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Zukunfts-Fernsehen
Wer braucht noch TV-Sender?
Von Mario Sixtus
Zwischendurch mal eben eine Star-Trek-Folge downloaden
19. April 2006
Das komische Digitalzeugs, von dem der Mann am Rednerpult erzählt, interessiert die Anwesenden nicht die Bohne. Einige gähnen, andere unterhalten sich, einer ist sogar eingeschlafen. So beschreibt Tim Renner in seinem Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ das denkwürdige Aufeinandertreffen zweier Kulturen.
Im Jahre 1994 sprach der Netz-Visionär Nicholas Negroponte vor hochrangigen Managern der Plattenfirma Polygram und prophezeite ihnen das Ende ihres Geschäftsmodells: Bereits in zehn Jahren werde jeder zweite Musiktitel aus dem Internet kommen. Das sei natürlich Quatsch, soll sich der Polygram-Chairman später bei seinen Kollegen entschuldigt haben, schließlich sei der Mensch ein Haptiker und habe keine Beziehung zu Downloads.
Das schnelle Download-Fersehen für zwischendurch
Ob PDA oder tragbare Daddelgeräte - das mobile Fernsehen ist im Kommen
Der Rest ist Geschichte. Während die Musikindustrie noch immer auf der Suche nach einer neuen Rolle in der Medienwelt des 21. Jahrhunderts ist und die Filmbranche verzweifelt gegen Raubkopierer kämpft, kündigt sich bereits eine weitere Identitätskrise für den nächsten Riesen an: Immer mehr Zuschauer koppeln sich vollständig vom System des programmierten Fernsehens ab.
Zwar genießen sie noch Produkte, die ursprünglich fürs Fernsehen konzipiert wurden - vornehmlich Serien. Dem Diktat der Programmplaner unterwerfen sie sich aber nicht mehr. Im ersten Schritt ermöglichen Festplattenrekorder die Freiheit von vorgegebenen zeitlichen Abläufen - und entwerten auf diese Weise ganz nebenbei Werbeblöcke; die echten TV-Pioniere sind schon einen Schritt weiter und erfreuen sich an einem Fernsehen, das ganz ohne Sender auskommt. Was auf ihren Geräten läuft, besorgen sie sich nach bekannter Manier in den legalen Grauzonen des Netzes. Notebooks, PDAs und tragbare Daddelgeräte dienen als mobile Fernsehgeräte. Zu den beliebtesten Film-Downloads gehören bemerkenswerterweise eher TV- als Kino-Produktionen: Fürs schnelle Fernsehen zwischendurch eignet sich eine Folge der „Simpsons“ halt besser als ein Blockbuster mit Überlänge.
Das Zuschauermonopol wird fallen
Das alte Wegezoll-System löst sich auf - plötzlich führen Millionen Wege in jede Wohnung
Das in Beverly Hills ansässige Unternehmen Big Champagne überwacht Dateitauschbörsen und andere Download-Plattformen, unter anderem für Kunden aus der Entertainment- und der Marktforschungsbranche. Der leitende Geschäftsführer Adam Toll bestätigt: „Der Anteil der TV-Produktionen an den in Peer-to-Peer-Netzen verfügbaren Dateien hat sich innerhalb der letzten sechs Monate mehr als verdoppelt.“ Sicher auch eine Folge des Breitband-Booms: Eine 40-Minuten-Episode der Mafia-Serie „Die Sopranos“ beispielsweise ist per schnellem DSL innerhalb von knapp sieben Minuten auf die Festplatte geladen - in DVD-ähnlicher Qualität. Laut Toll ist TV-Download längst ein Massenphänomen: „Im Februar dieses Jahres waren weltweit knapp drei Millionen Nutzer mit dem Up- oder Download einer Fernsehproduktion beschäftigt - und zwar in jeder Sekunde.“
Die alte Fernsehnahrungskette war einfach aufgebaut: TV-Anstalten verkaufen die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen in 30-Sekunden-Portionen an Werbekunden. Die Grundlage dieser Ökonomie ist bei näherem Hinsehen der Mangel: Das Modell funktioniert nur, solange die Wege in die Wohnzimmer limitiert sind. Wer die Frequenzen besitzt, tritt als Zwischenhändler auf und kassiert Wegezoll. Das Netz hat diese Verknappung beseitigt. Plötzlich führen Millionen Wege in jede Wohnung. Die Folge: Die Existenzberechtigung der Zollhäuschen wird zunehmend fragwürdig. Was wollen Sender noch verkaufen, wenn sie kein Monopol auf den Zuschauer mehr besitzen?
