es gab Phasen, in denen ich zwei, drei Liga- Spiele lang nicht traf. In der Nationalelf schoss ich dann Tore, das war die Rettung. kicker: Welche Phase war die schlimmste in Ihrem Leben?
Müller: Meine Entziehungskur damals. Aber da war ich in der ersten Woche gar nicht bei Bewusstsein. Da wurde ich stillgelegt. kicker: Es heißt, man ist so alt, wie man sich fühlt. Wo liegt Ihr gefühltes Alter?
Müller: Ich fühle mich wie 50. Wie ich heute beim Tennis rennen kann! Wenn es so bleibt, ist es prima. Ich spiele jeden Tag. Wenn ich aber dreimal hintereinander gegen einen starken Gegner antrete, habe ich Schmerzen im Oberschenkel, wegen meiner Hüften. Beide sind kaputt, ich habe zwei künstliche. Fußball geht deshalb nicht mehr. kicker: Sie spielen also nicht mehr in der so genannten Grabstein- Liga, in der die über 50 Jahre Alten kicken?
Müller: Nein, aber die Mannschaft gibt es noch; ich habe weiter Kontakt zu einigen Spielern. kicker: Wie läuft Ihr Tag ab?
Müller: Ich stehe um sechs Uhr auf.
Dann frühstücke ich gemütlich, zwischen sieben und halb acht fahre ich zu Bayern, dabei hole ich Zeitungen. An der Säbener Straße schaue ich zuerst beim Schmid Sepp, dem Zeugwart, vorbei, wir ratschen. Um acht gehen wir ins Jugendhaus, wo ich mit Hermann Gerland und einigen Jugendtrainern weiterratsche. Um neun sind wir in der Kabine, um zehn beginnt das Training. Hinterher, gegen halb zwölf, fahre ich zum Tennis. Ich spiele eine Stunde. Um 14.15 Uhr bin ich beim Nachmittagstraining.
Um Viertel nach vier geht‘ s nach Hause, halb sechs ist Abendessen, anschließend schaue ich fern: Fußball — sonst Filme, aber keinen in voller Länge. Ich zappe ständig.
Fünf nach zehn bin ich im Bett. kicker: Warum so zeitig?
Müller: Ich war schon immer Frühaufsteher. Als Schulkind habe ich für eine Bäckerei samstags um fünf Uhr Semmeln ausgefahren mit dem Rad — und auf Trinkgeld gehofft in den rausgehängten Taschen. Fürs Kino reichte es, 40 Pfennige vorne, erste Klasse. Als Schichtarbeiter musste ich auch um fünf raus, um sechs begann die Arbeit in der Weberei; sie dauerte bis 14.30 Uhr. Mit siebzehneinhalb Jahren lernte ich Schweißen und Löten, damit ich diese Schicht nicht mehr machen musste. Außerdem habe ich dabei das Doppelte verdient, über 500 Mark. kicker: Wenn Sie etwas ändern könnten in Ihrem Leben, was würden Sie anders machen?
Müller: Nichts. Ein schöneres Leben gibt es nicht.
Der Fußball ist mein Hobby und Beruf. kicker: Sie leben sehr zurückgezogen, anders als Ihr einstiger genialer Partner, Franz Beckenbauer. Beneiden oder bemitleiden Sie ihn?
Müller: Ich beneide ihn darum, dass er dieses Programm schafft. Mein Leben wäre das nicht.
Ich meide die Öffentlichkeit, wo es möglich ist. Ich glaube, Franz kann nicht mehr anders.
Wenn er zwei Tage zu Hause ist, wird er kribbelig. Ich bewundere ihn, den Verrückten. kicker: Könnten Sie sich ein Leben ohne Fußball vorstellen?
Müller: Wenn beim FC Bayern Schluss wäre, würde ich dennoch immer wieder vorbeischauen. Aber erst vor acht Wochen habe ich einen Fünfjahresvertrag als Co- Trainer der Amateure unterschrieben. kicker: Wie lange wollen Sie arbeiten?
Müller: Diese fünf Jahre in jedem Fall — wenn es gutgeht. Anschließend wird es nicht mehr funktionieren mit so jungen Spielern. Aber dem Verein möchte ich irgendwie verbunden bleiben und dieses oder jenes tun. kicker: Was für ein Typ Trainer sind Sie?
Müller: Eher der weiche. Kollege Hermann Gerland ist der harte, zum Draufhauen. kicker: Geben Sie den Stürmern Tipps?
