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Fussball-boom In Australien

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FUSSBALL-BOOM IN AUSTRALIEN



Der Weltmeister kann kommen



Aus Sydney berichtet Steffen Dobbert



32 Jahre hat Australien auf eine WM-Teilnahme gewartet. Vor dem Spiel gegen Titelverteidiger Brasilien morgen spielt das ganze Land verrückt. Nationalsportarten wie Rugby, Cricket oder Football werden zur Nebensache. Fraglich ist nur, wie lange das so bleibt.

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Fußballfans in Sydney: Die Fußballwelle hat den fünften Kontinent erreicht.







Vormittag am Bondi Beach. Es ist Winter in Australien, 14 Grad Luft- und 15 Grad Wassertemperatur. Zwischen den Mermaid Rocks und den Bondi Baths chillen einige Surfer. Sie reiten heute selten auf dem Ozean. Die Wellen sind schlecht, es ist nicht die beste Zeit, Surfen zu gehen.







Hier in Sydney wie auch in Melbourne, in Brisbane, in Canberra, an den weiten Stränden und im unbevölkerten Outback - überall in Australien ist es der Tag vor dem großen Spiel. Nach dem "unglaublichsten Sieg in der Geschichte des australischen Sports", wie "The Daily Telegraph", die führende Tageszeitung in New South Wales, den Erfolg über Japan (3:1) beschrieb, spielt Australiens Fußballteam morgen (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Weltmeister Brasilien.



"Die Fußballgötter haben uns zugelacht, als wir gegen Japan gewannen", sagt Dain Churchill. "Jetzt, das ist bei allen Australiern unbestritten, wird unser Team das beste Match der Welt zeigen." Churchill spielt selbst ab und an Fußball. Damit hat der große Dunkelblonde aus der Küstenstadt Byron Bay ein eher seltenes Hobby im Land der Rugby-, Football- und Cricket-Spieler.



Dennoch bricht über den Inselstaat gerade die große Fußballwelle ein. Das entscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen Uruguay verfolgte jeder vierte "Aussie" live am Fernseher. Das letzte Vorbereitungsspiel im eigenen Land gegen Griechenland gewannen die Australier 1:0 - vor 95.000 Zuschauern. Beim Match gegen Japan hatten die Pubs und Clubs des Landes bis in die Morgenstunden geöffnet. "Tausende Fans haben sich das Spektakel sogar draußen in der kalten Nacht angeschaut", so Churchill.



Auch am Bondi Beach, für viele der berühmteste Stadtstrand der Welt, starrten viele Surfer, Geschäftsleute und Urlauber auf die Leinwände und Fernsehgeräte in den Bars. Nach dem Sieg fuhren berauschte Fans hupend an ihnen vorbei. Fünf Buchten weiter, vor der Harbourbridge, zogen rund tausend Fußballanhänger johlend durch die Innenstadt und blockierten zeitweilig den Verkehr.



Die "Socceroos", so der Spitzname des Nationalteams - benannt nach den heimischen "Kangaroos" - sind in aller Munde. Ihr Trainer Guus Hiddink schwärmte im RUND-Interview: "Australien hat das größte sportliche Potenzial, das ich je gesehen habe." Seltsam, dass der Holländer nach der WM trotzdem lieber die Nationalelf Russland trainieren möchte.



Während seiner Zeit als "Aussie"-Coach wird Hiddink nicht entgangen sein, dass es im australischen Fußball gute Ansätze gibt: Eine nationale Liga ist vor einem Jahr gestartet. In der kommenden WM-Qualifikation spielen die "Socceroos" statt in der schwachen Ozeanien- in der stärkeren Asien-Gruppe. Und mit Sydney und Melbourne gibt es Metropolen, die wissen, wie man Sportereignisse feiert. Es soll sogar Leute geben, die im Hintergrund mit viel Elan an einer Bewerbung für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2014 arbeiten.



Alles dringend nötige Entwicklungen. Denn die Spiele der Nationalmannschaft gegen die Freizeit-Auswahlteams Tongas oder Tahitis in der Qualifikation waren der Identifikation der Australier mit der eigenen Elf nicht zuträglich. Auch der sportliche Fortschritt litt unter den Duellen mit den viertklassigen Gegnern. Die heimische Liga setzte vor ihrer Neugründung sogar für ein ganzes Jahr aus - Pleiten und Skandale hatten sie stillgelegt. Die Welt zu Gast bei Fußballfremden, so müsste es also heißen. Denn wie sehr sich die Planer und Marketingstrategen auch bemühen, die junge Liebe zwischen den "Aussies" und dem Fußball kommt nicht von Herzen.



In "Down Under" läuft vieles anders als im alten Europa. Die Bäume lassen im Herbst keine Blätter fallen, das Wasser fließt verkehrt herum in den Abfluss, und um einen Arbeitslosen zu finden, muss man lange suchen. Auch den Fußball sehen die Australier mit anderen Augen als etwa Südamerikaner oder Europäer. Auf dem fünften Kontinent gilt "Soccer" als Sport für Weicheier, der runde Ball ist Australiern im Vergleich zum Rugby-Ei suspekt. Unter diesen Vorzeichen spielt sich der Fußball normalerweise nur am Rande der australischen Sportwelt ab.



Aber gerade in diesen Tagen, vor dem Spiel gegen den Weltmeister, scheint es anders zu sein. Am Bondi Beach zieren gelb-grüne "Socceroo"-Trikots die Schaufenster. Leute schlendern vorbei und freuen sich darüber, dass "Australia", obwohl es auf der Erdkugel so weit ab vom Schuss liegt, durch die WM ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit rückt. "Wir schlagen Brasilien", sagt ein Bärtiger mit Sonnenbrille zu seiner Freundin. Eigentlich ist er Rugby-Fan. Doch das Ei interessiert ihn derzeit wenig.
 
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