Fernsehen als Abo
„Ich will nicht irgendwann aufwachen und feststellen, daß der ganze Traffic über andere Plattformen geht.”
Immerhin: Die Fehler der Musikindustrie will die Fernsehbranche nicht wiederholen. „Ich will nicht irgendwann aufwachen und feststellen, daß der ganze Traffic über andere Plattformen geht“, sagte Disney-Geschäftsführer Robert Iger Anfang der Woche und kündigte die Erweiterung des Online-Angebots an. Ab Ende April will der zu Disney gehörende amerikanische Sender ABC Erfolgsserien wie „Lost“ und „Desperate Housewives“ einen Tag nach der Ausstrahlung kostenlos im Web übertragen. Würde er seinen eigenen Worten aber tatsächlich trauen, würde er die Folgen wohl nicht nur als ruckeligen Videostream anbieten, sondern tatsächlich zum Download.
Ähnlich ratlos sieht der blinde Aktionismus deutscher Sender aus: So können sich etwa Fans der RTL-Endlos-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ für knapp einen Euro werktäglich schon um 13 Uhr die abendliche Folge am PC anschauen. Zwölf Stunden läßt sich die Episode starten, danach geht nichts mehr. Wem das zu kurz ist, der kann das Jahresabo für knapp sechzig Euro erwerben. Wie viele Zuschauer dieses Angebot bisher nutzen, will der Kölner Sender nicht verraten. Die Münchner Konkurrenz von ProSiebenSat.1 arbeitet unterdessen an der Reanimation eines Projekts aus glücklichen New-Economy-Zeiten. „Maxdome“ soll ihr Video-on-Demand-Portal heißen, auf dem man ab Mai per PC oder Settop-Box Spielfilme und Fernsehproduktionen anschauen kann. Bezahlt wird für ein monatliches Abonnement oder per Einzelabruf, der 24 Stunden Zugriff auf ein Video erlaubt. „Dabei kann das Angebot wie bei einer DVD beliebig oft genutzt werden“, heißt es in der Pressemitteilung. Ein schlechter Vergleich, denn bekanntlich zerstört sich eine DVD nicht nach 24 Stunden selbst.
„Ich will es, und ich will es jetzt“
„Ich will es, und ich will es jetzt”- neue Technik macht es möglich
Daß TV-Sender sich gegen das Thema Download stemmen, liegt in der Natur der Sache: Wenn das Internet zum Vertriebsweg wird, wozu benötigt man dann eigentlich noch Fernsehsender? Der australische Softwareentwickler und Buchautor Mark Pesce verortet die Zukunft des Fernsehens exakt dort, wo heute überwiegend illegale Videokopien hin und her geschoben werden: in Filesharing-Netzen und auf Websites, die das Download-Protokoll Bittorrent verwenden. Fernsehsender, einst Mittler zwischen Produzenten und Konsumenten, seien im Zeitalter der Netzdistribution ein Hindernis: „Das Publikum sagt: Ich will es, und ich will es jetzt. Die Sender sagen: Nein, es gehört dir nicht, es gehört mir, du bekommst es, wann und wie ich es will.“
Mark Pesces Zukunftsidee: Warum nicht Sponsoren und TV-Produzenten direkt miteinander ins Geschäft bringen? Den Vertrieb übernähmen die Netznutzer selbst, so wie sie es jetzt bereits tun. Der entscheidende Unterschied: Nach diesem Modell wäre Dateitausch nicht mehr illegal, sondern - im Gegenteil - hoch erwünscht. Jede Kopie in einer Filesharing-Börse, jede auf dem Schulhof verschenkte DVD erhöht schließlich die Reichweite des Films. Ein interessanter Nebeneffekt: Die Pro-Kopf-Ausgaben des Sponsors sinken mit zunehmenden Zuschauerzahlen. Steigende Quoten bedeuten fallende Preise. Verkehrte Welt.
