Die Naturgewalt Ronaldinho reißt alle mit
Weil sich der brasilianische Ballzauberer in den Dienst der Mannschaft stellt, ist der FC Barcelona von einer Ein-Mann-Elf zu einem Ensemble von Künstlern geworden
VON RONALD RENG (BARCELONA)
Ronaldinhos Magen rumort, es ist in ganz Spanien zu hören. Die Radiostationen übermitteln die Nachricht live vom Übungsgelände des FC Barcelona: Er fehlt schon den zweiten Tag hintereinander beim Training, eine Magenverstimmung. Jedes halbe Jahr wieder gelten solche Nichtigkeiten als Weltsensationen, eine ganze Woche lang, immer bevor Real Madrid und der FC Barcelona im größten Hahnenkampf des Fußballs aufeinandertreffen. El clásico: Diesen Sonntag wieder in Madrid, wenn für den Tabellenzweiten Real sieben Spieltage vor Saisonende nur ein Sieg zählt, will es das bereits neun Punkte enteilte Barca noch stoppen.
Eine Woche lang scheint jedes Detail um die zwei Teams wichtig und niemand wichtiger als der Brasilianer Ronaldinho, 25, hängende Spitze, Weltfußballer des Jahres 2004, und trotz Magenrumorens am Sonntag im Einsatz. Er kann den Fußball jeden Moment wieder neu erfinden. In Serie gewann er vergangene Saison die Partien für Barca. Die Katalanen wurden Zweite. Damit Barcelona nun dem ersten spanischen Titel seit fünf Jahren entgegen eilen kann, musste Ronaldinho schlechter werden - es wirkt nur auf den ersten Blick paradox.
Was eine Ein-Mann-Elf war, ist nun eine Solidargemeinschaft der Künstler. Ronaldinho hat diese Saison neben dem verlässlichen Partner Xavi in Deco, Samuel Eto'o und Guily drei neue hochklassige Kollegen, es ist ihr Zusammenspiel, das Gewebe aus ihren Direktpässen, die Synchronisation ihrer Bewegungen, was sie zur spektakulärsten Elf der jüngsten Jahre macht. Dafür musste Ronaldinho einen Teil seines Protagonismus opfern, selbst die Statistik belegt es: Vergangene Saison schoss er 22 Tore, diese bislang neun. Wo er sich an Einzelaktionen wie seinen Dribblings über den halben Platz berauschte, fügt er sich nun oft mit einem einfachen Pass ins Gesamtkunstwerk ein. Ronaldinho, den Wunderspieler, gibt es nur noch selten. Vielleicht hat er auch nicht die Form des Vorjahres - aber im Grunde ist es ein Fortschritt: Er ist ein Weltkassespieler geworden, der dafür sorgt, dass alle neben ihm auch wie Weltklasse wirken.
Es ist das, was einzigartige von tollen Fußballern abhebt: Sie stecken an; die Mannschaft, den Klub, die ganze Stadt. "Ronaldinho ist eine Naturgewalt", sagt sein Trainer Frank Rijkaard: "Er überträgt Energie." Barca war ein depremierter Klub im Schatten Reals, als Ronaldinho im Sommer 2003 von Paris St. Germain kam. Er war zwar schon Weltmeister und galt doch eher als Sternchen denn als Star, einer, der in Paris das Nachtleben genossen und sich nicht ins Team eingefügt habe. In seinem ersten Heimspiel für Barca gegen Sevilla rannte er in der eigenen Hälfte los, umdribbelte vier Gegner und jagte den Ball aus 25 Metern unter die Torlatte. EINE STADT WARF SICH IHM ZU FÜßEN. Es spricht für seine Klasse, dass er erkannte, ein Jahr später in einem verstärkten Team nicht mehr den Alleinunterhalter spielen zu sollen.
