Im kollektiven Rausch
Von Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer
Die WM ist ein Fußball-Fest, und das überzeugendste Team ist das von Jürgen Klinsmann. Der Siegeszug ins Halbfinale zeigt, dass die deutsche Mannschaft Ordnung mit Phantasie vereint und Ernst mit dem Mut zum Risiko.
Helden müssen heldenhaft sein, wenn es gilt, in diesen Sekunden, in denen alles auf dem Spiel steht. Danach nicht mehr. Nach der Heldentat darf der Held wieder Schrullen haben und Macken, man darf ihn dann durchaus seltsam finden, das ist nicht wichtig.
Jens Lehmann war ziemlich schrullig am Freitagabend in Berlin. Er verließ den Rasen, als die Kollegen ihn feiern wollten, er ging allein in die Kabine. Und als die Journalisten vor ihm standen, die schwitzten und ihn anstrahlten und wissen wollten, wie man zwei Elfmeter gegen Argentinien hält, da blickte Lehmann niemanden an. Er kaute irgendwas. Sagte: "Es ist eine große emotionale Sache, wie die Leute feiern. Es ist schön zu sehen, wie Deutschland feiert. Die Mannschaft hat gut geschossen."
Dann ging er weiter, sechsmal stoppte er, sechsmal sagte er die gleichen drei Sätze, er hörte keine Frage, und es ist denkbar, dass er schon im Mannschaftsbus nicht mehr wusste, dass er gerade zu Reportern gesprochen hatte.
Bundestrainer Klinsmann: "Deutsche Siegesmaschine"
War es Trance? Hypnose? Jens Lehmann war noch immer ziemlich entrückt, als die Kollegen Philipp Lahm oder Bernd Schneider auftauchten in den Kellergewölben des Olympiastadions, die fröhlich plauderten von ihrem Traum vom Finale und von diesem Moment, den sie als historisch empfanden. Die deutsche Mannschaft hatte nach einem 1:1 das Elfmeterschießen gegen Argentinien mit 4:2 gewonnen, sie steht nun im Halbfinale, und sie hatte anders gespielt als zuvor: nicht so schnell, nicht so schön. Erwachsener.
"Meine Erwartungen haben sich unglaublich erfüllt", sagt Angela Merkel, aber das Deutschland der WM und des Stadions, das Deutschland des Sommers von 2006 ist ein Deutschland, das so keiner erwartet hatte. Dieses Deutschland lacht, es singt, es genießt.
Wird es am Ende so werden wie Holland? Dann würde Fußball in seiner Wichtigkeit fürs nationale Wertgefühl relativiert, müsste aber immer und vor allem Spaß machen, also frech sein und forsch. Und kann diese Reise dieser Mannschaft durch dieses Turnier ein Modell sein für Wirtschaft und Staat? Das dachte man einst auch in Frankreich, wo die Equipe von 1998 Integration und Liberalismus fördern oder begründen sollte, und sieben Jahre danach kamen die Straßenschlachten.
Der große Michel Platini sagt: In Frankreich habe man erst mit der WM 1998 gelernt, "leidenschaftlich über den Fußball zu sprechen", das immerhin ist geblieben. Der kleine Arne Friedrich sagt: "Wir sind insgesamt eine Fußballgemeinschaft geworden." Und eine "Neugründung des deutschen Fußballs" beobachtet "El País".
Alle sprechen in diesen Tagen wieder von "wir" und "uns", wenn sie diese Mannschaft meinen. Es gab da eine Scheu, vor dem Turnier: Die Mannschaft war zu schwach, wer wollte sich mit diesen Typen identifizieren? Doch nun gebärdet sich das Publikum dieser WM ein bisschen japanisch und ansonsten seltsam südländisch. Der deutsche WM-Gast lässt erst die Welle rollen und fotografiert sich selbst mittenmang. Er hat bezahlt, nun will er erleben, er hat verstanden, dass er sein Erlebnis selbst erschaffen muss. Darum singt er und ruft, und nur selten ist er noch ein richtiger Fußballfan, der schreit und pfeift.
