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[Irak] Neue Vorwürfe im Haditha-Massaker

Klingenstädter

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US-ARMEE IM IRAK



<span>Neue Vorwürfe im Haditha-Massaker</span>



Acht US-Soldaten sind wegen des Massakers im irakischen Haditha angeklagt. Sie sollen nach einem Anschlag aus Rache 24 Zivilisten ermordet haben. Ein Ermittlungsbericht zeigt jetzt, wie brutal und rücksichtslos die Marines vorgingen - etwa gegen die wehrlosen Insassen eines Taxis.




Washington - Es ist der brutale Auftakt zu einer Gewaltorgie: Zufällig kommt das Taxi am Morgen des 19. November 2005 im irakischen Haditha an jene Stelle, an der nur wenige Augenblicke zuvor direkt neben einem Konvoi der US-Armee eine Bombe am Straßenrand explodiert ist und einen US-Soldaten getötet hat. Die fünf Insassen ahnen wohl nichts, als US-Marines ihnen plötzlich den Weg versperren und sie zum Aussteigen auffordern. Wenige Sekunden später sind sie tot. Das Massaker von Haditha nimmt seinen Lauf.



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"Sie rasteten völlig aus": Blutspuren in einem Haus von Haditha



Insgesamt 24 unschuldige irakische Zivilisten soll die Einheit von Marineinfanterist Seargant Frank Wuterich, 26, an jenem Tag getötet haben. Im vergangenen Monat war gegen Wuterich und acht weitere Soldaten Anklage erhoben worden. Augenzeugen hatten erklärt, die Soldaten hätten die Menschen aus Rache für den getöteten Kameraden erschossen. Die Verteidiger der Soldaten bestreiten diese Version der Ereignisse und sprechen stattdessen von einem chaotischen Gefecht nach der Bombenexplosion.



Bislang konzentrierten sich die Ermittlungen gegen die Soldaten vor allem auf die unverhältnismäßige Erstürmung von Häusern in unmittelbarer Nähe des Anschlagsortes. Der mehrere tausend Seiten starke Untersuchungsbericht des Naval Criminal Investigative Service, der der "Washington Post" vorliegt, zeigt nun: Die ersten Toten des Massakers von Haditha waren offenbar die fünf wehrlosen Insassen des Taxis.



Nach Zeugenaussagen waren der Fahrer und seine vier Kunden, vier Studenten, der Aufforderung der US-Soldaten umgehend nachgekommen und aus dem Taxi ausgestiegen. Sie standen unbewaffnet neben dem Fahrzeug, als der Marineinfanterist Wuterich einen nach dem anderen aus rund drei Meter Entfernung erschossen haben soll. Anschließend feuerten dem Bericht zufolge andere Soldaten auf die am Boden liegenden Männer. Ein Foto, das die "Washington Post" auf ihrer Website veröffentlichte, zeigt die Leichen, die neben dem weißen Fahrzeug liegen.



Der irakische Soldat Asad Amer Mashoot, 26, der in dem US-Konvoi mitfuhr, berichtete den Ermittlern von schrecklichen Szenen. Die Getöteten hätten keine Anstalten gemacht wegzulaufen. "Wir hatten Angst vor den Marines, sie rasteten völlig aus. Sie schrien und brüllten", wird der Iraker zitiert.



Nach den tödlichen Schüssen auf die Taxi-Insassen stürmten die Soldaten die umliegenden Häuser und töteten Augenzeugen zufolge binnen zehn Minuten mehr als ein Dutzend weitere unbewaffnete Menschen. Während ihre ganze Familie ausgelöscht wurde, überlebte in einem Haus Safah Yunis Salem, 13, als einzige - nach eigenen Angaben, weil sie sich tot stellte. Ihre dreijährige Schwester Aisha und ihr fünfjähriger Bruder Zainab starben dem Untersuchungsbericht zufolge durch Schüsse ins Bein beziehungsweise den Kopf. Auch fünf weitere Familienmitglieder starben im gleichen Raum. "Er schoss und tötete alle", sagte Safah den Ermittlern. "Der Amerikaner schoss und tötete alle."



"Erst schießen, dann fragen"




Dem Hauptbeschuldigten Wuterich, als Befehlshaber der Einheit im Zentrum der Ermittlungen, wird nach Angaben seines Anwaltes 13-facher Mord vorgeworfen. Außerdem geht es in seiner Anklage um die angebliche Anweisung an seine Einheit, bei der Stürmung eines Hauses "erst zu schießen und dann Fragen zu stellen" .



Neben Wuterich müssen sich die Soldaten Sanick De la Cruz, 24, Justin Sharratt, 22, und Stephen Tatum, 25, wegen Mordes im Fall Haditha vor Gericht verantworten. Allen droht eine lebenslange Haftstrafe. Weiteren vier Soldaten, die nicht wegen Mordes angeklagt wurden, legt die Justiz zur Last, den Vorgang nicht angemessen aufgeklärt und an Vorgesetzte gemeldet zu haben.



