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Vorsprung durch Wissen - Die Entwicklung der islamischen Wissenschaften

Klingenstädter

Well-Known Member
TV-Thema vom 07.01.2007



Vorsprung durch Wissen - Die Entwicklung der islamischen Wissenschaften



von Harald Gröschl




Sind die Grundlagen unserer heutigen Welt allein in Europa geschaffen worden? Stand nur hier die Wiege der modernen Wissenschaft? Ein Blick in viele Schulbücher könnte das vermuten lassen. Doch tatsächlich verfügten im Mittelalter Forscher und Gelehrte der islamischen Welt über Kenntnisse, von denen man im christlichen Abendland oftmals noch keine Ahnung hatte. Nicht nur dass sie das Wissen der Antike bewahrten, sie machten auch bahnbrechende Entdeckungen in Mathematik, Astronomie, Medizin und Technik. So führten Ärzte in Krankenhäusern komplizierte chirurgische Eingriffe durch, mithilfe ihrer Instrumente und Karten beherrschten muslimische Seefahrer die Meere von Gibraltar bis Indien.



Als der Prophet Mohammed im Jahre 632 (nach christlicher Zeitrechnung) starb, hatten er und seine Gefolgsleute die Herrschaft über den Großteil der arabischen Halbinsel gewonnen. Innerhalb des folgenden Jahrhunderts eroberten die zum Islam bekehrten Stämme Arabiens ein riesiges Reich, das vom Atlantik bis zum Indus reichte.



Begierig zu lernen




Damit stellte sich den neuen Machthabern eine gewaltige Aufgabe: Wie sollte es ihnen gelingen, ein solch ausgedehntes Territorium dauerhaft zu beherrschen? Die Antwort der Araber auf diese Frage erwies sich als äußerst erfolgreich: Sie übernahmen die bestehenden Verwaltungsstrukturen, behandelten die Bewohner der unterworfenen Länder gut – und sogen begierig deren Wissen auf. Immerhin hatten sie nun die Kontrolle über so uralte Kulturvölker wie Ägypter, Griechen und Perser erlangt. So gelang es den Wüstensöhnen zum Beispiel, dank ihrer neuerworbenen technischen Kenntnisse innerhalb kürzester Zeit eine kampfstarke Flotte zu bauen. Mit dieser nahmen sie bereits 649 die Insel Zypern ein, plünderten drei Jahre darauf die Küsten Siziliens und besetzten wenig später Rhodos.



Zivilisierte Eroberer



Doch die Eroberer hätten sich nicht so schnell die Errungenschaften der griechischen und orientalischen Wissenschaften einverleiben können, wenn sie selbst zuvor vollkommen unzivilisiert gewesen wären. Vielmehr hatten zahlreiche Bewohner der arabischen Halbinsel längst in Städten gelebt und mit den Großmächten Handel getrieben – mit Persien und dem römischen Imperium beziehungsweise später mit Byzanz.



Die alten Griechen erfanden die Wissenschaften, die Römer knüpften daran an, dann brach die dunkle Zeit des abergläubischen Mittelalters herein, bis die Europäer in der Renaissance die Antike wiederentdeckten und der Weg in die Moderne begann: So in der Art sehen viele, gerade in Europa, die Geschichte – und diese Sicht ist falsch! Denn tatsächlich verschwand mit dem Ende der Antike nicht alles Wissen, sondern vieles wurde bewahrt; und zwar weniger im Westen als vielmehr im Osten, durch das Byzantinische Reich und die islamischen Eroberer.



Übersetzungen von Aristoteles bis Ptolemäus



Diese stürzten sich geradezu auf die geistigen Schätze, die ihnen in die Hände fielen: Zahlreiche antike Autoren wurden ins Arabische übersetzt, darunter so bedeutende wie Aristoteles, der zum wichtigsten Philosophen der islamischen Welt avancierte, und der Astronom Ptolemäus. Doch nicht nur griechisch-römisches, auch persisches und indisches Gedankengut wurde bewahrt. Ein gigantischer Wissenspool, der zur Basis für künftige Entdeckungen wurde.



Selbstbewusster Umgang mit den alten Meistern




Bis zum Ende des Mittelalters erbrachten islamische Forscher und Gelehrte erstaunliche Leistungen in sämtlichen Wissenschaften. Keineswegs wiederholten sie nur unproduktiv die Lehrsätze der antiken Meister, wie oft im Westen behauptet wurde. Vielmehr gingen viele Wissenschaftler selbstbewusst und kreativ mit den großen Vorbildern um – und fanden bestechende Lösungen für zahlreiche Probleme ihrer Zeit.



