Klingenstädter
Well-Known Member
GEWALT IN BUS UND BAHN
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Provozieren, pöbeln, prügeln</span>
Von Philipp Wittrock
Messerspiele in der S-Bahn, Jugendliche verprügeln einen Familienvater, beschmieren die Kleidung eines Fahrgastes mit Edding: In Deutschlands Bussen und Bahnen fährt die Angst mit - im Forum schildern SPIEGEL-ONLINE-Leser ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Terror.
Hamburg - Der 22-jährige Ghanaer wollte keinen Ärger. Er wartete nur mit einer Bekannten gestern Nachmittag am Berliner Bahnhof Zoo auf die U 9. Er bat den ihm völlig unbekannten Mann, der da auf ihn einredete, ihn doch in Ruhe zu lassen. Doch der Mann, ein 37-Jähriger, wurde immer aggressiver. Er überzog den Ghanaer mit rassistischen Beschimpfungen. Und plötzlich ließ er seinen Hund von der Leine. Als der Ghanaer die Flucht ergriff, hetzte der Mann das Tier hinterher, warf eine Glasflasche. Auf den Scherben rutschte der Flüchtende aus. Der Hund biss zu. Er verletzte den Ghanaer am linken Fuß. Polizisten nahmen den Hundehalter fest.

Eine Überwachungskamera auf einem Hamburger S-Bahnsteig hält fest, wie eine Frau vor die S-Bahn gestoßen wird
Am Abend zuvor waren der Polizei zufolge zwei Fahrkartenkontrolleure in der U 8 Richtung Berlin-Wittenau in Bedrängnis geraten. Als sie einen 49-jährigen Mann nach dem Fahrschein fragten, zückte dieser ein Küchenmesser. Die Bahnmitarbeiter zogen sich zurück - der Schwarzfahrer wurde am Kreuzberger U-Bahnhof Kottbusser Tor festgenommen.
Zwei neue Fälle von Gewalt im Untergrund der Hauptstadt. Zwei neue Fälle für die Statistik, weil sie zur Anzeige kommen - im Gegensatz zu den täglich Dutzenden bedrohlichen Szenarien in deutschen Bahnen und Bussen, die es nicht in den Polizeibericht schaffen, weil sie nicht angezeigt werden. Oder weil sie nicht in Gewalt eskalieren - was allerdings nichts daran ändert, dass sie unangenehm sind und in den öffentlichen Verkehrsmitteln inzwischen ein Klima der Angst erzeugen. Der SPIEGEL- ONLINE- Bericht gestern über die dramatischen Fälle in Deutschlands Bussen und Bahnen hat enorme Resonanz ausgelöst. Im Forum berichten Dutzende Leser von unheimlichen Begegnungen.
Der Forum-Nutzer Toolpusher wurde nach eigenen Angaben Opfer eines Übergriffs in einer S-Bahn im Ruhrgebiet. "Völlig ohne Grund" hätten Jugendliche seinen Pullover mit einem Edding-Stift beschmiert und Cola-Dosen über ihm ausgeschüttet. Auch wenn ihm ein Schaffner zur Hilfe geeilt sei, meide er den öffentlichen Nahverkehr seitdem "wie der Teufel das Weihwasser".
Auch ein anderer Forum-Teilnehmer, der keinen Ort des Vorfalls nennt, steigt in keine U-Bahn mehr - "seit mir gegenüber ein psychotisch wirkender Mann mit einem Dolch gespielt hat". Er berichtet von "unzähligen" Momenten, in denen "Jugendliche unerträglich laut Musik oder Klingeltöne gehört haben". Der "Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße von immer jüngeren Menschen ist Alltag".
