Sein Aufstieg war beinahe kometenhaft. Marco Engelhardt (25) spielte drei Jahre beim Karlsruher SC in Liga zwei, dann wechselte er in die Pfalz zum 1. FC Kaiserslautern, wurde dort sofort Stammspieler. Nach nur wenigen Erstligaeinsätzen rief ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann in die Nationalelf. „Engel“ hatte ein „Riesenziel“ erreicht. Doch inzwischen landete der Linksfuß, der ungemein lauf- und Kampfstark ist, in einem tiefen Tal. Den Roten Teufeln droht der Abstieg – und damit auch ihrem Kapitän Marco Engelhardt.
Interview mit Marco Engelhardt
„Die Fehler wurden nicht knallhart durchgesprochen“
Top in Sport:
Herr Engelhardt, sprechen Sie uns bitte nach: Der FCK gewinnt in der Rückrunde zehn von 17 Spielen!
Marco Engelhardt:
Neun Spiele reichen auch - und die gewinnen wir, davon bin ich überzeugt.
Top in Sport:
Daran glauben Sie mit gutem Gewissen? Ohne feuchte Hände?
Marco Engelhardt:
Ich glaube, diese Saison können schon 36 Punkte zum Klassenerhalt reichen. Die schaffen wir und daher glaube ich auch an neun Siege. Sicher, wenn man auf die Vorrunde schaut, fragt man sich schon, wie ich so etwas behaupten kann. Aber ich glaube fest daran, dass am Ende der Saison mindestens drei Clubs hinter dem FCK landen werden.
Top in Sport:
….und die wären?
Marco Engelhardt:
Das ist mir egal – wenn wir es nicht sind. Vielleicht Duisburg. Auch Nürnberg und Bielefeld werden Probleme bekommen und ein, zwei Teams, die nicht damit rechnen. Wichtig ist, dass am Saisonende drei Clubs hinter uns stehen.
Top in Sport:
Wie lautet denn Ihre Vorrundenbilanz?
Marco Engelhardt:
Es begann prima. Nach vier Spieltagen haben wir sieben Punkte auf dem Konto. Man konnte die Handschrift des Trainers erkennen, dann gab es die 1:5 Klatsche gegen Bremen und nichts lief mehr. Es wurden Spieler ausgewechselt, Positionen anders besetzt, die Taktik verändert – und aus war’s. Wir haben viel probiert – das geht auf die Kosten der Automatismen, auf Kosten der Sicherheit im Spiel. Es ging nicht ruhig weiter. Zudem wurden die Fehler nicht knallhart angesprochen. Es hat irgendwie die klare Linie gefehlt.
Top in Sport:
Und was muss konkreter bei den Roten Teufeln in der Rückrunde besser werden?
Marco Engelhardt:
In der Abwehr müssen wir besser stehen und im Mittelfeld taktisch besser spielen. Wir haben viele Tore bekommen, als wir eine Überzahlsituation hatten. Das muss vorbei sein, ebenso dürfen die Gegentore nach Standardsituationen nicht mehr passieren.
Top in Sport:
Schlimm waren die Heimauftritte der Roten Teufel. Früher hatten alle Riesenrespekt vor dem Betzenberg, doch jetzt fahren die Teams lächelnd in die Pfalz.
Marco Engelhardt:
Wir haben tolle Voraussetzungen, ein prima Stadion, eine Region, in welcher der Fussball gelebt wird- aber wir spielen seit Jahren gegen den Abstieg. Und im letzten Jahr haben wir den UI-Cup verschenkt. Da haben wir wieder Kredit verspielt. Es ist verständlich, dass die Fans enttäuscht sind.
Top in Sport:
Sie wurden vom Ex-Trainer Henke zum Kaptän bestimmt und nicht vom Team gewählt. Ist das kein Nachteil, denn man munkelt, nicht alle Spieler hätte Ihre Benennung gutgeheißen?
Marco Engelhardt:
Kann sein. Es war eine Trainerentscheidung mit der ich leben konnte und kann. Und ich weiß, dass es für meine Entwicklung kein fehler war. Ich versuche, noch mehr Verantwortung zu übernehmen, auch weil wir wenig „echte Typen“ im Team haben, die etwas vorgeben. Auch die Neuen wie Pletsch oder Skela sind eher ruhige Typen.
Top in Sport:
Ein Typ war Sforza und der wurde ausgemustert.
Marco Engelhardt:
Hinter ihm konnten sich viele verstecken und er hat auch immer versucht, Einfluss zu nehmen. Dass er suspendiert ist, habe ich zu akzeptieren – und das mache ich auch. Alles andere wäre hypothetisch.
Top in Sport:
Fakt ist: Der FCK wechselte den Trainer, verpflichtete Wolfgang Wolf für Henke und startete mit einer 1:5 Klatsche. Er erlitt mit seiner taktischen Maßnahme, Skela als Libero zu nominieren, herben Schiffbruch. Ist Wolf als Trainer in seiner Autorität nicht schon beschädigt?
Marco Engelhardt:
Nein, er war damals gerade zwei, drei Tage im Amt. Wir haben dieses Spiel durch Standardsituationen verloren. Da kann kein Trainer der Welt etwas dafür, denn es gab feste Zuordnungen.
Top in Sport:
Was zeichnet Wolfgang Wolf in Ihren Augen bisher aus?
Marco Engelhardt:
Wolf redet mit jedem Spieler, sagt, wie er sich die Zukunft vorstellt und was er von jedem erwartet.
Top in Sport:
Wolfgang Wolf gilt als autoritärer als Vorgänger Henke. Ist das der richtige Weg aus der Misere?
Marco Engelhardt:
Ich glaube schon. Wie er es anpackt, ist es richtig. Er greift sofort ein und sagt wie, es besser geht. Wolf hat eine knallharte Linie, die zieht er konsequent durch. Er scheut sich nicht, im Training lautstark durchzugreifen. Er kritisiert alle – alte und junge.
Quelle: Top in Sport Ausgabe Nr. 1 / 2006 „Bundesliga Rückrunde“