Müller: Die fragen gar nicht. Außerdem kann ich denen meine Stärken nicht geben. kicker: Woher hatten Sie Ihre Qualitäten?
Müller: Die hatte ich schon immer. kicker: War Ihr Vater Fußballer?
Müller: Nein. Mein Bruder Heinz war technisch sogar besser als ich, aber zu faul. Wir haben auf der Straße gespielt, da gab es noch Plätze, wo wir spielen durften, selbst wenn wir Fensterscheiben einschossen. Am schönsten war es, wenn beim Sportfest wir Volksschüler gegen die Oberschüler spielten. Die bekamen immer den Arsch voll. Erst mit zwölf Jahren ging ich in den Verein. kicker: Sie waren immer Torjäger?
Müller: Ja. Und wehe, die anderen haben den Ball nicht abgespielt!
kicker: Wissen Sie, wieso Sie dieser besondere Torjäger wurden?
Müller: Speziell trainiert habe ich nicht. Ich hatte diesen Riecher, also war ich meist eine Zehntelsekunde schneller als die Verteidiger. kicker: Wären Sie gerne heute Profi ?
Müller: Ja. Wenn ich das sehe . . . kicker: Die tollen Arenen?
Müller: Auch; aber das Grünwalder Stadion war genauso schön. kicker: Wären Sie wegen des Spiels oder des Geldes noch gerne aktiv?
Müller: Das Geld käme automatisch dazu. Wenn es aber keinen Spaß gemacht hätte, hätte ich bei den 50- Jährigen nicht mitgemacht; ich ließ mich dafür sogar fi t spritzen. kicker: Franz Beckenbauer sagte im kicker- Interview zu seinem 60.
Geburtstag, er war am meisten auf Sie angewiesen. Und Sie?
Müller: Ich brauchte meine Nebenleute, habe aber viele Tore mit Franz gemacht, weil wir uns blind verstanden. Wir beherrschten den Doppelpass. Wehe aber, du hast etwas falsch gemacht! Dann schrie er: Renn‘, du Dicker! Ich plärrte zurück: Leck mich am . . . , geh‘ zurück! Er ist aber nicht nach hinten gespurtet, sondern spaziert. Der Franz war super. Ich habe immer in guten Mannschaften gespielt. kicker: Oder waren die Mannschaften gut, weil Sie darin spielten?
Müller: Das möchte ich nicht sagen, auch wenn ich gut war. Die Mitspieler konnten sich darauf verlassen, dass ich Tore machte. kicker: Beckenbauer sagt, ohne Sie wäre Bayern nie so erfolgreich geworden. Fühlen Sie sich insgesamt ausreichend gewürdigt?
Müller: Schön, wenn Franz das sagt. Wer mich kennt, spricht mich an: Bomber! Oder: Herr Müller, wie geht‘ s? Zu ihren Kindern sagen die Leute, das war der beste Torjäger. Mir reicht das; ich bin zufrieden. kicker: Welcher Ihrer vielen Rekorde war der für Sie wichtigste?
Müller: Die 40 Bundesliga- Tore in der Saison 1971/ 72. kicker: Ist der zu knacken?
Müller: Man weiß nie. Makaay traf anfangs gut, nun auch Klose. Ihn habe ich zu seiner Lauterer Zeit kritisiert, das muss ich revidieren: In Bremen spielt er stark. kicker: Könnte er die 40 packen?
Müller: Falls er nicht verletzt wird, ja. kicker: Wen würden Sie 2006 in den Sturm der Nationalelf stellen?
Müller: Klose auf jeden Fall. Und den Kölner, den der FC Bayern will. kicker: Lukas Podolski. Müller: Der junge Hüpfer muss aber noch viel lernen und auf Dauer Leistung bringen. Um ihn wird zu viel Aufhebens gemacht,
kicker: Wie wäre es mit Kuranyi?
Müller: Von Kuranyi halte ich nicht viel. Der liegt mir nicht. kicker: Welches Tor war Ihr wichtigstes?
Müller: Das 2: 1 im Endspiel 1974. Ich gehe nach vorne, zurück, der Ball kommt, geht gegen meinen linken Fuß und springt weg. Ich schob ihn gleich mit rechts ins lange Eck. kicker: Ihr schönstes Tor?
Müller: Bei der WM 1970 der 3: 2- Siegtreffer gegen England, wo ich nicht mehr runterkam. kicker: Das verrückteste Tor?
