Klingenstädter
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US-BOTSCHAFT IM IRAK
<span>Von tausend Mitarbeitern sprechen nur sechs arabisch</span>
Mangelnde Sprachkenntnisse behindern nach Ansicht der Baker-Kommission die militärischen und zivilen Bemühungen der USA im Irak: Von tausend Mitarbeitern der US-Botschaft in Bagdad sprächen nur sechs fließend arabisch.
Washington - "All unsere Anstrengungen im Irak, militärische und zivile, werden durch einen Mangel an Sprachkenntnis und kulturellem Verständnis behindert", schreibt die vom ehemaligen US-Außenminister James Baker geführte Expertenkommission zum Irak in ihrem Abschlussbericht.
Nach Angaben der Verfasser, fünf Demokraten und fünf Republikaner, sprechen in der US-amerikanischen Botschaft in Bagdad nur sechs von tausend Mitarbeitern fließend arabisch. 33 Beschäftigte hätten Kenntnisse in der Sprache. In einem Konflikt, der eine schnelle und effektive Kommunikation erfordere, gerieten die USA dadurch oft ins Hintertreffen, heißt es in dem Bericht.
Der Bericht enthält eine Empfehlung an die Regierung, dem Spracherwerb und kulturellen Schulungen für künftige US-Vertreter im Irak höchste Priorität einzuräumen.
phw/reuters
Quelle: spiegel
BAKER-EMPFEHLUNGEN
<span>
Kehrt marsch, Mr. President!</span>
Von Georg Mascolo und Bernhard Zand , Dubai
Kommen die Vorschläge der Baker-Kommission zu spät, um den Irak noch zu retten? Wenn überhaupt, dann hilft jetzt nur noch kalte, nüchterne Realpolitik - das ist die Botschaft der Experten. Doch viele ihrer Forderungen sind für den Präsidenten schwer zu akzeptieren.
Die Mitglieder der Baker-Hamilton-Kommission waren die Helden des Tages, die Stars, zu bewundern auf allen Kanälen. Es begann im Frühstücksfernsehen, kurz nach sieben Uhr: Neun Herren und eine Dame saßen beim Präsidenten im Weißen Haus. Dann ging es weiter auf den Kapitolshügel, ein Briefing für die Abgeordneten, die Presse, die Botschafter befreundeter Staaten. Über eine sichere Videoleitung konferierten sie mit der irakischen Regierung. Und noch spätabends waren die Mitglieder zu bewundern, wie sie, inzwischen ziemlich müde, den Amerikanern ihren "neuen Weg" für den Irak erklärten.
Kommissionschefs Baker, Hamilton (r.): Fingerzeig für den "neuen Weg"
In Bagdad waren nur kurze Ausschnitte dieses Überzeugungs-Marathons zu sehen. Strom gab es nur am Abend zwischen neun und zehn Uhr. Wie üblich kam die US-Armee den ganzen Tag unter Feuer - von Schiiten, wenn sie Sunniten zur Hilfe kam, von Sunniten, wenn sie den Schiiten beistand. Zehn Tote soll es gegeben haben. Die Verluste unter den Irakern waren wie gewöhnlich weit höher: 50 Tote, Tagesdurchschnitt, wurden im Leichenschauhaus angeliefert. Viele wurden mit Bohrmaschinen gefoltert und dann per Kopfschuss exekutiert. Auch die Zahl der Flüchtlinge lag im Schnitt. 2000 Iraker sollen gestern wieder die Grenzen nach Jordanien und Syrien überquert haben.
Die Lage im Irak ist katastrophal, mit der Vorlage des Berichtes der Baker-Hamilton-Kommission hat es Amerika amtlich. Auf den Straßen von Bagdad gibt es schon seit zig Monaten keinen Zweifel daran.
"Ernst, schlecht, Chaos, Bürgerkrieg" - die häufigsten Worte
Seit gestern 11 Uhr ist der Kommissionsbericht in allen amerikanischen Buchhandlungen erhältlich. Cover und Aufmachung erinnern stark an den Report der Untersuchungskommission zum 11. September. Nur deutlich dünner ist das Werk ausgefallen, denn dieses Mal durfte nur nach vorne, nicht zurück geschaut werden. Über die Ursachen des Chaos, die Hybris der Bush-Regierung, konnte der Expertenzirkel nicht richten. Ohne diese Einschränkung hätte das Weiße Haus die Untersuchung erst gar nicht akzeptiert.
