Klingenstädter
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POLITISCHER MORD IM LIBANON
<span>Der letzte Schritt vor dem Bürgerkrieg</span>
Von Ulrike Putz
Der Mord an Minister Pierre Gemayel könnte der Funke sein, der das Pulverfass Libanon in die Luft jagt. Ein offener Kampf zwischen der Regierung Fuad Sinioras und den prosyrischen Kräften unter Führung der Hisbollah scheint unvermeidbar.
Berlin - "Chronik eines angekündigten Todes" - so hätte jede politische Analyse über den Libanon in den vergangenen Wochen überschrieben sein können. Auf der einen Seite die antisyrische Regierung, die die Aufklärung des Mordes am ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri voran und damit Syrien in die Ecke treibt, auf der anderen Seite die durch den Krieg mit Israel gestärkten Schiiten unter Führung der prosyrischen Hisbollah, die sich mehr Macht in der Regierung notfalls auch auf der Straße erstreiten wollen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis politische Strippenzieher durch einen gezielten politischen Mord die Situation zur Eskalation treiben würden.
Ob die tödlichen Schüsse auf Pierre Gemayel tatsächlich von Handlangern Syriens abgegeben wurden, wie seine politische Freunde sofort vermuteten, ist noch nicht bewiesen. Fest steht, dass das Attentat von Kräften verübt wurde, die die Stabilisierung des Libanon mit aller Macht verhindern wollen. Und fest steht auch, dass sie damit Erfolg haben dürften. Hatten noch vor wenigen Tagen die Schiiten damit gedroht, den innenpolitischen Konflikt auf die Straße zu tragen, so werden nun die Christen ihrer Wut in Massendemonstrationen Luft machen.
Der Hisbollah dürfte das durchaus Recht sein. Wenn nun die Christen durch Demonstrationen Straßenschlachten und Unruhen auslösen und so die Regierung zu Fall bringen, hätte sie ihr politisches Ziel erreicht, ohne direkt dafür verantwortlich gemacht werden zu können. Sollten die Parteien der Regierungskoalition, zu der auch Gemayel gehörte, ihre Anhängern in den nächsten Tagen nicht auf größte Disziplin verpflichten können, würde die Hisbollah sein aus dem Mord ihren politischen Nutzen zieht - eine Erwägung, die man bei der Frage nach dem Motiv des Attentats mit einbeziehen muss.
"Man sieht den Hass in den Augen"
Dass die Anhänger Gemayels und die mit ihnen in der Koalition verbündeten Sunniten den Mord bloß trauernd hinnehmen und nicht gewaltsam reagieren, scheint unwahrscheinlich. Schon am Dienstagnachmittag, nur Stunden nach dem Mord, versammelten sich in den christlichen Stadtvierteln Beiruts aufgebrachte Menschen auf der Straße. "Es ist wie zu Beginn des Bürgerkrieges, man sieht den Hass in den Augen, die Maroniten wollen Rache", sagte ein libanesischer Beobachter gegenüber SPIEGEL ONLINE. Aus Angst vor einer Eskalation besetzte das Militär Verkehrsknotenpunkte und patroullierte in den Straßen der Hauptstadt. Seit dem libanesischen Bürgerkrieg, in dem Phalange-Anhänger sich schwere Kriegsverbrechen wie mehrere Massaker an Palästinensern zu Schulden kommen ließen, gilt die Christen-Gruppierung als radikal und potentiell gewaltbereit.
Nach dem Mord an dem Industrieminister, der zu einer der wichtigsten christlichen Politiker-Dynastien des Landes gehörte, dürfte es fast unmöglich sein, die durch den Graben der religiösen Zugehörigkeit getrennten politischen Kontrahenten wieder zurück an den Verhandlungstisch zu lotsen. Es steht zu befürchten, dass die - nach dem Bürgerkrieg zumindest in der Theorie komplett entwaffneten - Phalange-Milizen und andere christliche Splittergruppen hochrüsten und sich auf einen offenen Kampf mit den prosyrischen Kräften im Land einstellen. Wo die derzeit mit der Hisbollah alliierte christliche Aoun-Partei dabei stehen könnte, war am Dienstagabend noch offen.