Müller: Gegen Tennis Borussia Berlin, als ich am Boden lag, hoch bin, wieder runter, Tor. kicker: Wie viele Bundesliga- Tore würden Sie heute schießen?
Müller: Auf jeden Fall mehr als 40, weil die Raumdeckung und Viererkette mehr Platz lassen. kicker: Ihr härtester Gegenspieler?
Müller: Der Duisburger Pirsig. Der war nicht ganz dicht. Auswärts ließ er mir keine Chance. kicker: Wer ist aktuell der beste Stürmer der Welt?
Müller: Ronaldo. kicker: Hat das deutsche Team eine Chance auf den WM- Titel 2006?
Müller: Weltmeister werden sie auf keinen Fall. Dazu ist die Mannschaft zu schwach. kicker: Anders als die 1974er. Müller: Damals hatten wir auf allen Positionen Weltklasse- Leute. kicker: Wer ist es heute?
Müller: Kahn, wenn er im Tor steht.
Und er muss rein; langsam wird es ein Witz. In der Viererkette ist keiner Weltklasse; im Mittelfeld ist‘ s Ballack. Vorne höchstens Klose. kicker: Ist der WM- Titel Ihr wichtigster?
Müller: Ja, WM- Sieg ist das Größte. kicker: Welche persönliche Auszeichnung ist die wertvollste?
Müller: Fußballer Europas 1970. kicker: Würden Sie als Michael Ballack beim FC Bayern bleiben?
Müller: Wenn ich hier 40 Millionen bekomme und anderswo 45, würde ich hier bleiben. kicker: Barcelona bot Ihnen seinerzeit stolze 600 000 Mark im Jahr.
Warum gingen Sie nicht?
Müller: Meine Frau und ich schauten uns an und sagten uns: Nein, wir bleiben da. kicker: Was denken Sie über die heutigen Gehälter?
Müller: Ich bin nicht neidisch. Jeder soll herausholen, was geht. kicker: Was würde ein Torjäger wie Sie heute kassieren?
Müller: Heute würde ich schon zehn Millionen Euro im Jahr verdienen. kicker: Was bedeutet Ihnen Geld?
Müller: Ohne kannst du nicht leben.
Aber ich habe immer gut verdient, auch heute. Das reicht. Ich brauche sowieso wenig, außer beim Tennis; 26 Euro pro Stunde im Winter, also die Hälfte für mich, ist teuer. kicker: Waren die drei Jahre USA die richtige Entscheidung?
Müller: Ja; das Angebot war super.
Aber den Ausschlag gab, dass der Manager von Fort Lauderdale sagte, dass die Saison sechs, wahrscheinlich nur fünf Monate dauern werde. Da dachte ich, diese fünf Monate bringe ich auch rum. Ich bin kein Typ fürs Ausland; es war ein Wunder, dass ich ging. Zwei Jahre waren okay, das letzte nicht mehr, da kam Krautzun als Trainer. Er trainierte bei 35 Grad wie in der Bundesliga. Bernd Hölzenbein ließ er noch weniger spielen als mich. Er wollte zeigen, dass er der Chef war. kicker: Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?
Müller: Gesundheit. Und dass zu Hause alles stimmt. kicker: Was ärgert Sie?
Müller: Wenn der FC Bayern verliert.
Und die Benzinpreise. Mein größter Feind ist das Tanken. Da hatte ich schon immer einen Schlag. kicker: Haben Sie noch einen Lebenstraum? Eine Reise?
Müller: Nein. Mir reichen neun Stunden Flug nach Florida jedes Jahr zum vierwöchigen Urlaub. kicker: Haben Sie etwas verpasst?
Müller: Nein, ich kann mich nicht beklagen. kicker: Sind Sie gläubig?
Müller: Bei der WM 1970 hatte ich die Nummer 13, die seither meine Glückszahl ist. kicker: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Müller: Nein. kicker: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Müller: Nein, daran denke ich gar nicht. kicker: Wie alt wollen Sie werden?
Müller: 70 schon. Mein Rücken ist zwar kaputt, aber sonst fehlt mir Gott sei Dank nichts. kicker: Sie haben bei Beckenbauers 60. Geburtstag die Laudatio gesprochen. Wer soll es bei Ihnen tun?
Müller: Das muss keiner machen. INTERVIEW: KARLHEINZ WILD