Ausreichend deutlich ist die Botschaft dennoch, "ernst, schlecht, Chaos, Bürgerkrieg" sind die am häufigsten gebrauchten Vokabeln, der ganzen Region drohe Instabilität. Ex-Vizepräsident Al Gore sagte es deutlich: "Das ist das größte strategische Desaster in der Geschichte der USA."
Zur Präsentation dieser düsteren Bestandsaufnahme rücken im Senat alle zehn Mitglieder der Kommission an, Raum 216, wo sonst der Außenpolitische Ausschuss tagt. Ein Signal. Genau hier hatte die Bush-Riege gern von Frieden und Stabilität für die Region geschwärmt und noch Anfang des Jahres einen Bürgerkrieg für ganz und gar ausgeschlossen erklärt.
In Bagdad kam an: Amerika verliert die Geduld
Der Irak ist heute für die Amerikaner viel gefährlicher, als er es unter Saddam Hussein je war. Für die Iraker sowieso. Wie soll es weitergehen? 79 Vorschläge hat die Kommission zu Papier gebracht, eine echte Fleißarbeit. Mehr Diplomatie wagen, Gespräche mit den Erzfeinden Iran und Syrien, die Wiederbelebung des Friedensprozesses für Palästina, beschleunigte Ausbildung für irakische Truppen und eine Amnestie für die Mitglieder der Todesschwadronen gehören zu den Empfehlungen. Vieles davon ist für Bush schwer zu akzeptieren, es ähnelt auffällig dem, was Diplomaten und Nahost-Experten seit Jahren fordern. Realpolitik, kalt und nüchtern. Es wäre das endgültige Aus für die Bush-Revolution.
"Erreichbare Ziele" nennt Hamilton die Forderungen der Kommission. Wirklich neu sind die versteckten Drohungen an die Adresse der irakischen Regierung: Nur wenn es endlich Fortschritte gibt, dass die zerstrittenen Fraktionen gemeinsam an der Zukunft des Landes arbeiten, soll es weiter politische, militärische und ökonomische Unterstützung geben.
In Bagdad kam die Botschaft so an, wie sie auch gemeint ist: Amerika verliert die Geduld.
Wer aber besitzt im Irak überhaupt die Macht, das tägliche Blutbad zu beenden? Was als Rivalität der Sunniten und Schiiten begann, ist inzwischen zu einem Bürgerkrieg wie einst im Libanon geworden, mit rivalisierenden Fraktionen, bisweilen zu einem Kampf um jede Straße und jedes Viertel. Öffentlich unterstützt Bush den irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki, aber die US-Militärs vertrauen ihm schon lange nicht mehr. Malikis Macht beruht auf der Unterstützung von Muktada al-Sadr, dem Kommandanten einer der brutalsten Schiiten-Milizen. Razzien gegen die Sadr-Leute will Maliki nicht zulassen.
Kommen die Vorschläge schon zu spät?
So verzweifelt ist die Lage, dass Bushs Sicherheitsberater Stephen Hadley gerade in einem vertraulichen Memo die Idee einer groß-angelegten Einflussnahme der US-Regierung auf die irakische Politik ventilierte. Für Maliki müsse eine neue politische Basis aus moderaten Kräften geformt werden - mit Hilfe amerikanischer Dollars.
Nach nationaler Versöhnung sieht es in diesen Tagen im Irak nun wahrlich nicht aus. Und während noch die Kommission durch Washington zieht, macht die Sorge die Runde, dass deren Vorschläge ohnehin einfach zu spät kommen.
Wayne White sieht es so. Er ist einer der 44 Experten, die Baker und Hamilton zuarbeiteten, ein kühler Analytiker, 26 Jahre im State Department, zuletzt Leiter der Irak-Abteilung im Geheimdienst des Außenministeriums. White ist einer der frühen Mahner, einer, der schon vor einem "sunnitisch-schiitischen Stalingrad" in Bagdad warnte, als im Weißen Haus noch Happy Talk angesagt war.
Lässt sich der Krieg also wirklich noch gewinnen? Oder zumindest einigermaßen glimpflich zu Ende bringen? "Ich habe keine Kristallkugel", knurrt Baker, der alte Freund des Bush-Clans. Und wird George W. den Empfehlungen folgen, der etwa, mit Iran zu verhandeln? "Ich habe noch nie einen Präsidenten auf die Couch gelegt", sagt Baker.