Klaradenken beschreibt, wie sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach einem Konzertbesuch in der Straßenbahn auf einem Vierersitz Platz nehmen wollte, den ein Mann komplett für sich beanspruchte. "Als es dabei zu Knieberührungen kam, bekam mein Mann sofort einen Schlag auf die Stirn, und fatalerweise stellte sich dann heraus, dass in den anderen Sitzbänken die Freunde dieses Wesens saßen, die auf meinen Mann dann ebenfalls einschlugen und -traten." Die vom Bahnfahrer gerufene Polizei habe die Täter festgenommen. Die Leserin ärgerte sich besonders über die Mitreisenden: "Die Straßenbahn war voller Menschen, aber nur einer half."
Risiko Zivilcourage
Eingreifen oder nicht? Auch die Frage der Zivilcourage wird im Forum lebhaft diskutiert. DJ Doena ist "bis heute peinlich", dass sie "nicht die Klappe aufgemacht" habe, als im Bus ein Schwarzafrikaner von betrunkenen Rechtsradikalen angepöbelt wurde. Schließlich habe ein anderer Mitfahrer eingegriffen. "Für mich selbst hoffe ich ja, dass ich was getan hätte, wenn der andere Mann nicht gewesen wäre - und dass ich bei einer erneuten Situation nicht einfach schweigend dasitze."
Diese persönliche Erfahrung zeigt das Dilemma, das viele im Forum beschreiben: Zivilcourage ist lobenswert - doch das Risiko scheint groß, durch Eingreifen selbst zum Opfer zu werden. "Menschen die Zivilcourage zeigen, verdienen es, besonders viel Respekt zu bekommen", schreibt Kirk_Berlin. "Leider zahlen sie auch manchmal einen hohen Preis dafür. Das verleitet eine Mehrzahl von Bundesbürgern dazu wegzuschauen. Dass das der falsche Weg ist, dürfte jedem klar sein, und doch geschieht es täglich zigfach in diesem Lande. Die Angst ist nun einmal ein schlechter Berater im Leben."
Dass die Gewalthemmschwelle sinkt, liegt für viele Diskussionsteilnehmer an mangelhafter Bildung und fehlender Integration von Ausländern. Einer beklagt im Forum die "zunehmende Verwahrlosung unserer Gesellschaft, bei der Politik und Bevölkerung leider hilflos zusehen", ein anderer diagnostiziert "eine wachsende Kälte und das Fehlen jeglichen Gewissens, jeglicher sozialer Anteilnahme".
Härtere Strafen, mehr Personal
Was ist zu tun? Vielfach werden härtere, abschreckende Strafen für Gewalttäter gefordert. Einer verlangt eine "Null-Toleranz-Strategie": Jeder Kratzer im Fenster einer U- oder S-Bahn müsse mit einem Wochenende Sozialarbeit geahndet werden. Oli71sport fordert, potentiellen Tätern mit harten Strafen "zu einem sehr frühen Zeitpunkt klare Grenzen aufzuzeigen und so auch ein positives Signal an die Mehrheit zu senden".
Ein Leser verweist auf die USA, wo "anti-social behaviour" ("asoziales Verhalten") seit langem streng bestraft werde: "Dies ist die einzige Möglichkeit, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Zusammenleben nur mit Einhaltung der Grundregeln von Anstand und Rücksichtnahme funktioniert."
Auch die Installation von Überwachungskameras, wie sie die Hamburger U-Bahn schon flächendeckend einsetzt, sehen viele Leser als probates Mittel, um zumindest Abschreckung zu bewirken. Häufiger noch plädieren die Diskutanten jedoch für mehr Personal in den Zügen, das nicht nur die Zahl der Schwarzfahrer reduziere, sondern auch Pöbeleien und Vandalismus verhindere. Ein Forum-Teilnehmer ruft die Verkehrsbetriebe auf: "Führt den Schaffner wieder ein!"
Dass mit der Symptombehandlung das eigentliche Problem nicht gelöst werde, davor warnt Sturmvogel: "Werte, bessere Integration von Schwachen, Bildung... eine Gesamt-Strategie muss her. Bis sie greift, werde ich ausweichen. Und öffentliche Verkehrsmittel nur selten benutzen."