Der nun vorliegende Untersuchungsbericht ist das Ergebnis von Hunderten Interviews mit US-Marines, irakischen Soldaten und zivilen Augenzeugen, die Monate nach den Ereignissen geführt worden. Laut "Washington Post" handelt es sich um eine bruchstückhafte und zum Teil auch widersprüchliche Chronologie der Ereignisse des 19. November. Alles in allem bewiesen die Aussagen jedoch, dass die US-Einheit auf den Bombenanschlag in einer Art und Weise reagierten, die nur schwerlich mit ihren Verhaltensregeln in Einklang zu bringen sind.



Der Untersuchungsbericht zeige auch, dass viele hochrangige Offiziere innerhalb der Befehlskette im Irak unmittelbar nach den Ereignissen über die zivilen Opfer informiert waren, über Monate jedoch keine Untersuchung einleiteten. Niedrigere Dienstgrade wiederum hätten kein unangemessenes Verhalten der Marines erkannt.



phw






Quelle: spiegel
 
HADITHA-MASSAKER



<span>Erst schießen, dann Fragen stellen</span>



Ein junger Familienvater steht im Mittelpunkt des mutmaßlich schlimmsten Kriegsverbrechens, das US-Soldaten bislang im Irak begangen haben. Marineinfanterist Frank Wuterich hat zwei kleine Töchter und wollte eigentlich Musiker werden - jetzt wird ihm vor Gericht 13-facher Mord vorgehalten.



Camp Pendleton - Es ist schwer, das Leben des Marineinfanteristen Frank Wuterich mit der Tat zusammenzubringen, die ihm vorgeworfen wird. Der 26-jährige Soldat aus dem Ort Meriden im Bundesstaat Connecticut hat zwei kleine Töchter mit seiner Frau, ein drittes Kind ist unterwegs.



Seine Eltern erzählen, ihr Sohn habe sich in seinem letzten Jahr an der High-School für die Armee verpflichtet, in der Hoffnung, im Musikkorps der Marines Trompete zu spielen. Nach seiner Militärzeit habe er eine Hochschule besuchen wollen, um sich dort zum Musikproduzenten ausbilden zu lassen, so die Eltern.



Und doch ist Wuterich, der Familienvater mit dem Milchgesicht, die Hauptfigur in dem Drama, das derzeit im kalifornischen Camp Pendleton vor Gericht verhandelt wird und das das Ansehen Amerikas erheblich zu schädigen droht.



Zwei Dutzend Zivilisten getötet



Wuterich wird 13-facher Mord an irakischen Zivilisten vorgeworfen. In Haditha waren am 19. November 2005 bei einem US-Militäreinsatz zwei Dutzend unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder getötet worden. Der Vorfall hatte weltweit Entsetzen ausgelöst.



Augenzeugen zufolge sollen die Soldaten die Zivilisten aus Rache für einen getöteten US-Soldaten erschossen haben. Die Verteidigung bestreitet diese Version der Ereignisse und spricht stattdessen von einem chaotischen Gefecht nach einer Bombenexplosion. Die Soldaten hätten sich so verhalten, wie sie es gelernt hätten: Auf eine als Bedrohung empfundene Situation entsprechend zu reagieren.



Neben Wuterich müssen sich die die Soldaten Sanick Dela Cruz, 24, Justin Sharratt, 22, und Stephen Tatum, 25, wegen Mordes im Fall Haditha vor Gericht verantworten. Vier weitere Soldaten, deren Namen bislang ungenannt blieben, wird vorgeworfen, den Vorfall nicht ordnungsgemäß gemeldet und so die Aufklärung behindert zu haben.



Pentagon spricht von "Massaker"




Die US-Streitkräfte hatten einen Tag nach dem Vorfall lediglich mitgeteilt, 15 Iraker seien durch einen Sprengsatz umgekommen. Durch Recherchen des US-Magazins "Time" über den Fall waren dann die strafrechtlichen Ermittlungen ins Rollen gekommen. Später sprach dann auch das Pentagon von einem "Massaker".



Frank Wuterich war der Befehlshaber der Einheit und steht daher auch im Zentrum der Untersuchungen, die das US-Militär zum Fall Haditha eingeleitet hatte. Laut Anklage soll Wuterich bei dem Einsatz die Parole ausgeben haben, "erst zu schießen und dann Fragen zu stellen", als er und seine Männer ein Haus durchsuchten.



Marineinfanterist Wuterich ist kein erfahrener Soldat: Er war erst zwei Monate im Irak, als sich der Vorfall in Haditha ereignete. Es war sein erster Kriegseinsatz.



Sein Vater gab gestern amerikanischen Reportern Interviews in der Auffahrt des idyllischen Elternhauses, dessen Haustür mit einer amerikanischen Flagge geschmückt ist. Auf den Autos vor der Haustür kleben Aufkleber mit der Parole "Verteidige die Verteidiger". Der Vater wird mit den Worten zitiert: "Wir sind alle sehr niedergeschlagen. Wir stehen zu ihm, wir glauben, dass er unschuldig ist."



jaf/dpa/rtr/AFP





Quelle: spiegel
 
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