Wie Maradona und Pelé
Er versteckt seine Wunder nun im Detail. Wenn er lossprintet, schaut er geradeaus ins Nirgendwo, gar nicht auf den Ball, den er am Fuß führt, das hat man noch nie bei einem Fußballer gesehen: Er spielt blind! Während er rennt, legt er den Ball mal nach rechts, mal nach links, "er kommt auf vier Ballberührungen in einer Viertelsekunde", schätzt sein ehemaliger Mitspieler, der Niederländer Phillip Cocu, "wenn ich das probiere, breche ich mir den Fuß". Als seien seine Sehnen aus Gummi, biegt Ronaldinho den Fuß, linksrechts, linksrechts, "der Verteidiger weiß nicht, was geschieht", sagt er, "und ich, ehrlich gesagt, auch nicht." Er lacht. Er lacht immer. "Ich würde mich den glücklichen Fußballer nennen", sagt er.
Er kann ein Spieler werden, wie es nur zwei gab, Maradona und Pelé. Auch wenn am Ende dieser Saison bei den Wahlen zum besten Fußballer der Liga wohl - zu Recht - nicht er, sondern einer seiner Kollegen Deco oder Eto'o gewählt werden wird, so ist es ein Jahr, in dem Ronaldinhos Spiel eine andere Dimension erreicht hat.
"Er wird bei Barca eine Ära prägen", prophezeit sein Kollege aus der Nationalelf, Roberto Carlos. Jeden Abend auf einem beliebigen Sportplatz in Barcelona sieht man es schon: Kinder, die versuchen, seine Tricks zu imitieren. Die Fußballsprache hatte nicht genug Worte, um zu beschreiben, was er macht. Es mussten neue Ausdrücke für ihn erfunden werden. Etwa: Den Ball mit der Schulter stoppen, sich um die eigene Achse drehen und volley ins Tor schießen. "La Espaldinha", tauften sie den Trick. Zu deutsch: der Schultinho.
www.frankfurterrundschau.de
Mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen, habe im Ressort Sport selten so geniale Artikel gelesen.
Weil sich der brasilianische Ballzauberer in den Dienst der Mannschaft stellt, ist der FC Barcelona von einer Ein-Mann-Elf zu einem Ensemble von Künstlern geworden
VON RONALD RENG (BARCELONA)
Ronaldinhos Magen rumort, es ist in ganz Spanien zu hören. Die Radiostationen übermitteln die Nachricht live vom Übungsgelände des FC Barcelona: Er fehlt schon den zweiten Tag hintereinander beim Training, eine Magenverstimmung. Jedes halbe Jahr wieder gelten solche Nichtigkeiten als Weltsensationen, eine ganze Woche lang, immer bevor Real Madrid und der FC Barcelona im größten Hahnenkampf des Fußballs aufeinandertreffen. El clásico: Diesen Sonntag wieder in Madrid, wenn für den Tabellenzweiten Real sieben Spieltage vor Saisonende nur ein Sieg zählt, will es das bereits neun Punkte enteilte Barca noch stoppen.
Eine Woche lang scheint jedes Detail um die zwei Teams wichtig und niemand wichtiger als der Brasilianer Ronaldinho, 25, hängende Spitze, Weltfußballer des Jahres 2004, und trotz Magenrumorens am Sonntag im Einsatz. Er kann den Fußball jeden Moment wieder neu erfinden. In Serie gewann er vergangene Saison die Partien für Barca. Die Katalanen wurden Zweite. Damit Barcelona nun dem ersten spanischen Titel seit fünf Jahren entgegen eilen kann, musste Ronaldinho schlechter werden - es wirkt nur auf den ersten Blick paradox.
