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Urlaub in Nordkorea

Jonny

Well-Known Member
Ein Auszug:





Spätestens am zweiten Tag ist klar, wer in unserer Vierergruppe das Sagen hat. Es ist nicht der Fahrer, der ohnehin nur Koreanisch spricht. Auch nicht Li, der Ältere, der die meiste Zeit still auf seinem Beifahrersitz hockt. Es ist Li, der Jüngere. Er ist der Mann mit der kräftigsten Stimme, dem besten Deutsch und den schärfsten Fragen.



"Waren Sie schon einmal in Südkorea?"

"Nein." Ich lüge.

"Wie wird in deutschen Medien über Nordkorea berichtet?"

"Ich weiß es nicht. Politik interessiert mich nicht." Ich lüge schon wieder.

"Und Sie sind Musiker von Beruf?"

"Ja, ich bin Schlagzeuger." Noch eine Lüge. Das heißt, eine halbe Lüge. Ich spiele ja Schlagzeug in meiner Freizeit.

Natürlich habe ich damit gerechnet, dass Li mich auf meinen angeblichen Beruf anspricht. Aber nicht mit Folgendem.

"Dann können Sie uns ja sicher etwas vorspielen." Ein Scherz, denke ich. Ist es aber nicht.



Schon am nächsten Tag schafft er es, eine Trommel zu besorgen. Sie liegt in einem Touristenrestaurant bereit, wo wir zu Mittag essen. Jemand bringt mir einen Stuhl und drückt mir das Schlaginstrument in die Hand. Um mich herum stehen vier Zuschauer: Li, Li und zwei kichernde Kellnerinnen. Auch die beiden Lis grinsen breit. Ist das ein Test?



Durchbruch mit Samba-Rhythmen



Mein Puls schießt in die Höhe. "Spielen Sie, spielen Sie schon!", feuert mich Li, der Jüngere, an. Ich könnte längst am Strand liegen, denke ich. Stattdessen bin ich hier, mit einer Bongo in den Händen.



Ich spiele. Irgendeinen Rhythmus, eine wilde Mischung aus Samba, Rumba und Bossa nova. Rufe ab, was ich früher im Schlagzeugunterricht gelernt habe. Ich dresche aufs Fell ein, bewege meinen Kopf im Takt vor und zurück und bemerke, dass meine Zuschauer das auch tun. Ja! Es klappt! Mein Spiel ist offenbar gut genug, um meine Aufpasser zu überzeugen. Letzter Takt, Schlussbreak, dann Applaus. "Sehr gut", sagt der jüngere Li. Ich zittere und hoffe, dass es keiner bemerkt.



Dieses Livekonzert ist mein Durchbruch. Li, der Jüngere, ist von nun an ausgesprochen freundlich zu mir, als sei er von einer Last befreit. Vermutlich kann er jetzt endlich ans Ministerium melden: Der Gast aus Deutschland ist unverdächtig. Li, der Ältere, wird sogar richtig zutraulich. In einem ruhigen Moment, als wir für ein paar Minuten alleine sind, erzählt er mir von seinen täglichen Magenschmerzen und von den Ärzten, die nichts tun können, weil es an Medikamenten fehlt. "Wir haben Probleme in Nordkorea", sagt er. In vielen Regionen gebe es keinen Strom und nicht genug zu essen. "Schlimm war es in den Neunzigern. Ich musste meinen Kindern Reiswurzeln zum Essen geben, wir hatten nichts anderes. Es war eine harte Zeit." So viel Offenheit habe ich nicht erwartet.



...



Auch die Straße, die am Strand entlangführt, ist verwaist. Es gibt keine Eisdielen, keinen Sonnenschirmverleih. Nichts. Nur ein übergroßes Kim-Gemälde am Straßenrand. Auf einmal übermannt mich Heimweh.



Wie gerne würde ich wieder einmal ein gutes Gespräch führen. Oder mit einer Zeitung im Café sitzen. Ich vermisse die dummen Witze meiner Kollegen und das Lachen meiner Freundin. Meine Augen sehnen sich nach Werbeplakaten und Hollywoodfilmen. Tag für Tag diese Tristesse, diese Ernsthaftigkeit. Ich frage mich, wie die Menschen dieses Leben aushalten.



...



Das Einzige, was stört, ist ein Schild mit der Aufschrift "Stop!". Das heißt für mich: bis dahin und nicht weiter. Hinter dem Schild beginnt der Abschnitt für die Einheimischen. Ich erkenne Kinder in bunten Badeanzügen, die Ball spielen und toben. Mütter und Väter dösen auf ihren Handtüchern oder erfrischen sich im Meer. Ihrer uniformen Kleidung entledigt, sehen die Menschen plötzlich wieder so menschlich aus. Ich darf mich ihnen nicht nähern, aber ich meine ihre Ausgelassenheit zu spüren. Ist dies der Ort, nach dem ich suche? Das Refugium?



...



Es ist Li, der Jüngere. Nicht einmal im Meer lässt er mich alleine. Ich schaue ihn an. Und stutze. Was ich sehe, ist nicht mehr das Gesicht eines nordkoreanischen Staatssicherheitsbeamten. Seine Lippen haben sich zu einem strahlenden Lächeln geformt. Er schmeißt sich juchzend in eine Welle. Dann in die nächste. Und in die nächste.



http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,678274,00.htmlhttp://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,678274,00.html



Ziemlich interessant.
 
Super Artikel und vorallem interessant. Kann man nur weiter empfehlen.
 
Hatte auch schon überlegt ihn zu posten... ziemlich cooler Artikel...

was ich mich nur gefragt habe: Was passiert mit Herrn Li und Herrn Li, wenn der Auslandsgeheimdienst diesen Artikel in die Finger bekommt und von den gebrochenen Regeln hört?
 
Glaube nicht, dass das Originalnamen sind ...


... und bei der Unmenge an deutschen Touristen in Nordkorea wird es sicher auch unmöglich sein, die wahre Identität der Herren Li zu ermitteln.
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