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Italienisch für Anfänger

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Italienisch für Anfänger

Der Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat das Land geblendet - aber es hat sich auch gern blenden lassen



Andreas Lesch



BERLIN. Jetzt, ganz allmählich, kommt das Land wieder zur Ruhe. Es atmet gleichmäßiger, sein Puls geht normaler, es spürt, dass das Leben tatsächlich weitergeht, auch nach einer 1:4-Niederlage der Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien in Florenz. Sogar Franz Beckenbauer, der oberste Stimmungsmacher der Nation, entspannt sich - so sehr, dass er in seinem Lieblingsblatt schreibt: "Eine Trainerdiskussion wäre so ziemlich das Schlimmste, was uns passieren kann. Total unnötig und sinnlos." Mit diesen Worten liegt Beckenbauer, wie so oft, haarscharf daneben. Gerade jetzt lohnt es sich, das Wirken des Bundestrainers Jürgen Klinsmann noch einmal genau zu betrachten und die Debatten zu beleuchten, die seine Amtszeit begleiten. Denn je deutlicher die fehlende Klasse der Spieler zu sehen ist, umso wichtiger werden zwei Fragen: Was kann der Trainer da noch retten? Und: Weiß er überhaupt, wie das geht, ein Retter zu sein?



Klinsmann ist angetreten mit dem Anspruch eines Reformators. Er wollte "im Prinzip den ganzen Laden auseinander nehmen" - den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die alten Seilschaften, das Gekungel zwischen Liga und Verband. Diese Reformdebatte hat er längst verloren. Die Ladenhüter haben zurückgeschlagen. Sie haben Klinsmann klar gemacht, dass er die großen Linien des deutschen Fußballs niemals prägen wird, sondern dass seine Macht begrenzt ist; sie endet mit der WM 2006. Er durfte amerikanische Fitnessgurus und einen Schweizer Spielbeobachter einführen, aber wenn er geht, werden sie mit ihm verschwinden. Prägende Strukturen konnte er nicht ändern, die Wahl des künftigen Sportdirektors Matthias Sammer beweist das. Klinsmann ist in der Reformdebatte am Beharrungsvermögen der Branche gescheitert - und an seiner eigenen Sturheit.



Er hat, davon handelt die Stildebatte, immer wieder Durchhaltevermögen mit Dickköpfigkeit verwechselt. Er griff das Establishment des deutschen Fußballs so frontal an, dass er Gegenwehr fast erzwang. Er wollte nicht begreifen, dass E-Mails zwar modern sind, dass sie das gute, alte Vier-Augen-Gespräch aber nicht dauerhaft ersetzen können. Er wollte alles anders machen, alles neu, und er übersah, dass es manchmal auch Mittelwege gibt. Klinsmann war nie ein Mann des Kompromisses. Als Spieler, als Stürmer, mag ihm das geholfen haben. Als Bundestrainer, als eine der öffentlichsten Personen der Nation, wurde das zu seinem Problem. Aber die, die ihn engagierten, mussten jene Eigenschaft kennen. Deswegen wäre es albern, wenn sie diese jetzt beklagten.



Tatsächlich tun sie das nicht. Vielmehr herrscht, nachdem sich die Aufregung um das Fiasko von Florenz gelegt hat, eine viel sagende Ratlosigkeit. Theo Zwanziger, der Geschäftsführende Präsident des DFB, appelliert: "Wenn wir Erfolg bei dieser WM haben wollen, brauchen wir die Unterstützung der Fans." Oliver Kahn, der Nationaltorwart, fordert: "Die Spieler müssen ab sofort beißen, im Training, in der Bundesliga, international. Jetzt ist Vollgas gefordert." So klingt es, wenn keiner mehr weiter weiß, so hören sie sich an, die Vokabeln der Verzweiflung. Ausgerechnet jetzt, da Klinsmann am leichtesten angreifbar wäre, attackiert ihn niemand. Auch die Liga, in der er mehr Gegner als Verbündete hat, schweigt. Es gibt dafür nur zwei Erklärungen: Entweder halten alle den Bundestrainer für derart angeschlagen, dass sie fürchten, bei weiterer Gegenwehr könnte er kurz vor der WM noch das Weite suchen. Oder es hat niemand einen so überzeugenden Verbesserungsvorschlag, dass er ihn zu nennen wagte - das ist wahrscheinlicher.