Was eine Ein-Mann-Elf war, ist nun eine Solidargemeinschaft der Künstler. Ronaldinho hat diese Saison neben dem verlässlichen Partner Xavi in Deco, Samuel Eto'o und Guily drei neue hochklassige Kollegen, es ist ihr Zusammenspiel, das Gewebe aus ihren Direktpässen, die Synchronisation ihrer Bewegungen, was sie zur spektakulärsten Elf der jüngsten Jahre macht. Dafür musste Ronaldinho einen Teil seines Protagonismus opfern, selbst die Statistik belegt es: Vergangene Saison schoss er 22 Tore, diese bislang neun. Wo er sich an Einzelaktionen wie seinen Dribblings über den halben Platz berauschte, fügt er sich nun oft mit einem einfachen Pass ins Gesamtkunstwerk ein. Ronaldinho, den Wunderspieler, gibt es nur noch selten. Vielleicht hat er auch nicht die Form des Vorjahres - aber im Grunde ist es ein Fortschritt: Er ist ein Weltkassespieler geworden, der dafür sorgt, dass alle neben ihm auch wie Weltklasse wirken.
Es ist das, was einzigartige von tollen Fußballern abhebt: Sie stecken an; die Mannschaft, den Klub, die ganze Stadt. "Ronaldinho ist eine Naturgewalt", sagt sein Trainer Frank Rijkaard: "Er überträgt Energie." Barca war ein depremierter Klub im Schatten Reals, als Ronaldinho im Sommer 2003 von Paris St. Germain kam. Er war zwar schon Weltmeister und galt doch eher als Sternchen denn als Star, einer, der in Paris das Nachtleben genossen und sich nicht ins Team eingefügt habe. In seinem ersten Heimspiel für Barca gegen Sevilla rannte er in der eigenen Hälfte los, umdribbelte vier Gegner und jagte den Ball aus 25 Metern unter die Torlatte. EINE STADT WARF SICH IHM ZU FÜßEN. Es spricht für seine Klasse, dass er erkannte, ein Jahr später in einem verstärkten Team nicht mehr den Alleinunterhalter spielen zu sollen.
Wie Maradona und Pelé
Er versteckt seine Wunder nun im Detail. Wenn er lossprintet, schaut er geradeaus ins Nirgendwo, gar nicht auf den Ball, den er am Fuß führt, das hat man noch nie bei einem Fußballer gesehen: Er spielt blind! Während er rennt, legt er den Ball mal nach rechts, mal nach links, "er kommt auf vier Ballberührungen in einer Viertelsekunde", schätzt sein ehemaliger Mitspieler, der Niederländer Phillip Cocu, "wenn ich das probiere, breche ich mir den Fuß". Als seien seine Sehnen aus Gummi, biegt Ronaldinho den Fuß, linksrechts, linksrechts, "der Verteidiger weiß nicht, was geschieht", sagt er, "und ich, ehrlich gesagt, auch nicht." Er lacht. Er lacht immer. "Ich würde mich den glücklichen Fußballer nennen", sagt er.
Er kann ein Spieler werden, wie es nur zwei gab, Maradona und Pelé. Auch wenn am Ende dieser Saison bei den Wahlen zum besten Fußballer der Liga wohl - zu Recht - nicht er, sondern einer seiner Kollegen Deco oder Eto'o gewählt werden wird, so ist es ein Jahr, in dem Ronaldinhos Spiel eine andere Dimension erreicht hat.
"Er wird bei Barca eine Ära prägen", prophezeit sein Kollege aus der Nationalelf, Roberto Carlos. Jeden Abend auf einem beliebigen Sportplatz in Barcelona sieht man es schon: Kinder, die versuchen, seine Tricks zu imitieren. Die Fußballsprache hatte nicht genug Worte, um zu beschreiben, was er macht. Es mussten neue Ausdrücke für ihn erfunden werden. Etwa: Den Ball mit der Schulter stoppen, sich um die eigene Achse drehen und volley ins Tor schießen. "La Espaldinha", tauften sie den Trick. Zu deutsch: der Schultinho.
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Mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen, habe im Ressort Sport selten so geniale Artikel gelesen.