Schießerei kurz bevor die UNO tagt
Das Attentatsopfer war der Sohn des ehemaligen Präsidenten Amin Gemayel, der von 1982 bis 1988 amtierte. Sein Großvater Pierre Gemayel führte die Phalange im Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Der Tod des 34-Jährigen ist der vorerst letzte in einer langen Reihe politischer Morde an ausschließlich anti-syrischen Politikern und Intellektuellen in den vergangenen zwei Jahren. Dass Syrien bei diesem wie auch bei anderen Attentaten "seine Hand im Spiel" hatte, wie der Sohn des ermordeten libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri, Saad Hariri sagte, scheint plausibel, wenn man sich den Zeitpunkt der Schießerei ansieht: Der Mord ereignete sich nur Stunden, bevor der Uno-Sicherheitsrat in New York sich für die Einsetzung eines internationalen Tribunals zur Untersuchung des Mordes an Rafik Hariri aussprach. Der Rat verurteilte zugleich den Mordanschlag.
Syrien scheint ein solches Tribunal zutiefst zu fürchten: Beobachter gehen davon aus, dass die syrienfreundliche Allianz aus Hisbollah, schiitischer Amal-Miliz und christlicher Aoun-Partei unter anderem deshalb jetzt mehr Einfluss in der Regierung verlangt, um die Arbeit eines solchen Tribunals dann von der Regierungsbank aus zu torpedieren.
Dass Syrien den Mord verurteilte und verlauten ließ, es sei darauf bedacht "die Sicherheit, Einigkeit und den zivilen Frieden im Libanon zu bewahren" dürfte in den Ohren vieler Syrien-Gegner wie eine Drohung klingen: Schon in der Vergangenheit legitimierte Syrien seine Besetzung des Zedern-Staates damit, dass nur die Präsenz der syrischen Schutzmacht das fragile Gleichgewicht der Religionen stabil hält.
Quelle: spiegel.de
<span>Der letzte Schritt vor dem Bürgerkrieg</span>
Von Ulrike Putz
Der Mord an Minister Pierre Gemayel könnte der Funke sein, der das Pulverfass Libanon in die Luft jagt. Ein offener Kampf zwischen der Regierung Fuad Sinioras und den prosyrischen Kräften unter Führung der Hisbollah scheint unvermeidbar.
Berlin - "Chronik eines angekündigten Todes" - so hätte jede politische Analyse über den Libanon in den vergangenen Wochen überschrieben sein können. Auf der einen Seite die antisyrische Regierung, die die Aufklärung des Mordes am ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri voran und damit Syrien in die Ecke treibt, auf der anderen Seite die durch den Krieg mit Israel gestärkten Schiiten unter Führung der prosyrischen Hisbollah, die sich mehr Macht in der Regierung notfalls auch auf der Straße erstreiten wollen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis politische Strippenzieher durch einen gezielten politischen Mord die Situation zur Eskalation treiben würden.
Ob die tödlichen Schüsse auf Pierre Gemayel tatsächlich von Handlangern Syriens abgegeben wurden, wie seine politische Freunde sofort vermuteten, ist noch nicht bewiesen. Fest steht, dass das Attentat von Kräften verübt wurde, die die Stabilisierung des Libanon mit aller Macht verhindern wollen. Und fest steht auch, dass sie damit Erfolg haben dürften. Hatten noch vor wenigen Tagen die Schiiten damit gedroht, den innenpolitischen Konflikt auf die Straße zu tragen, so werden nun die Christen ihrer Wut in Massendemonstrationen Luft machen.
Der Hisbollah dürfte das durchaus Recht sein. Wenn nun die Christen durch Demonstrationen Straßenschlachten und Unruhen auslösen und so die Regierung zu Fall bringen, hätte sie ihr politisches Ziel erreicht, ohne direkt dafür verantwortlich gemacht werden zu können. Sollten die Parteien der Regierungskoalition, zu der auch Gemayel gehörte, ihre Anhängern in den nächsten Tagen nicht auf größte Disziplin verpflichten können, würde die Hisbollah sein aus dem Mord ihren politischen Nutzen zieht - eine Erwägung, die man bei der Frage nach dem Motiv des Attentats mit einbeziehen muss.