Fortsetzung folgt
Wer braucht noch TV-Sender?
Von Mario Sixtus
Zwischendurch mal eben eine Star-Trek-Folge downloaden
19. April 2006
Das komische Digitalzeugs, von dem der Mann am Rednerpult erzählt, interessiert die Anwesenden nicht die Bohne. Einige gähnen, andere unterhalten sich, einer ist sogar eingeschlafen. So beschreibt Tim Renner in seinem Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ das denkwürdige Aufeinandertreffen zweier Kulturen.
Im Jahre 1994 sprach der Netz-Visionär Nicholas Negroponte vor hochrangigen Managern der Plattenfirma Polygram und prophezeite ihnen das Ende ihres Geschäftsmodells: Bereits in zehn Jahren werde jeder zweite Musiktitel aus dem Internet kommen. Das sei natürlich Quatsch, soll sich der Polygram-Chairman später bei seinen Kollegen entschuldigt haben, schließlich sei der Mensch ein Haptiker und habe keine Beziehung zu Downloads.
Das schnelle Download-Fersehen für zwischendurch
Ob PDA oder tragbare Daddelgeräte - das mobile Fernsehen ist im Kommen
Der Rest ist Geschichte. Während die Musikindustrie noch immer auf der Suche nach einer neuen Rolle in der Medienwelt des 21. Jahrhunderts ist und die Filmbranche verzweifelt gegen Raubkopierer kämpft, kündigt sich bereits eine weitere Identitätskrise für den nächsten Riesen an: Immer mehr Zuschauer koppeln sich vollständig vom System des programmierten Fernsehens ab.
Zwar genießen sie noch Produkte, die ursprünglich fürs Fernsehen konzipiert wurden - vornehmlich Serien. Dem Diktat der Programmplaner unterwerfen sie sich aber nicht mehr. Im ersten Schritt ermöglichen Festplattenrekorder die Freiheit von vorgegebenen zeitlichen Abläufen - und entwerten auf diese Weise ganz nebenbei Werbeblöcke; die echten TV-Pioniere sind schon einen Schritt weiter und erfreuen sich an einem Fernsehen, das ganz ohne Sender auskommt. Was auf ihren Geräten läuft, besorgen sie sich nach bekannter Manier in den legalen Grauzonen des Netzes. Notebooks, PDAs und tragbare Daddelgeräte dienen als mobile Fernsehgeräte. Zu den beliebtesten Film-Downloads gehören bemerkenswerterweise eher TV- als Kino-Produktionen: Fürs schnelle Fernsehen zwischendurch eignet sich eine Folge der „Simpsons“ halt besser als ein Blockbuster mit Überlänge.
Das Zuschauermonopol wird fallen
Das alte Wegezoll-System löst sich auf - plötzlich führen Millionen Wege in jede Wohnung
Das in Beverly Hills ansässige Unternehmen Big Champagne überwacht Dateitauschbörsen und andere Download-Plattformen, unter anderem für Kunden aus der Entertainment- und der Marktforschungsbranche. Der leitende Geschäftsführer Adam Toll bestätigt: „Der Anteil der TV-Produktionen an den in Peer-to-Peer-Netzen verfügbaren Dateien hat sich innerhalb der letzten sechs Monate mehr als verdoppelt.“ Sicher auch eine Folge des Breitband-Booms: Eine 40-Minuten-Episode der Mafia-Serie „Die Sopranos“ beispielsweise ist per schnellem DSL innerhalb von knapp sieben Minuten auf die Festplatte geladen - in DVD-ähnlicher Qualität. Laut Toll ist TV-Download längst ein Massenphänomen: „Im Februar dieses Jahres waren weltweit knapp drei Millionen Nutzer mit dem Up- oder Download einer Fernsehproduktion beschäftigt - und zwar in jeder Sekunde.“
Die alte Fernsehnahrungskette war einfach aufgebaut: TV-Anstalten verkaufen die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen in 30-Sekunden-Portionen an Werbekunden. Die Grundlage dieser Ökonomie ist bei näherem Hinsehen der Mangel: Das Modell funktioniert nur, solange die Wege in die Wohnzimmer limitiert sind. Wer die Frequenzen besitzt, tritt als Zwischenhändler auf und kassiert Wegezoll. Das Netz hat diese Verknappung beseitigt. Plötzlich führen Millionen Wege in jede Wohnung. Die Folge: Die Existenzberechtigung der Zollhäuschen wird zunehmend fragwürdig. Was wollen Sender noch verkaufen, wenn sie kein Monopol auf den Zuschauer mehr besitzen?