Es gab wohl selten einen derart weitsichtigen Werbespot wie den von der Telekom, die aus Mannschaft und Volk eine Einheit, eine Kette aus vergnügten Menschen im weißen Trikot formte. "Es ist toll zu sehen, die Fans tragen uns auf einer Wolke", das sagt Jürgen Klinsmann. "Mit der Atmosphäre im Rücken gibt es keinen Grund, an uns zu zweifeln", so spricht Christoph Metzelder, der weiß, dass die Leistung zuerst kommt, er nennt das "die Strahlkraft nach außen".
Deutschland sei "die Siegesmaschine. Bei jedem Spiel habe ich die Vorstellung, dass unter dem Rasen Hunderte von kräftigen Deutschen sitzen und in die Pedale treten, rudern oder an einer Kurbel drehen", das schrieb der Argentinier Jorge Valdano noch 2004, und jenes Deutschland machte ein Geräusch: "Rrrrrrrrr."
Und heute? Heute spricht Valdano von dem "verwegenen Trainer" Klinsmann, einem Trainer mit Sinn für "Freude und Abenteuer", und was seine Mannschaft ausmache, sei das "Abenteuer Kollektiv".
Denn dies macht diese Mannschaft besonders: Es ist die Paarung von Phantasie und Ordnung, von Kreativität und Strategie, von Gewandtheit und Kraft. Vielleicht kann man sagen, dass Rudi Völlers Team Ernsthaftigkeit und Vorsicht vereinte; Jürgen Klinsmanns Mannschaft kombiniert die gleiche Ernsthaftigkeit mit Mut und der Bereitschaft zum Risiko. Sie hat eine Idee vom eigenen Spiel, und welche andere Mannschaft konnte das schon behaupten außer Argentinien, das am Freitag ausgerechnet gegen die Deutschen an seine Grenzen stieß, und außer Brasilien, das sich aber von der eigenen Arroganz bremsen ließ?
Von Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer
Die WM ist ein Fußball-Fest, und das überzeugendste Team ist das von Jürgen Klinsmann. Der Siegeszug ins Halbfinale zeigt, dass die deutsche Mannschaft Ordnung mit Phantasie vereint und Ernst mit dem Mut zum Risiko.
Helden müssen heldenhaft sein, wenn es gilt, in diesen Sekunden, in denen alles auf dem Spiel steht. Danach nicht mehr. Nach der Heldentat darf der Held wieder Schrullen haben und Macken, man darf ihn dann durchaus seltsam finden, das ist nicht wichtig.
Jens Lehmann war ziemlich schrullig am Freitagabend in Berlin. Er verließ den Rasen, als die Kollegen ihn feiern wollten, er ging allein in die Kabine. Und als die Journalisten vor ihm standen, die schwitzten und ihn anstrahlten und wissen wollten, wie man zwei Elfmeter gegen Argentinien hält, da blickte Lehmann niemanden an. Er kaute irgendwas. Sagte: "Es ist eine große emotionale Sache, wie die Leute feiern. Es ist schön zu sehen, wie Deutschland feiert. Die Mannschaft hat gut geschossen."
Dann ging er weiter, sechsmal stoppte er, sechsmal sagte er die gleichen drei Sätze, er hörte keine Frage, und es ist denkbar, dass er schon im Mannschaftsbus nicht mehr wusste, dass er gerade zu Reportern gesprochen hatte.
Bundestrainer Klinsmann: "Deutsche Siegesmaschine"War es Trance? Hypnose? Jens Lehmann war noch immer ziemlich entrückt, als die Kollegen Philipp Lahm oder Bernd Schneider auftauchten in den Kellergewölben des Olympiastadions, die fröhlich plauderten von ihrem Traum vom Finale und von diesem Moment, den sie als historisch empfanden. Die deutsche Mannschaft hatte nach einem 1:1 das Elfmeterschießen gegen Argentinien mit 4:2 gewonnen, sie steht nun im Halbfinale, und sie hatte anders gespielt als zuvor: nicht so schnell, nicht so schön. Erwachsener.