In den vergangenen Tagen war immer wieder der Vorwurf zu hören, Klinsmann, der Dauerlächler, habe das Land geblendet. Er habe es getäuscht mit seiner Positiv-Rhetorik, mit seiner Pose der Allwissenheit, mit seinem herausposaunten Masterplan, der am Anfang so schlüssig erschien. Übersehen wird dabei: Das Land hat sich auch gern blenden lassen. Es war genervt von Jahren der Rumpelei unter Vogts, Ribbeck und Völler, und es empfand Jürgen Klinsmanns neuartige Hoppla-hier-komm'-ich-Mentalität als erfrischend - zumindest aber ihre Spiegelung auf dem Platz. Die berauschenden Offensivleistungen beim Confederations Cup haben viele als Basis begriffen, als Ausgangspunkt für eine perfekte Vorstellung bei der WM, die rundum schlüssig ist, hinten wie vorn. Jetzt aber merkt das Land, dass es seitdem abwärts und nicht aufwärts ging, und es fragt bange, ob Klinsmanns Mannschaft noch einmal die Kurve kriegt.



Am Ende seiner Amtszeit wird das Werk des Jürgen Klinsmann nach den Kriterien bewertet werden, die ihm eigentlich nie ausreichten. Das Land wird schlicht fragen: Und, was war auf dem Platz? Diese Frage zielt mitten in die Strategiedebatte, die seit dem Debakel von Florenz läuft. Klinsmanns Spieler halfen dem Gegner in dieser Partie so eifrig beim Toreschießen, dass der Zuschauer sich im falschen Film wähnte. Arbeitstitel: Italienisch für Anfänger. Die Taktik des Trainerteams war für diesen Abend, für diesen Gegner zu forsch gewählt. Rätselhaft erscheint, wie Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw so falsch liegen konnten - nachdem sie ihr Team beim 0:0 in Frankreich im November noch bestens eingestellt hatten. Warum wichen sie damals von ihrer öffentlich propagierten Offensivstrategie erfolgreich ab - und ließen die Spieler diesmal frohgemut ins Verderben rennen? Haben sie die Lehren von Paris so schnell vergessen? Oder waren sie wirklich naiv genug, dem Land zeigen zu wollen: Hallo, das WM-Jahr hat übrigens begonnen, und wir machen jetzt zum Auftakt mal eben einen der Favoriten platt?



Diese Fragen sind wichtig, denn sie weisen auf das, was bis zur WM noch passiert. Klinsmann wird bis dahin noch oft seine Fähigkeiten als Taktiker unter Beweis stellen müssen, auf der Trainerbank und abseits davon. Er wird entscheiden müssen, wie er sich in zwei weiteren Schüsseldiskussionen seiner Amtszeit verhält: in der Präsenzdebatte und in der Torhüterdebatte. Alles deutet darauf hin, dass er weiter verfährt wie bisher. Er wird seinen Erstwohnsitz nicht von Huntington Beach nach Stuttgart-Botnang verlegen, auch nicht auf Zeit. Er wird weiter die Ferndiagnose der Nahaufnahme vorziehen, weil er glaubt, dass er nur so den Blick fürs große Ganze behält. Dass er dabei Details übersehen kann, die für seine Arbeit wichtig sind, das mag er nicht gelten lassen. Klinsmann versteht offenbar auch nicht, dass die Entscheidung in der Torhüterfrage mit jedem Tag, den er sie hinauszögert, explosiver wird. Sollte er sich kurz vor der WM für Oliver Kahn als Schlussmann Nummer eins entscheiden, wird Jens Lehmann aufjaulen. Dass er diese Disziplin beherrscht, hat er hinlänglich bewiesen. Sollte Klinsmann aber Lehmann den Vorzug geben, dem mitspielenden, moderneren Torwart, der besser zu einer offensiven Ausrichtung passt, dann wird die Lobby des FC Bayern, unterstützt von medialem Trommelfeuer, Klinsmann so heftig angreifen, dass der Schock danach die ganze WM hindurch wirkt. Wenn er sich für diese Variante entschiede, hätte er wirklich seine heiß geliebte Unabhängigkeit bewiesen - und würde vermutlich an ihren Folgen scheitern.



Der Bundestrainer Jürgen Klinsmann ist radikal in allem, was er tut. Er legt sich schon jetzt auf 16 Spieler seines WM-Aufgebots fest, damit der Sponsor Coca Cola mit ihren Gesichtern seine Dosen bedrucken kann - und plädiert trotzdem dafür, den endgültigen Nominierungsschluss weiter herauszuschieben als geplant. Er hat die Spiele seiner Mannschaft mit wohlklingenden Konzepten überhöht, und er musste feststellen, dass die Wirklichkeit seine Konzepte unbarmherzig überholt hat. Er hat jetzt nur noch eine Chance. Er muss in den Trainingslagern vor der WM, auf Sardinien und in Genf, seine aus den Fugen geratene Mannschaft wieder zusammenkitten. Er muss sie zu einem Ganzen formen, das größer ist als die Summe seiner Teile. Er weiß, dass nun kaum einer in Deutschland noch den Weltmeistertitel erwartet. Aber er will diesen Titel selbst. Er will keinen Kompromiss.
 
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