DAS PROZESS-TAGEBUCH
Giovanni wartet
Mit jeder Minute, die sich der Zeiger Richtung 14 Uhr bewegt, steigt die Spannung. Im Bistro Justitia sitzen Friedrich-Verteidiger Ernst Misamer, Wieschemann-Verteidiger Justizrat Günter Schmidt und der Angeklagte Gerhard Herzog beisammen; sie ziehen an Zigaretten. Sie sind sozusagen die Vorhut, die anderen kommen noch. Warten auf das Urteil.
Der Ansturm auf die Zuschauerplätze im großen Sitzungssaal ist enorm. Weit mehr Zuhörer wollen die Urteilsverkündung miterleben als den Prozessauftakt in den letzten Maitagen. Die Sitzplätze reichen nicht für alle, als sich die Tür zum Verhandlungsraum für die Schaulustigen öffnet. Etliche müssen stehen, darunter auch Friedrich-Ehefrau Brigitte. Staranwalt Professor Egon Müller, der Vertreter des FCK , kann gerade noch einen Platz in der letzten Reihe ergattern. Und der Wachtmeister verteidigt seinen Stuhl im Sitzungssaal wie ein Löwe: „Des is moiner."
„Es war so schön familiär die letzten Wochen", sehnt sich der Kollege des Sport-Informationsdienstes (sid), Alexander Sarter, zurück nach ruhigeren Prozesstagen. Als sich das öffentliche Interesse auf das Stammpublikum und die journalistische Stammbesetzung beschränkte. Überhaupt das Medieninteresse. Es eruptierte gestern. Warten auf das Urteil.
Es ist 13.55 Uhr, als der frühere FCK -Vorstandsvorsitzende Jürgen Friedrich den Sitzungssaal betritt. Er begrüßt Franz Reichert, das Lauterer Stadtgesicht im Elektrorollstuhl, am Eingang. „Grüß Dich. Begleitest Du mich auf dem schweren Gang?", fragt er. Warten auf das Urteil.
Die Spannung steigt weiter, Kameras halten auf die Angeklagten und ihre Verteidiger. Immer wieder, mal aus der, mal aus jener Perspektive. Die Prominenz der Beschuldigten hat ihren Preis. Und das Fernsehen verlangt nach Bildern, Bildern, Bildern. Warten auf das Urteil.
14.10 Uhr. Es ist zehn Minuten über die Zeit. Die Tür, durch die das Gericht den Sitzungssaal betritt, geht einen Spalt auf - und wieder zu. Die Kammer auf Erkundung der Lage. Kann"s losgehen? 14.11 Uhr. Der Urkundsbeamte wechselt die Brille. Die dunkle ab, die helle auf. Er informiert das Gericht, es kann kommen. Warten auf das Urteil.
Sekunden später: das Urteil im Namen des Volkes. Zwei Jahre auf Bewährung für Jürgen Friedrich wegen Steuerhinterziehung in sechs Fällen, 39.000 Euro Strafe für das frühere Vorstandsmitglied Herzog wegen Steuerhinterziehung in einem Fall, 130.000 Euro Strafe für Robert Wieschemann, den früheren Aufsichtsratsvorsitzenden, wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in zwei Fällen.
Die Urteilsbegründung durch den Vorsitzenden Richter beginnt. Die Journalisten auf der Pressebank lassen ihre Finger über die Tastaturen ihrer Laptops laufen, die Tasten klicken. Sender und Agenturen verbreiten die Meldung eines milden Urteils. Kaiserslautern deutschlandweit.
Herzog-Verteidiger Helge Pfeifer schält sich aus dem Sakko unter dem Talar. Wer will, kann darin ein Bild der Entspannung sehen. Friedrich, aufrecht-zurückgelehnt im Stuhl, unbeweglicher Gesichtsausdruck, Herzog, die Beine übereinander geschlagen, Zettel und Autoschlüssel vor sich, roter Kuli in der Hand, Wieschemann, aufgestützt, die Hände unterm Kinn gefaltet, mit den gewohnten kleinen Streicheleinheiten für den weißhaarigen Bart, lauschen den Worten des Vorsitzenden.
Der referiert über die „Beweggründe und Ziele der Angeklagten". Darüber, dass die Kammer es als erwiesen sieht, dass die früheren FCK -Verantwortlichen einen höheren Arbeitslohn vereinbarten, indem sie einem Teil des Lohns das Etikett Persönlichkeitsrechte gaben. Darüber, dass die Zahlungsflüsse an drei Spieler objektiv nachzuvollziehen sind. Und dass man auch im Fall Strasser davon ausgehen muss, dass es so war. Darüber, dass es den Angeklagten nicht darum ging, den Verein zu schädigen, sondern auf günstige Art und Weise gute Spieler zu verpflichten. Darüber, dass eine wohlwollende Prüfungspraxis der Finanzbehörden die früheren Bosse auf dem Betzenberg zu der Praxis verleitet haben könnte.
Detailliert geht der Vorsitzende Richter auf die Strafzumessung ein. Er ahnt wohl, dass das Urteil als glimpflich apostrophiert wird. Spricht darüber, dass sich die Angeklagten bisher nichts zu Schulden kommen ließen, zumindest dass kein Eintrag über Vorstrafen im Bundeszentralregister vorliegt (Gelächter!). Darüber, dass der Staat zwar geschädigt wurde, der FCK den Schaden aber wieder gutgemacht hat, dass die Angeklagten im Verfahren mitgewirkt haben, dass Jürgen Friedrich eine günstige Sozialprognose hat. Und Strafzumessung ein weites Feld ist. Wie wahr!
Um 15.54 Uhr ist alles gesagt, die Zuschauerreihen haben sich deutlich gelichtet, der Vorsitzende Richter schließt das Verfahren ab. Mit einem nüchternen Satz, mit vier Wörtern. „Die Sitzung ist geschlossen." Passend dazu: Das Wasserspiel im Innenhof des Justizzentrums, das plätschernd das Verfahren tagein, tagaus begleitete und von dem an dieser Stelle schon die Rede war, hat sich verabschiedet. Wahrscheinlich in die Winterpause.
Für Friedrich und Ehefrau Brigitte beginnt ein Spießrutenlauf zwischen Kameras und Journalisten. Vor lauter lauter vergisst er noch seinen Kurzmantel, der Wachtmeister trägt ihm diesen nach. „Alla, tschüss, wiedersehen", sagt er erleichtert, nimmt seine Frau am Arm und flüchtet in die Freiheit. Ins Bistro Justitia.
Das Warten auf das Urteil hat ein Ende. Giovanni, ein Italiener in der Pariser Straße, wartet nun auf die Angeklagten am Abend. Feierstimmung ist angesagt. Und Revision.
Quelle:RON