"Meine Erwartungen haben sich unglaublich erfüllt", sagt Angela Merkel, aber das Deutschland der WM und des Stadions, das Deutschland des Sommers von 2006 ist ein Deutschland, das so keiner erwartet hatte. Dieses Deutschland lacht, es singt, es genießt.
Wird es am Ende so werden wie Holland? Dann würde Fußball in seiner Wichtigkeit fürs nationale Wertgefühl relativiert, müsste aber immer und vor allem Spaß machen, also frech sein und forsch. Und kann diese Reise dieser Mannschaft durch dieses Turnier ein Modell sein für Wirtschaft und Staat? Das dachte man einst auch in Frankreich, wo die Equipe von 1998 Integration und Liberalismus fördern oder begründen sollte, und sieben Jahre danach kamen die Straßenschlachten.
Der große Michel Platini sagt: In Frankreich habe man erst mit der WM 1998 gelernt, "leidenschaftlich über den Fußball zu sprechen", das immerhin ist geblieben. Der kleine Arne Friedrich sagt: "Wir sind insgesamt eine Fußballgemeinschaft geworden." Und eine "Neugründung des deutschen Fußballs" beobachtet "El País".
Alle sprechen in diesen Tagen wieder von "wir" und "uns", wenn sie diese Mannschaft meinen. Es gab da eine Scheu, vor dem Turnier: Die Mannschaft war zu schwach, wer wollte sich mit diesen Typen identifizieren? Doch nun gebärdet sich das Publikum dieser WM ein bisschen japanisch und ansonsten seltsam südländisch. Der deutsche WM-Gast lässt erst die Welle rollen und fotografiert sich selbst mittenmang. Er hat bezahlt, nun will er erleben, er hat verstanden, dass er sein Erlebnis selbst erschaffen muss. Darum singt er und ruft, und nur selten ist er noch ein richtiger Fußballfan, der schreit und pfeift.
Es gab wohl selten einen derart weitsichtigen Werbespot wie den von der Telekom, die aus Mannschaft und Volk eine Einheit, eine Kette aus vergnügten Menschen im weißen Trikot formte. "Es ist toll zu sehen, die Fans tragen uns auf einer Wolke", das sagt Jürgen Klinsmann. "Mit der Atmosphäre im Rücken gibt es keinen Grund, an uns zu zweifeln", so spricht Christoph Metzelder, der weiß, dass die Leistung zuerst kommt, er nennt das "die Strahlkraft nach außen".
Deutschland sei "die Siegesmaschine. Bei jedem Spiel habe ich die Vorstellung, dass unter dem Rasen Hunderte von kräftigen Deutschen sitzen und in die Pedale treten, rudern oder an einer Kurbel drehen", das schrieb der Argentinier Jorge Valdano noch 2004, und jenes Deutschland machte ein Geräusch: "Rrrrrrrrr."
Und heute? Heute spricht Valdano von dem "verwegenen Trainer" Klinsmann, einem Trainer mit Sinn für "Freude und Abenteuer", und was seine Mannschaft ausmache, sei das "Abenteuer Kollektiv".
Denn dies macht diese Mannschaft besonders: Es ist die Paarung von Phantasie und Ordnung, von Kreativität und Strategie, von Gewandtheit und Kraft. Vielleicht kann man sagen, dass Rudi Völlers Team Ernsthaftigkeit und Vorsicht vereinte; Jürgen Klinsmanns Mannschaft kombiniert die gleiche Ernsthaftigkeit mit Mut und der Bereitschaft zum Risiko. Sie hat eine Idee vom eigenen Spiel, und welche andere Mannschaft konnte das schon behaupten außer Argentinien, das am Freitag ausgerechnet gegen die Deutschen an seine Grenzen stieß, und außer Brasilien, das sich aber von der eigenen Arroganz bremsen ließ?





