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Tschad: Die vergessenen Menschen im Osten

Klingenstädter

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<span>Tschad: Die vergessenen Menschen im Osten - viele UN- und Hilfsorganisationen ziehen sich zurück</span>





Seit dem Jahr 2003 haben rund 200.000 Sudanesen im Osten des Tschad vor dem gewalttätigen Konflikt in ihrer Heimat Darfur Zuflucht gesucht. Doch seit Ende 2005 kommt es auch in dieser Region zu heftigen Kämpfen zwischen tschadischen Regierungstruppen und verschiedenen Rebellengruppen. Bewaffnete Banden greifen außerdem immer wieder gezielt tschadische Dörfer an. Etwa 50.000 Menschen sind mittlerweile vor diesen Gewalttätigkeiten aus ihren Heimatdörfern im Osten des Landes geflüchtet. Anfang Dezember entschieden die UN und viele ihrer Partnerorganisationen ihr Projektpersonal drastisch zu reduzieren. Dies erschwert sowohl die Hilfe für die sudanesischen Flüchtlinge als auch für die tschadische Bevölkerung. Trotz angespannter Sicherheitslage laufen die Hilfsprojekte von Ärzte ohne Grenzen weiter.






Auf der staubigen Landebahn in Goz Beida, die sich mitten im Nirgendwo erstreckt, versuchen humanitäre Helfer einen Platz in dem kleinen Flugzeug nach Abéché zu ergattern, der größten Stadt in der Region. Der normale Flugbetrieb reicht nicht mehr aus, um die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen auszufliegen. Aus Sicherheitsgründen haben das Welternährungsprogramm, das UN-Flüchtlingshilfswerk und viele private Organisationen ihr Personal in der Region Dar Sila wie im ganzen östlichen Tschad drastisch reduziert.



"Bis vor Kurzem haben sich die Vereinten Nationen nur auf die sudanesischen Flüchtlinge im Tschad konzentriert und wenig Interesse gezeigt für die tschadischen Vertriebenen. Obwohl die Gewalt zunimmt und mehr Hilfe nötig wäre, ziehen sich die Vereinten Nationen nun zurück - das ist für mich völlig unverhältnismäßig", bedauert Filipe Ribeiro, der für Ärzte ohne Grenzen im Tschad die Projekte leitet. "Natürlich ist die Sicherheitslage schwierig, aber im Moment kann man hier unserer Ansicht nach noch arbeiten", fügt er hinzu. Dass ein Teil der Hilfsorganisationen nun abzieht, verstärkt bei den Vertriebenen noch das Gefühl, im Stich gelassen zu werden. Auch die tschadischen Regierungsangestellten sowie die Armee haben die unruhigen Gebiete verlassen. Den Schutz der Zivilisten haben sie Selbstverteidigungsmilizen übertragen.



Überleben im Elend



Nach einigen besonders gewalttätigen Überfällen entschied Ärzte ohne Grenzen, Projekte in der Nähe von Adé und Koloye sowie später in Dogdoré zu beginnen, im äußersten Osten von Dar Sila, nur wenige Dutzend Kilometer vom Sudan entfernt. Auch wenn die Aktivitäten ständig an die sich verändernde Sicherheitslage angepasst werden müssen, versuchen die Mitarbeiter, den Vertriebenen so gut wie möglich zu helfen.



Ende Oktober mussten die Mitarbeiter in Koloye aufgrund der Sicherheitslage evakuiert werden. Am 11. November wurde das Dorf angegriffen und die Basisstation von Ärzte ohne Grenzen geplündert. Einige Vertriebene des Projektes flohen nach Adé, das einen Tagesmarsch weiter nördlich liegt. Andere flohen völlig aufgelöst nach Darfur. "Für einige ist es die dritte oder vierte Vertreibung", erklärt Ribeiro. "Das macht unsere Arbeit so schwierig: Wir versuchen einer sehr mobilen Bevölkerung zu helfen." An den Orten, wo die Vertriebenen sich niederlassen, leben sie im Elend. Die Menschen haben ihren gesamten Besitz an die Angreifer verloren und können auch nicht mehr auf ihre Ressourcen aus der Viehzucht oder Landwirtschaft zurückgreifen. Obwohl Hirse, Erdnüsse und Sesamsamen reif sind, wagen sie nicht, zu ihren Felder zurückzukehren. Das Überleben der Familien hängt von ein paar mageren Reserven und ein paar Hundert tschadischen Francs ab, die sie verdienen, indem sie selbst gesammeltes Holz oder Stroh auf den Märkten verkaufen.



Trinkwasser wird knapp



Die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen haben bei ihren Konsultationen zwar noch keinen Anstieg der Unterernährung festgestellt. Es bereitet ihnen jedoch große Sorge, dass die Vertriebenen nicht genügend Nahrungsmittel und Trinkwasser zur Verfügung haben. "Das Welternährungsprogramm hat angekündigt, dass die Nahrungsmittelverteilung für 56.000 Menschen nicht stattfinden wird", sagt Ribeiro. "Sehr besorgt bin ich auch über die Trinkwassersituation. Bereits vor der Ankunft der Vertriebenen gab es wenig Wasser, da es sich hier um eine halbtrockene Region handelt. Mittlerweile hat sich die Bevölkerung in einigen Dörfern vervierfacht. In der jetzigen Trockenzeit werden die Wasservorräte weiter zurückgehen."



In Dogdoré, wo 15.000 Vertriebene in einer Stadt mit ursprünglich 3.000 Einwohnern leben, kann Ärzte ohne Grenzen mit der installierten Pump- und Wasserbehandlungsstation etwa 180.000 Liter Wasser täglich bereitstellen. Viele Vertriebene an anderen Orten haben diese Ausrüstung jedoch nicht, Sie müssen auf unsauberes Wasser zurückgreifen. In Adé, wo der Wasserturm kaum noch funktioniert und wo die Menschen 250 tschadische Francs für 20 Liter Wasser zahlen müssen, gehört Durchfall zu den Hauptkrankheiten unter Kindern. Vor Kurzem mussten die medizinischen Teams zwei stark dehydrierte Kinder behandeln. "Die Lage kann sich jederzeit verschlechtern", warnt Felipe Ribeiro. Die Gewalt hält an, die Bevölkerung ist auf der Flucht und der Bedarf am Grundsätzlichsten steigt. Schutz und Hilfe sind bereits jetzt kaum vorhanden. Und die Gefahr besteht, dass sie ganz verschwinden werden.





Quelle: msf
 
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