Quelle: spiegel.de
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Provozieren, pöbeln, prügeln</span>
Von Philipp Wittrock
Messerspiele in der S-Bahn, Jugendliche verprügeln einen Familienvater, beschmieren die Kleidung eines Fahrgastes mit Edding: In Deutschlands Bussen und Bahnen fährt die Angst mit - im Forum schildern SPIEGEL-ONLINE-Leser ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Terror.
Hamburg - Der 22-jährige Ghanaer wollte keinen Ärger. Er wartete nur mit einer Bekannten gestern Nachmittag am Berliner Bahnhof Zoo auf die U 9. Er bat den ihm völlig unbekannten Mann, der da auf ihn einredete, ihn doch in Ruhe zu lassen. Doch der Mann, ein 37-Jähriger, wurde immer aggressiver. Er überzog den Ghanaer mit rassistischen Beschimpfungen. Und plötzlich ließ er seinen Hund von der Leine. Als der Ghanaer die Flucht ergriff, hetzte der Mann das Tier hinterher, warf eine Glasflasche. Auf den Scherben rutschte der Flüchtende aus. Der Hund biss zu. Er verletzte den Ghanaer am linken Fuß. Polizisten nahmen den Hundehalter fest.

Eine Überwachungskamera auf einem Hamburger S-Bahnsteig hält fest, wie eine Frau vor die S-Bahn gestoßen wird
Am Abend zuvor waren der Polizei zufolge zwei Fahrkartenkontrolleure in der U 8 Richtung Berlin-Wittenau in Bedrängnis geraten. Als sie einen 49-jährigen Mann nach dem Fahrschein fragten, zückte dieser ein Küchenmesser. Die Bahnmitarbeiter zogen sich zurück - der Schwarzfahrer wurde am Kreuzberger U-Bahnhof Kottbusser Tor festgenommen.
Zwei neue Fälle von Gewalt im Untergrund der Hauptstadt. Zwei neue Fälle für die Statistik, weil sie zur Anzeige kommen - im Gegensatz zu den täglich Dutzenden bedrohlichen Szenarien in deutschen Bahnen und Bussen, die es nicht in den Polizeibericht schaffen, weil sie nicht angezeigt werden. Oder weil sie nicht in Gewalt eskalieren - was allerdings nichts daran ändert, dass sie unangenehm sind und in den öffentlichen Verkehrsmitteln inzwischen ein Klima der Angst erzeugen. Der SPIEGEL- ONLINE- Bericht gestern über die dramatischen Fälle in Deutschlands Bussen und Bahnen hat enorme Resonanz ausgelöst. Im Forum berichten Dutzende Leser von unheimlichen Begegnungen.
Der Forum-Nutzer Toolpusher wurde nach eigenen Angaben Opfer eines Übergriffs in einer S-Bahn im Ruhrgebiet. "Völlig ohne Grund" hätten Jugendliche seinen Pullover mit einem Edding-Stift beschmiert und Cola-Dosen über ihm ausgeschüttet. Auch wenn ihm ein Schaffner zur Hilfe geeilt sei, meide er den öffentlichen Nahverkehr seitdem "wie der Teufel das Weihwasser".
Auch ein anderer Forum-Teilnehmer, der keinen Ort des Vorfalls nennt, steigt in keine U-Bahn mehr - "seit mir gegenüber ein psychotisch wirkender Mann mit einem Dolch gespielt hat". Er berichtet von "unzähligen" Momenten, in denen "Jugendliche unerträglich laut Musik oder Klingeltöne gehört haben". Der "Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße von immer jüngeren Menschen ist Alltag".
