Ein Strahl der Hoffnung
VON KARL-HEINZ KARISCH
Selbst Orkan "Kyrill" konnte es nicht mehr verhindern. Ein Kran hievte am Freitag das 30 Tonnen schwere Strahlrohr-Herzstück durch das abgenommene Dach des neu erbauten Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrums. Ab Dezember können in der weltweit ersten Anlage ihrer Art jährlich rund 1000 Patienten behandelt werden, die an nicht operierbaren Krebsarten leiden, etwa Schädelbasis- und Hirntumoren. Das Verfahren entwickelte seit 1988 die Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt.
In der 100 Millionen Euro teuren Anlage werden Kohlenstoffionen eingesetzt, die elektrisch geladen sind und deshalb durch elektrische Felder beschleunigt werden können. "Wir benutzen nur den Kern des Kohlenstoffatoms, der wesentlich kleiner ist als das Atom selbst", berichtet Professor Jürgen Debus, der Direktor der Strahlentherapie an der Uniklinik Heidelberg.
"Dieser Kern fliegt fast mit Lichtgeschwindigkeit durch das gesunde Gewebe, ohne mit ihm in Reaktion zu treten", erläutert der Krebsforscher die erstaunlichen Eigenschaften der neuen Therapie. Erst am Ende seiner Bahn - und dort liegt dann der Tumor - wird das Kohlenstoffion schlagartig langsamer und schädigt die Krebszellen. Dies sei sehr viel wirkungsvoller als Röntgenstrahlen, die auch gesundes Gewebe schädigten. Röntgenschäden könnten zudem von den Krebszellen repariert werden. "Gegen die Kohlenstoffionen haben unsere Zellen hingegen keinen Widerstand entwickelt, die biologische Wirkung ist sehr viel stärker." Durch die besonderen physikalischen Eigenschaften der Ionen könne der Tumor auf einen Zehntelmillimeter genau bestrahlt werden. Bislang ist das neue Verfahren auch für Tumoren an Kopf und Hals, der Knochen sowie der Prostata erfolgreich angewendet worden. Neu erprobt wird in Heidelberg die Wirkung auf Krebs der Bauchspeicheldrüse und der Lunge. "Beide Tumoren werden beim Atmen bewegt, da ist noch viel Entwicklungsarbeit notwendig, um die Strahlen mitzubewegen", sagte Debus der FR.
Vater des Verfahrens ist Gerhard Kraft, Leiter der Biophysik an der Darmstädter Gesellschaft für Schwerionenforschung. Für den Professor geht damit ein Berufsleben glücklich zu Ende. "1975 habe ich erstmals die Idee auf ein Stück Papier geschrieben", erinnert er sich. Erstes Versuchskaninchen wurde Bierhefe, an der die Wirkung verschiedener Strahlen getestet wurde.
Doch erst 1988 konnten die ersten Krebskranken in Darmstadt behandelt werden. Kraft bekam 20 Prozent Strahlzeit eingeräumt - gerade genug für jährlich 50 Patienten. Darunter waren "schwierigste, strahlenresistente Tumoren", berichtet Kraft. Bei acht von zehn Patienten konnte das Tumorwachstum gestoppt werden, sie hätten die ersten fünf Jahre überlebt. Die guten Ergebnisse verblüfften auch Experten. "Es war ein langer und schwieriger Prozess, aber es hat sich gelohnt", zieht der 65-jährige Wissenschaftler ein Resümee seiner Arbeit. Krafts Wunsch für die Zukunft: "Ich möchte junge Forscher ermutigen, sich ebenfalls auf solche langfristigen Projekte einzulassen."
Heidelberg ist nur der Anfang. Ende Januar beginnen am Klinikum in Marburg die Bauarbeiten für eine weitere Anlage. Bereits in der Planung sind Ionenstrahler für die Berliner Charité, in Kiel und Dresden.
fr-aktuell.de
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Selbst Orkan "Kyrill" konnte es nicht mehr verhindern. Ein Kran hievte am Freitag das 30 Tonnen schwere Strahlrohr-Herzstück durch das abgenommene Dach des neu erbauten Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrums. Ab Dezember können in der weltweit ersten Anlage ihrer Art jährlich rund 1000 Patienten behandelt werden, die an nicht operierbaren Krebsarten leiden, etwa Schädelbasis- und Hirntumoren. Das Verfahren entwickelte seit 1988 die Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt.
In der 100 Millionen Euro teuren Anlage werden Kohlenstoffionen eingesetzt, die elektrisch geladen sind und deshalb durch elektrische Felder beschleunigt werden können. "Wir benutzen nur den Kern des Kohlenstoffatoms, der wesentlich kleiner ist als das Atom selbst", berichtet Professor Jürgen Debus, der Direktor der Strahlentherapie an der Uniklinik Heidelberg.
"Dieser Kern fliegt fast mit Lichtgeschwindigkeit durch das gesunde Gewebe, ohne mit ihm in Reaktion zu treten", erläutert der Krebsforscher die erstaunlichen Eigenschaften der neuen Therapie. Erst am Ende seiner Bahn - und dort liegt dann der Tumor - wird das Kohlenstoffion schlagartig langsamer und schädigt die Krebszellen. Dies sei sehr viel wirkungsvoller als Röntgenstrahlen, die auch gesundes Gewebe schädigten. Röntgenschäden könnten zudem von den Krebszellen repariert werden. "Gegen die Kohlenstoffionen haben unsere Zellen hingegen keinen Widerstand entwickelt, die biologische Wirkung ist sehr viel stärker." Durch die besonderen physikalischen Eigenschaften der Ionen könne der Tumor auf einen Zehntelmillimeter genau bestrahlt werden. Bislang ist das neue Verfahren auch für Tumoren an Kopf und Hals, der Knochen sowie der Prostata erfolgreich angewendet worden. Neu erprobt wird in Heidelberg die Wirkung auf Krebs der Bauchspeicheldrüse und der Lunge. "Beide Tumoren werden beim Atmen bewegt, da ist noch viel Entwicklungsarbeit notwendig, um die Strahlen mitzubewegen", sagte Debus der FR.
Vater des Verfahrens ist Gerhard Kraft, Leiter der Biophysik an der Darmstädter Gesellschaft für Schwerionenforschung. Für den Professor geht damit ein Berufsleben glücklich zu Ende. "1975 habe ich erstmals die Idee auf ein Stück Papier geschrieben", erinnert er sich. Erstes Versuchskaninchen wurde Bierhefe, an der die Wirkung verschiedener Strahlen getestet wurde.
Doch erst 1988 konnten die ersten Krebskranken in Darmstadt behandelt werden. Kraft bekam 20 Prozent Strahlzeit eingeräumt - gerade genug für jährlich 50 Patienten. Darunter waren "schwierigste, strahlenresistente Tumoren", berichtet Kraft. Bei acht von zehn Patienten konnte das Tumorwachstum gestoppt werden, sie hätten die ersten fünf Jahre überlebt. Die guten Ergebnisse verblüfften auch Experten. "Es war ein langer und schwieriger Prozess, aber es hat sich gelohnt", zieht der 65-jährige Wissenschaftler ein Resümee seiner Arbeit. Krafts Wunsch für die Zukunft: "Ich möchte junge Forscher ermutigen, sich ebenfalls auf solche langfristigen Projekte einzulassen."
Heidelberg ist nur der Anfang. Ende Januar beginnen am Klinikum in Marburg die Bauarbeiten für eine weitere Anlage. Bereits in der Planung sind Ionenstrahler für die Berliner Charité, in Kiel und Dresden.
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