Wir alle haben mit ihnen rechnen gelernt: den so genannten Arabischen Ziffern. Muslime hatten sie von den Indern übernommen und leicht abgewandelt. Sämtliche Berechnungen ließen sich nun auf der Grundlage von nur zehn Symbolen – von der 0 bis zur 9 – durchführen. Eine Vereinfachung und Verbesserung, die erheblich dazu beitrug, dass die Mathematik in der islamischen Welt ein Niveau erreichte, das demjenigen im christlichen Abendland oft weit überlegen war. Dort wurden die Arabischen Ziffern erstmals im 13. Jahrhundert verwendet.



Blühende Landschaften dank moderner Bewässerung




Islamische Mathematiker gelten nicht nur als die Erfinder der Algebra, sie erwiesen sich auch als Meister der Geometrie. Eifrig griffen sie die Kenntnisse der Griechen auf, entwickelten sie weiter und nutzten sie für praktische Lösungen. Für Bewässerungssysteme zum Beispiel, die mit Wasserrädern, Pumpen und Hebemaschinen arbeiteten und die Landwirtschaft auf Sizilien und in anderen Teilen Südeuropas zu enormer Blüte brachten.



Überlegene Waffentechnologie



Mit den technischen Errungenschaften der islamischen Welt machten gerade die Kreuzfahrer – oft unliebsame – Bekanntschaft. So mussten sie sich im Heiligen Land der Durchschlagskraft mörderischer Katapulte und Armbrüste erwehren. Sogar Granaten und Raketen, gefüllt mit Schwarzpulver, setzten ihre Gegner ein. Ob die Araber den explosiven Stoff selbst erfunden oder von den Chinesen übernommen hatten, ist allerdings unklar.



Große Astronomen und Seefahrer



Ein ganz besonderes Interesse hegten muslimische Gelehrte für die Astronomie. Bereits um das Jahr 1.000 – Jahrhunderte vor Kopernikus – bewies Al-Biruni, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Instrumente wie das Astrolabium ermöglichten es, die Positionen der Sterne wie auch der Sonne ziemlich genau zu bestimmen. Und das hatte durchaus praktische Bedeutung – nicht umsonst waren die Araber große Seefahrer, die ihre Schiffe durch das Mittelmeer, den Atlantik und den Indischen Ozean steuerten. Die Karten, die sie dabei anfertigten, stießen auch im Westen auf großes Interesse, etwa bei den Portugiesen, die auf dem Seeweg nach Indien vorstießen.



Auf dem Weg zur modernen Medizin




Extrem deutlich zeigte sich der Vorsprung gegenüber dem Abendland in der Medizin: Ärzte der islamischen Welt konnten komplizierte Operationen durchführen, sogar an so sensiblen Organen wie dem Auge. Gefährliche infektiöse Krankheiten wurden erfolgreich behandelt, gegen Pocken gab es Impfungen, modern anmutende Psychotherapien brachten so genannten Geisteskranken Heilung. Schwerleidende Patienten wurden in bestens ausgestatteten und fachmännisch geführten Krankenhäusern gepflegt. Als berühmteste Ärzte der islamischen Welt galten Ar-Razi und Ibn Sina. Dieser war im Abendland unter dem Namen Avicenna bekannt und zählte zugleich zu den größten Philosophen des Mittelalters.





Quelle: welt der wunder
 
TV-Thema vom 07.01.2007



Der Weg nach Europa - Wie das islamische Wissen ins christliche Abendland kam




von Harald Gröschl



Nachdem der Westen des Römischen Reiches im Sturm der Völkerwanderung vernichtet worden war, zerbröckelten dort die kulturellen Errungenschaften der antiken Welt. Nicht nur dass imposante Gebäude zu Ruinen verfielen und ganze Städte verödeten, auch die Kenntnisse von Gelehrten, Wissenschaftlern und Ärzten gerieten immer mehr in Vergessenheit. Im Byzantinischen Reich und in der islamischen Welt dagegen blieb vieles erhalten, gerade unter der Herrschaft der Muslime entwickelten sich die Wissenschaften im Laufe der Jahrhunderte zu neuer Blüte. Doch auch das christliche Abendland konnte schließlich von diesem Wissen profitieren: Auf verschiedensten Wegen fand es den Weg nach Norden und Westen – und trug dazu bei, die moderne Welt zu begründen.