Fernsehen als Abo
„Ich will nicht irgendwann aufwachen und feststellen, daß der ganze Traffic über andere Plattformen geht.”
Immerhin: Die Fehler der Musikindustrie will die Fernsehbranche nicht wiederholen. „Ich will nicht irgendwann aufwachen und feststellen, daß der ganze Traffic über andere Plattformen geht“, sagte Disney-Geschäftsführer Robert Iger Anfang der Woche und kündigte die Erweiterung des Online-Angebots an. Ab Ende April will der zu Disney gehörende amerikanische Sender ABC Erfolgsserien wie „Lost“ und „Desperate Housewives“ einen Tag nach der Ausstrahlung kostenlos im Web übertragen. Würde er seinen eigenen Worten aber tatsächlich trauen, würde er die Folgen wohl nicht nur als ruckeligen Videostream anbieten, sondern tatsächlich zum Download.
Ähnlich ratlos sieht der blinde Aktionismus deutscher Sender aus: So können sich etwa Fans der RTL-Endlos-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ für knapp einen Euro werktäglich schon um 13 Uhr die abendliche Folge am PC anschauen. Zwölf Stunden läßt sich die Episode starten, danach geht nichts mehr. Wem das zu kurz ist, der kann das Jahresabo für knapp sechzig Euro erwerben. Wie viele Zuschauer dieses Angebot bisher nutzen, will der Kölner Sender nicht verraten. Die Münchner Konkurrenz von ProSiebenSat.1 arbeitet unterdessen an der Reanimation eines Projekts aus glücklichen New-Economy-Zeiten. „Maxdome“ soll ihr Video-on-Demand-Portal heißen, auf dem man ab Mai per PC oder Settop-Box Spielfilme und Fernsehproduktionen anschauen kann. Bezahlt wird für ein monatliches Abonnement oder per Einzelabruf, der 24 Stunden Zugriff auf ein Video erlaubt. „Dabei kann das Angebot wie bei einer DVD beliebig oft genutzt werden“, heißt es in der Pressemitteilung. Ein schlechter Vergleich, denn bekanntlich zerstört sich eine DVD nicht nach 24 Stunden selbst.
„Ich will es, und ich will es jetzt“
„Ich will es, und ich will es jetzt”- neue Technik macht es möglich
Daß TV-Sender sich gegen das Thema Download stemmen, liegt in der Natur der Sache: Wenn das Internet zum Vertriebsweg wird, wozu benötigt man dann eigentlich noch Fernsehsender? Der australische Softwareentwickler und Buchautor Mark Pesce verortet die Zukunft des Fernsehens exakt dort, wo heute überwiegend illegale Videokopien hin und her geschoben werden: in Filesharing-Netzen und auf Websites, die das Download-Protokoll Bittorrent verwenden. Fernsehsender, einst Mittler zwischen Produzenten und Konsumenten, seien im Zeitalter der Netzdistribution ein Hindernis: „Das Publikum sagt: Ich will es, und ich will es jetzt. Die Sender sagen: Nein, es gehört dir nicht, es gehört mir, du bekommst es, wann und wie ich es will.“
Mark Pesces Zukunftsidee: Warum nicht Sponsoren und TV-Produzenten direkt miteinander ins Geschäft bringen? Den Vertrieb übernähmen die Netznutzer selbst, so wie sie es jetzt bereits tun. Der entscheidende Unterschied: Nach diesem Modell wäre Dateitausch nicht mehr illegal, sondern - im Gegenteil - hoch erwünscht. Jede Kopie in einer Filesharing-Börse, jede auf dem Schulhof verschenkte DVD erhöht schließlich die Reichweite des Films. Ein interessanter Nebeneffekt: Die Pro-Kopf-Ausgaben des Sponsors sinken mit zunehmenden Zuschauerzahlen. Steigende Quoten bedeuten fallende Preise. Verkehrte Welt.
Fortsetzung folgt