Klaradenken beschreibt, wie sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach einem Konzertbesuch in der Straßenbahn auf einem Vierersitz Platz nehmen wollte, den ein Mann komplett für sich beanspruchte. "Als es dabei zu Knieberührungen kam, bekam mein Mann sofort einen Schlag auf die Stirn, und fatalerweise stellte sich dann heraus, dass in den anderen Sitzbänken die Freunde dieses Wesens saßen, die auf meinen Mann dann ebenfalls einschlugen und -traten." Die vom Bahnfahrer gerufene Polizei habe die Täter festgenommen. Die Leserin ärgerte sich besonders über die Mitreisenden: "Die Straßenbahn war voller Menschen, aber nur einer half."
Risiko Zivilcourage
Eingreifen oder nicht? Auch die Frage der Zivilcourage wird im Forum lebhaft diskutiert. DJ Doena ist "bis heute peinlich", dass sie "nicht die Klappe aufgemacht" habe, als im Bus ein Schwarzafrikaner von betrunkenen Rechtsradikalen angepöbelt wurde. Schließlich habe ein anderer Mitfahrer eingegriffen. "Für mich selbst hoffe ich ja, dass ich was getan hätte, wenn der andere Mann nicht gewesen wäre - und dass ich bei einer erneuten Situation nicht einfach schweigend dasitze."
Diese persönliche Erfahrung zeigt das Dilemma, das viele im Forum beschreiben: Zivilcourage ist lobenswert - doch das Risiko scheint groß, durch Eingreifen selbst zum Opfer zu werden. "Menschen die Zivilcourage zeigen, verdienen es, besonders viel Respekt zu bekommen", schreibt Kirk_Berlin. "Leider zahlen sie auch manchmal einen hohen Preis dafür. Das verleitet eine Mehrzahl von Bundesbürgern dazu wegzuschauen. Dass das der falsche Weg ist, dürfte jedem klar sein, und doch geschieht es täglich zigfach in diesem Lande. Die Angst ist nun einmal ein schlechter Berater im Leben."
Dass die Gewalthemmschwelle sinkt, liegt für viele Diskussionsteilnehmer an mangelhafter Bildung und fehlender Integration von Ausländern. Einer beklagt im Forum die "zunehmende Verwahrlosung unserer Gesellschaft, bei der Politik und Bevölkerung leider hilflos zusehen", ein anderer diagnostiziert "eine wachsende Kälte und das Fehlen jeglichen Gewissens, jeglicher sozialer Anteilnahme".
Härtere Strafen, mehr Personal
Was ist zu tun? Vielfach werden härtere, abschreckende Strafen für Gewalttäter gefordert. Einer verlangt eine "Null-Toleranz-Strategie": Jeder Kratzer im Fenster einer U- oder S-Bahn müsse mit einem Wochenende Sozialarbeit geahndet werden. Oli71sport fordert, potentiellen Tätern mit harten Strafen "zu einem sehr frühen Zeitpunkt klare Grenzen aufzuzeigen und so auch ein positives Signal an die Mehrheit zu senden".
Ein Leser verweist auf die USA, wo "anti-social behaviour" ("asoziales Verhalten") seit langem streng bestraft werde: "Dies ist die einzige Möglichkeit, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Zusammenleben nur mit Einhaltung der Grundregeln von Anstand und Rücksichtnahme funktioniert."
Auch die Installation von Überwachungskameras, wie sie die Hamburger U-Bahn schon flächendeckend einsetzt, sehen viele Leser als probates Mittel, um zumindest Abschreckung zu bewirken. Häufiger noch plädieren die Diskutanten jedoch für mehr Personal in den Zügen, das nicht nur die Zahl der Schwarzfahrer reduziere, sondern auch Pöbeleien und Vandalismus verhindere. Ein Forum-Teilnehmer ruft die Verkehrsbetriebe auf: "Führt den Schaffner wieder ein!"
Dass mit der Symptombehandlung das eigentliche Problem nicht gelöst werde, davor warnt Sturmvogel: "Werte, bessere Integration von Schwachen, Bildung... eine Gesamt-Strategie muss her. Bis sie greift, werde ich ausweichen. Und öffentliche Verkehrsmittel nur selten benutzen."
Quelle: spiegel.de