"Man sieht den Hass in den Augen"
Dass die Anhänger Gemayels und die mit ihnen in der Koalition verbündeten Sunniten den Mord bloß trauernd hinnehmen und nicht gewaltsam reagieren, scheint unwahrscheinlich. Schon am Dienstagnachmittag, nur Stunden nach dem Mord, versammelten sich in den christlichen Stadtvierteln Beiruts aufgebrachte Menschen auf der Straße. "Es ist wie zu Beginn des Bürgerkrieges, man sieht den Hass in den Augen, die Maroniten wollen Rache", sagte ein libanesischer Beobachter gegenüber SPIEGEL ONLINE. Aus Angst vor einer Eskalation besetzte das Militär Verkehrsknotenpunkte und patroullierte in den Straßen der Hauptstadt. Seit dem libanesischen Bürgerkrieg, in dem Phalange-Anhänger sich schwere Kriegsverbrechen wie mehrere Massaker an Palästinensern zu Schulden kommen ließen, gilt die Christen-Gruppierung als radikal und potentiell gewaltbereit.
Nach dem Mord an dem Industrieminister, der zu einer der wichtigsten christlichen Politiker-Dynastien des Landes gehörte, dürfte es fast unmöglich sein, die durch den Graben der religiösen Zugehörigkeit getrennten politischen Kontrahenten wieder zurück an den Verhandlungstisch zu lotsen. Es steht zu befürchten, dass die - nach dem Bürgerkrieg zumindest in der Theorie komplett entwaffneten - Phalange-Milizen und andere christliche Splittergruppen hochrüsten und sich auf einen offenen Kampf mit den prosyrischen Kräften im Land einstellen. Wo die derzeit mit der Hisbollah alliierte christliche Aoun-Partei dabei stehen könnte, war am Dienstagabend noch offen.
Schießerei kurz bevor die UNO tagt
Das Attentatsopfer war der Sohn des ehemaligen Präsidenten Amin Gemayel, der von 1982 bis 1988 amtierte. Sein Großvater Pierre Gemayel führte die Phalange im Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Der Tod des 34-Jährigen ist der vorerst letzte in einer langen Reihe politischer Morde an ausschließlich anti-syrischen Politikern und Intellektuellen in den vergangenen zwei Jahren. Dass Syrien bei diesem wie auch bei anderen Attentaten "seine Hand im Spiel" hatte, wie der Sohn des ermordeten libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri, Saad Hariri sagte, scheint plausibel, wenn man sich den Zeitpunkt der Schießerei ansieht: Der Mord ereignete sich nur Stunden, bevor der Uno-Sicherheitsrat in New York sich für die Einsetzung eines internationalen Tribunals zur Untersuchung des Mordes an Rafik Hariri aussprach. Der Rat verurteilte zugleich den Mordanschlag.
Syrien scheint ein solches Tribunal zutiefst zu fürchten: Beobachter gehen davon aus, dass die syrienfreundliche Allianz aus Hisbollah, schiitischer Amal-Miliz und christlicher Aoun-Partei unter anderem deshalb jetzt mehr Einfluss in der Regierung verlangt, um die Arbeit eines solchen Tribunals dann von der Regierungsbank aus zu torpedieren.
Dass Syrien den Mord verurteilte und verlauten ließ, es sei darauf bedacht "die Sicherheit, Einigkeit und den zivilen Frieden im Libanon zu bewahren" dürfte in den Ohren vieler Syrien-Gegner wie eine Drohung klingen: Schon in der Vergangenheit legitimierte Syrien seine Besetzung des Zedern-Staates damit, dass nur die Präsenz der syrischen Schutzmacht das fragile Gleichgewicht der Religionen stabil hält.
Quelle: spiegel.de