Quelle: spiegel
<span>Von tausend Mitarbeitern sprechen nur sechs arabisch</span>
Mangelnde Sprachkenntnisse behindern nach Ansicht der Baker-Kommission die militärischen und zivilen Bemühungen der USA im Irak: Von tausend Mitarbeitern der US-Botschaft in Bagdad sprächen nur sechs fließend arabisch.
Washington - "All unsere Anstrengungen im Irak, militärische und zivile, werden durch einen Mangel an Sprachkenntnis und kulturellem Verständnis behindert", schreibt die vom ehemaligen US-Außenminister James Baker geführte Expertenkommission zum Irak in ihrem Abschlussbericht.
Nach Angaben der Verfasser, fünf Demokraten und fünf Republikaner, sprechen in der US-amerikanischen Botschaft in Bagdad nur sechs von tausend Mitarbeitern fließend arabisch. 33 Beschäftigte hätten Kenntnisse in der Sprache. In einem Konflikt, der eine schnelle und effektive Kommunikation erfordere, gerieten die USA dadurch oft ins Hintertreffen, heißt es in dem Bericht.
Der Bericht enthält eine Empfehlung an die Regierung, dem Spracherwerb und kulturellen Schulungen für künftige US-Vertreter im Irak höchste Priorität einzuräumen.
phw/reuters
Quelle: spiegel
BAKER-EMPFEHLUNGEN
<span>
Kehrt marsch, Mr. President!</span>
Von Georg Mascolo und Bernhard Zand , Dubai
Kommen die Vorschläge der Baker-Kommission zu spät, um den Irak noch zu retten? Wenn überhaupt, dann hilft jetzt nur noch kalte, nüchterne Realpolitik - das ist die Botschaft der Experten. Doch viele ihrer Forderungen sind für den Präsidenten schwer zu akzeptieren.
Die Mitglieder der Baker-Hamilton-Kommission waren die Helden des Tages, die Stars, zu bewundern auf allen Kanälen. Es begann im Frühstücksfernsehen, kurz nach sieben Uhr: Neun Herren und eine Dame saßen beim Präsidenten im Weißen Haus. Dann ging es weiter auf den Kapitolshügel, ein Briefing für die Abgeordneten, die Presse, die Botschafter befreundeter Staaten. Über eine sichere Videoleitung konferierten sie mit der irakischen Regierung. Und noch spätabends waren die Mitglieder zu bewundern, wie sie, inzwischen ziemlich müde, den Amerikanern ihren "neuen Weg" für den Irak erklärten.
Kommissionschefs Baker, Hamilton (r.): Fingerzeig für den "neuen Weg"
In Bagdad waren nur kurze Ausschnitte dieses Überzeugungs-Marathons zu sehen. Strom gab es nur am Abend zwischen neun und zehn Uhr. Wie üblich kam die US-Armee den ganzen Tag unter Feuer - von Schiiten, wenn sie Sunniten zur Hilfe kam, von Sunniten, wenn sie den Schiiten beistand. Zehn Tote soll es gegeben haben. Die Verluste unter den Irakern waren wie gewöhnlich weit höher: 50 Tote, Tagesdurchschnitt, wurden im Leichenschauhaus angeliefert. Viele wurden mit Bohrmaschinen gefoltert und dann per Kopfschuss exekutiert. Auch die Zahl der Flüchtlinge lag im Schnitt. 2000 Iraker sollen gestern wieder die Grenzen nach Jordanien und Syrien überquert haben.
Die Lage im Irak ist katastrophal, mit der Vorlage des Berichtes der Baker-Hamilton-Kommission hat es Amerika amtlich. Auf den Straßen von Bagdad gibt es schon seit zig Monaten keinen Zweifel daran.
"Ernst, schlecht, Chaos, Bürgerkrieg" - die häufigsten Worte
Seit gestern 11 Uhr ist der Kommissionsbericht in allen amerikanischen Buchhandlungen erhältlich. Cover und Aufmachung erinnern stark an den Report der Untersuchungskommission zum 11. September. Nur deutlich dünner ist das Werk ausgefallen, denn dieses Mal durfte nur nach vorne, nicht zurück geschaut werden. Über die Ursachen des Chaos, die Hybris der Bush-Regierung, konnte der Expertenzirkel nicht richten. Ohne diese Einschränkung hätte das Weiße Haus die Untersuchung erst gar nicht akzeptiert.
