'Klinsmänner' vor der Reifeprüfung
Deutschland freut sich auf ein rauschendes Fußball-Fest - und der ausgeruhte Kapitän Michael Ballack soll Jürgen Klinsmanns Lehrlings-Truppe gegen Brasiliens wankende Weltmeister zur erfolgreichen Reifeprüfung führen.
Die südamerikanische Samba-Truppe um das magische Offensiv-Quartett Ronaldinho, Kaka, Adriano und Robinho kommt der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale des Confederations Cups nach eigener Ansicht gerade recht, um ein Jahr vor der Weltmeisterschaft einen weiteren Meilenstein in ihrer rasanten Entwicklung zu setzen. 'Wir trauen es uns im Moment zu, die Brasilianer zu schlagen. Wir wollen den Pokal holen', sagte Ballack. Mit 20 000 Euro würde der DFB den Finaleinzug belohnen, beim Turniersieg kassiert jeder Spieler sogar 60 000 Euro.
Im ausverkauften Nürnberger Frankenstadion und vor Millionen Fernsehzuschauern weltweit kann die DFB-Auswahl beweisen, dass sie 2006 tatsächlich als Titelkandidat in Frage kommt. 'Wir sind enorm gewachsen im Verlauf des Turniers, aber jetzt kommt ein gigantischer Brocken auf uns zu', sagte Klinsmann, der auch persönlich vor seinem Gesellenstück als Trainer steht. Der 40-Jährige will sich aber nicht von den durchwachsenen Vorrunden-Leistungen des Rekord-Weltmeisters, der nur eines seiner letzten vier Spiele gewonnen hat, beeindrucken lassen. 'Die Brasilianer haben die Begabung, wenn es darauf ankommt, zwei Gänge höher schalten zu können.'
In der Neuauflage des verlorenen WM-Endspiels von 2002 müsse alles passen, um erstmals nach zwölf Jahren wieder gegen die 'Seleção' zu gewinnen. 'Wir müssen an unser Leistungslimit gehen', bemerkte Klinsmann, doch das gelte umgekehrt genauso: 'Die Gegner haben gesehen, dass sie auch gegen uns alles abrufen müssen, um uns zu schlagen.' Trotz offensichtlicher Fitness-Vorteile seines Kaders reagierte der Bundestrainer am Tag vor dem Prestige-Duell beinahe empört auf das Gerede über einen angeblich ausgelaugten Gegner. 'Es stört uns enorm, dass von den müden Brasilianern geredet wird. Sie sind gereizt, das macht sie nochmals gefährlicher.'
Ausgeruht ist auf jeden Fall Ballack. 'Vielleicht ist es ein Vorteil, dass wir ihn gegen Argentinien geschont haben', meinte Klinsmanns Assistent Joachim Löw. Der Kapitän wird allerdings auch alle Kraft aufbringen müssen, um die vielen Aufgaben zu erfüllen, die ihm Klinsmann auflastet: 'Wir versprechen uns, dass Michael das Zepter in der Hand hält, die Mannschaft führt, den Rhythmus bestimmt und für die Abstimmung zwischen Defensive und Offensive sorgt.'
Wie der Bundestrainer das Team um Fixstern Ballack formieren will, ließ er nur in Ansätzen erkennen. Auf mindestens vier Positionen wird er die Startelf verändern. Neben Ballack wird auch Torsten Frings ins Mittelfeld zurückkehren. Jens Lehmann rotiert für Timo Hildebrand ins Tor, und Arne Friedrich übernimmt nach seiner Gelb-Sperre wieder den rechten Platz in der Abwehrkette.
Andere Personalfragen, die maßgeblichen Einfluss auf die Taktik haben, ließ der Bunderstrainer ganz bewusst offen. Wie schon am Vortag sperrte er die Öffentlichkeit auch am Freitag vom Training aus. Er will sich 'bis kurz vor dem Anpfiff vorbehalten', wer den gesperrten Bastian Schweinsteiger ersetzen darf. Die nahe liegende Lösung ist Bernd Schneider, der Leverkusener Routinier erhielt schon am Freitag eine Einsatzgarantie. Die Schweinsteiger-Lösung könnte aber auch davon abhängen, ob Lukas Podolski (Wadenprellung) rechtzeitig fit wird. Davon hängt ab, 'ob er von Beginn an spielt, oder von der Bank kommt', so Klinsmann. Ist der 20-jährige Kölner voll belastbar, wäre auch denkbar, mit Kevin Kuranyi im Zentrum sowie Gerald Asamoah und Podolski auf den Außenbahnen zu stürmen.
'Wir haben mehrere Variations-Möglichkeiten', bemerkte Klinsmann pauschal. Als Defensiv-Variante sind Fabian Ernst und Torsten Frings als Doppel-Abräumer vor der Abwehr denkbar, um so das offensive Herzstück der Brasilianer besser zu bekämpfen. 'Ronaldinho und Kaka brauchen nur ein, zwei Situationen - dann hast du einen drin', warnte Klinsmann. Beim 1:1 vor neun Monaten gelang dies der Defensive recht gut. Nur Ronaldinho überwand Oliver Kahn in Berlin per Freistoß. 'Es wird sich kaum vermeiden lassen, dass sie Torchancen kriegen. Man kann das nur eindämmen', erklärte Ballack. Trotzdem versprach er, mit den Fans im Rücken keinesfalls nur zu reagieren: 'Wir werden uns nicht hinten reinstellen und mauern.'
Nur bei Kahn konnte sich keine Vorfreude einstellen. 'Gegen Brasilien will man immer spielen, darum bin ich ein bisschen enttäuscht', gestand der 36-Jährige. Die Nummer 1 muss nun auf der Ersatzbank ausgerechnet seinem großen Rivalen Lehmann die Daumen drücken, damit er selbst am Mittwoch das Endspiel in Frankfurt und nicht das undankbare Spiel um Platz drei in Leipzig bestreiten darf.
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