Bereits im Jahr 711 – nur knapp 80 Jahre nach dem Tod Mohammeds – eroberten arabische Truppen das Westgotenreich in Spanien. Der Großteil der iberischen Halbinsel geriet unter ihre Herrschaft. Nirgendwo sonst wurde das Abendland schon so früh und intensiv mit der islamischen Welt konfrontiert. Vermutlich im 10. Jahrhundert machten Christen außerhalb Spaniens erstmals Bekanntschaft mit dem überlegenen Wissen der Muslime. So fanden arabische Ziffern und Instrumente wie das Astrolabium ihren Weg nach Südfrankreich.



Arabische Wissenschaftszentren in Spanien



Als christliche Truppen seit dem 11. Jahrhundert begannen, spanische Gebiete zurückzuerobern, stießen sie auch auf die Errungenschaften islamischer Gelehrter – etwa in Toledo, einem bedeutenden Zentrum der Wissenschaft mit riesigen Bibliotheken. Zahlreiche arabische Schriften, ob Mathematik, Astronomie, Medizin oder Philosophie, wurden nun ins Lateinische übersetzt und damit christlichen Gelehrten zugänglich gemacht.



Blühendes Sizilien



Wie Spanien wurde auch Sizilien von den Arabern erobert, allerdings mehr als 100 Jahre später, in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Immer mehr Bewohner Nordafrikas siedelten auf die Insel über, Wissenschaften und Baukunst erreichten ein hohes Niveau, neuartige Bewässerungssysteme steigerten die Erträge in der Landwirtschaft. Obwohl Sizilien Ende des 11. Jahrhunderts von den Normannen und später von den Staufern erobert wurde, hatte die islamische Kultur dort noch einige Zeit Bestand.



Ein wissensdurstiger Kaiser




Ihre größte Blüte erlebte die Mittelmeerinsel unter einem christlichen Herrscher: Kaiser Friedrich II. Der Staufer tolerierte nicht nur den Islam und umgab sich mit einer arabischen Leibwache, er zeigte auch großes Interesse an den geistigen Errungenschaften der Muslime. Seinen Hof machte er zu einem Zentrum des Wissenschaften, er gründete die Universität von Neapel und pflegte Briefkontakte zu Gelehrten in aller Welt.





Die Hauptlast der arabischen Angriffe auf Europa hatte keineswegs das christliche Abendland zu tragen, sondern der Osten des Römischen Reiches, von modernen Historikern als „Byzantinisches Reich“ oder einfach „Byzanz“ bezeichnet. Syrien und Ägypten gingen verloren, mehrfach griffen muslimische Truppen die Hauptstadt Konstantinopel an. Doch Byzanz hielt stand, erst im Jahre 1453 wurde die Metropole des Reichs von den Osmanen erobert.



Gelehrte aus Konstantinopel flüchteten in den Westen




Hier, im Osten des Mittelmeerraumes, lebte nicht nur das Erbe der Antike viel stärker fort als im christlichen Abendland. Die Byzantiner hatten zudem islamische Wissenschaftszentren wie Bagdad, Kairo oder Damaskus quasi direkt vor der Haustür. Bücher wurden aus dem Arabischen und Persischen übersetzt – und landeten schließlich in europäischen Bibliotheken. Denn während des Niedergangs des Byzantinischen Reiches verließen viele Gelehrte Konstantinopel und flüchteten nach Westen. Die geistigen Schätze, die sie mitbrachten, hatten großen Anteil an der Entstehung der Renaissance.



Europas Gewinn aus den Kreuzzügen




Doch es gab noch einen vierten Weg, auf dem das überlegene Wissen der islamischen Welt nach Europa gelangte: die Kreuzzüge. Im Rausch religiöser Begeisterung – und oft wohl auch aus weitaus profaneren Motiven – eroberten christliche Kreuzfahrer ganze Landstriche an der Ostküste des Mittelmeeres und gründeten dort eigene Staaten, die immerhin knapp 200 Jahre lang Bestand hatten. Während dieser Zeit lernten sie die Errungenschaften der Muslime kennen und schätzen. Durch die Rückkehrer wurde das mittelalterliche Europa für immer verändert.





Quelle: welt der wunder
 
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