Ausreichend deutlich ist die Botschaft dennoch, "ernst, schlecht, Chaos, Bürgerkrieg" sind die am häufigsten gebrauchten Vokabeln, der ganzen Region drohe Instabilität. Ex-Vizepräsident Al Gore sagte es deutlich: "Das ist das größte strategische Desaster in der Geschichte der USA."
Zur Präsentation dieser düsteren Bestandsaufnahme rücken im Senat alle zehn Mitglieder der Kommission an, Raum 216, wo sonst der Außenpolitische Ausschuss tagt. Ein Signal. Genau hier hatte die Bush-Riege gern von Frieden und Stabilität für die Region geschwärmt und noch Anfang des Jahres einen Bürgerkrieg für ganz und gar ausgeschlossen erklärt.
In Bagdad kam an: Amerika verliert die Geduld
Der Irak ist heute für die Amerikaner viel gefährlicher, als er es unter Saddam Hussein je war. Für die Iraker sowieso. Wie soll es weitergehen? 79 Vorschläge hat die Kommission zu Papier gebracht, eine echte Fleißarbeit. Mehr Diplomatie wagen, Gespräche mit den Erzfeinden Iran und Syrien, die Wiederbelebung des Friedensprozesses für Palästina, beschleunigte Ausbildung für irakische Truppen und eine Amnestie für die Mitglieder der Todesschwadronen gehören zu den Empfehlungen. Vieles davon ist für Bush schwer zu akzeptieren, es ähnelt auffällig dem, was Diplomaten und Nahost-Experten seit Jahren fordern. Realpolitik, kalt und nüchtern. Es wäre das endgültige Aus für die Bush-Revolution.
"Erreichbare Ziele" nennt Hamilton die Forderungen der Kommission. Wirklich neu sind die versteckten Drohungen an die Adresse der irakischen Regierung: Nur wenn es endlich Fortschritte gibt, dass die zerstrittenen Fraktionen gemeinsam an der Zukunft des Landes arbeiten, soll es weiter politische, militärische und ökonomische Unterstützung geben.
In Bagdad kam die Botschaft so an, wie sie auch gemeint ist: Amerika verliert die Geduld.
Wer aber besitzt im Irak überhaupt die Macht, das tägliche Blutbad zu beenden? Was als Rivalität der Sunniten und Schiiten begann, ist inzwischen zu einem Bürgerkrieg wie einst im Libanon geworden, mit rivalisierenden Fraktionen, bisweilen zu einem Kampf um jede Straße und jedes Viertel. Öffentlich unterstützt Bush den irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki, aber die US-Militärs vertrauen ihm schon lange nicht mehr. Malikis Macht beruht auf der Unterstützung von Muktada al-Sadr, dem Kommandanten einer der brutalsten Schiiten-Milizen. Razzien gegen die Sadr-Leute will Maliki nicht zulassen.
Kommen die Vorschläge schon zu spät?
So verzweifelt ist die Lage, dass Bushs Sicherheitsberater Stephen Hadley gerade in einem vertraulichen Memo die Idee einer groß-angelegten Einflussnahme der US-Regierung auf die irakische Politik ventilierte. Für Maliki müsse eine neue politische Basis aus moderaten Kräften geformt werden - mit Hilfe amerikanischer Dollars.
Nach nationaler Versöhnung sieht es in diesen Tagen im Irak nun wahrlich nicht aus. Und während noch die Kommission durch Washington zieht, macht die Sorge die Runde, dass deren Vorschläge ohnehin einfach zu spät kommen.
Wayne White sieht es so. Er ist einer der 44 Experten, die Baker und Hamilton zuarbeiteten, ein kühler Analytiker, 26 Jahre im State Department, zuletzt Leiter der Irak-Abteilung im Geheimdienst des Außenministeriums. White ist einer der frühen Mahner, einer, der schon vor einem "sunnitisch-schiitischen Stalingrad" in Bagdad warnte, als im Weißen Haus noch Happy Talk angesagt war.
Lässt sich der Krieg also wirklich noch gewinnen? Oder zumindest einigermaßen glimpflich zu Ende bringen? "Ich habe keine Kristallkugel", knurrt Baker, der alte Freund des Bush-Clans. Und wird George W. den Empfehlungen folgen, der etwa, mit Iran zu verhandeln? "Ich habe noch nie einen Präsidenten auf die Couch gelegt", sagt Baker.
Quelle: spiegel