Das "Problem" in unserer und in jeder anderen Kurve ist doch die extreme Heterogenität.
Da hast du "Alte", die schon einiges erlebt haben und die die "neuen" Lieder verachten und sich schon gar nicht von den "Kiddies" am Zaun vorschreiben lassen wollen, was sie wann zu singen haben und die lieber die Klappe halten.
Da hast du die Ultras, die der Meinung sind, dass möglichst ununterbrochenes Gesinge das einzig Wahre sei und die ehrlich nicht verstehen können, warum man bei einem "Auf gehts Lautern, kämpfen und siegen" nicht mitmacht, wo von uns nichts mehr kommt und Frankfurt näher am 2:0 ist als wir am Ausgleich (Sekunden drauf fiel das 2:0, was ich mit einem ironisch-bitteren Lächeln quittiert habe).
Da hast du die Leute, die 90 Minuten lang nicht singen, sondern brüllen - keine Lieder, sondern situationsbezogen. Da wird einfach jeder beschimpft, der auf dem Platz rumläuft und den Unmut dieses Typus auf sich zieht.
Dann gibts die Leute, die jede Bewegung auf dem Platz mit einem konzentrierten Fingernagelkauen verfolgen, sich taktische Szenarien ausmalen, wieder verwerfen und weiterüberlegen und schon die kommenden Spiele und die gesamte Zukunft des FCK im Kopf haben und entsprechend auch nicht im Sinn haben, ALLES, was angestimmt wird mitzusingen.
Die einen mögen "old school" und lehnen die neuen Lieder ab, die anderen stehen auf Traditionen und Legenden und dichten fleißig neue Lieder. Die einen regen sich permanent über die Stimmung auf und darüber, dass früher alles besser war, die anderen verstehen nicht, warum jemand nicht 90 Minuten durchsingen möchte.
Einigen ist es wichtig, besser zu sein als der Gegner, anderen ist es absolut egal, was auf der Ost passiert.
Auf der West stehen so viele Widersprüche, dass es "die Lösung" niemals wird geben können. Ist das denn überhaupt erforderlich? Und warum sind immer andere an einer vermeintlich schlechten Stimmung Schuld? Kann man sich nicht einfach selber weniger wichtig nehmen und den anderen als ebenbürtigen Fan anerkennen? Warum muss jeder die Deutungshoheit darüber haben, was richtige Stimmung ist? Was der eine für das wichtigste Merkmal von guter Stimmung hält, kann ein anderer aus verschiedenen Gründen ablehnen - wer will sich denn anmaßen, darüber zu richten, wer der bessere Fan und wichtiger für die Stimmung ist? Entsprechend ist auch alles, was in dieser Themenkategorie geschrieben wird als höchst individuell betrachtbar und kann durchaus zu absolut konträren Meinungen führen.
Wenn jeder ein Gefühl für die Verschiedenartigkeit der 10.000 Westkurvensteher hätte, wäre die Stimmung vielleicht nicht "besser", aber der Umgang miteinander wäre deutlich lockerer und unverkrampfter!
Das lag mir schon länger auf der Zunge...
Zum Spiel: Ich habe nach dem 0:1 mit nichts mehr gerechnet und bin leider bestätigt worden. Entsprechend war auch meine "Feierlaune". Mir hat einfach ein Zeichen auf dem Platz gefehlt. Es gibt doch genug Situationen auf dem Platz, die bei jedem im Stadion zu einer sprunghaften Pulssteigerung führt - keiner unserer Spieler hat so etwas zu Stande gebracht. Es wurde kein Frankfurter an der Mittellinie umgehauen, niemand angegiftet, keiner hat mit wilder Gestik die eigenen Spieler angepeitscht, es gab keine sonderlich emotionale Spielsituation, sondern nur Angst.
Und da weigere ich mich einfach, ein "Auf gehts Lautern, kämpfen und siegen!" mitzusingen, was für mich realitätsferner und lächerlicher nicht sein könnte. Von anderen Schlafwagenliedern wie "Oh oho oho, Forza FCK" ganz zu schweigen. Wers schön und angebracht findet - okay, es haben ja auch genug mitgesungen. Nur sich dann hinterher umzuschauen und zu wundern, warum eben nur 1.000 Leute sowas mitsingen, ist dann auch nicht angebracht.
Super war auf jeden Fall die Choreo am Anfang - die Stimmung bis zum Gegentor fand ich auch in Ordnung. Es gab Höhen und Tiefen, aber ich fand die Liedauswahl, Lautstärke und den Situationsbezug angemessen. Danach wurde es natürlich deutlich ruhiger (und bei einigen umso verzweifelter), was allerdings deutlich mit der Situation auf dem Platz zusammenhing.