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Wo der Ball zu Hause ist

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WM-STADT KAISERSLAUTERN



Wo der Ball zu Hause ist



Von Steffen Gerth



Gerade mal 100.000 Menschen leben in der kleinsten deutschen WM-Stadt. Doch die Einwohnerzahl spielt in Kaiserslautern ebenso eine Nebenrolle wie die größte amerikanische Gemeinde außerhalb der USA. Denn Chef ist hier nur einer: König Fußball.





Kleines Quiz gefällig? Womit verbinden Sie Kaiserslautern? Wald? Richtig. Amerikanische Soldaten? Richtig. Fußball? Auch richtig. Eigentlich ist es aber fast nur noch der Fußball, der auf populäre Weise überragend für diese Stadt steht. Kaum ein deutscher Verein ist derart identitätsstiftend für eine Region wie der 1. FC Kaiserslautern. Dessen Stadion haben die Einwohner auf dem Betzenberg erbaut, es erinnert an eine Burg, die die Stadt beschützt und in die die Bürger flüchten können.



Ein bisschen ähnelt ein normaler Bundesligaspieltag tatsächlich einer Flucht. Dann steigen die Menschen aus der pfälzischen Provinz hinauf auf diese Burg, rücken zu einer regionalen Einheit zusammen, sie brüllen und toben - für diese 90 Minuten haben die Gäste aus den Metropolen Deutschlands wenig Grund zur Freude.



Logischerweise trägt das Stadion den Namen eines der wichtigsten deutschen Fußballer und des für alle Zeiten wichtigsten Menschen der Stadt: Fritz Walter. Kapitän der Weltmeisterelf von 1954, Kaiserslauterner Spieler - Übermensch. "Stärker als der Tod ist die Liebe", steht auf seinem Grabstein. Es muss alles zusammengehangen haben mit Walter, Fußballhistorie und Fußballliebe, dass Kaiserslautern als einer der Austragungsorte für die Weltmeisterschaft in Deutschland ausgewählt wurde. "Fußball kummt hääm", haben sie auf ihre Plakate geschrieben, die pfälzische Mundartvariante des Klassikers: "Fußball kommt nach Hause".



In Metropolen wie Düsseldorf oder Bremen haben sie getobt, als die kleine Stadt im Pfälzer Wald den Zuschlag bekam. Gerade einmal 100.000 Einwohner leben hier, die Innenstadt atmet den Betongeist der siebziger Jahre, stadtplanerisch wirkt alles wie von einer architektonischen Resterampe. Diese Stadt soll für große Internationalität stehen?



Beflaggung wie bei einem Uno-Gipfel



"Aber gewiss", betont Gerhard Westenburger, 44 Jahre lang Pressereferent im Rathaus, heute Buchautor und eine Art Chronist von Kaiserslautern. Der Einzug der amerikanischen Soldaten 1951 sei eine Zäsur gewesen. Auf einmal gab es Jazzclubs, Coca-Cola - und Menschen mit anderer Hautfarbe. "Als sich in Ludwigshafen die Menschen noch umgedreht haben, wenn ein Dunkelhäutiger über die Straße lief, gehörten das in Kaiserslautern längst zum Alltag", erinnert sich Westenburger. Heute leben 48.000 Amerikaner in Kaiserslautern, das ist die größte amerikanische Gemeinde außerhalb der USA. Die GIs rufen die Stadt wegen des für sie komplizierten Namens kurz "K-Town", die Einheimischen vermieten für gutes Geld Wohnungen an die Soldaten. Man lebt gedeihlich miteinander.



Wer dieser Tage durch die Stadt läuft, wird empfangen von einer gewaltigen Freude über die WM - nicht nur wegen der insgesamt fünf Fußballspiele, sondern wegen der großen Welt, die ins kleine Kaiserslautern gekommen ist: Die Stadt ist beflaggt wie bei einem Uno-Gipfel. In diesen WM-Tagen will Kaiserslautern die Chance nutzen, zu zeigen, dass es mehr hat als Wald, Fußball, Amerikaner, eine Außenstelle des Opel-Werkes und der Nähmaschinenfabrik Pfaff, die schlimme Zeiten hinter sich hat. Heute will Kaiserslautern vor allem als weltoffene Universitätsstadt gelten.



Es wirkt, als ob sich die Stadt durch den Fußball vom Fußball emanzipieren will. Denn als der FCK 1996 zum ersten Mal aus der ersten Bundesliga abstieg, traf dieses Ereignis die Menschen wie der Verlust eines nahe stehenden Menschen. Fußball war hier eben alles - und deswegen zu wenig. Vielleicht war die Depression nach dem abermaligen Abstieg vor vier Wochen deshalb nicht mehr ganz so groß.



Doch was weiß man außerhalb Kaiserslauterns schon über die Stadt? Dass der Name eine Verehrung an den Kaiser Friedrich I. (genannt Barbarossa, der Rotbart) bedeutet? Denn die Lauter ist das Flüsschen, das einst durch die Stadt floss, klar und rein - lauter eben. Des Kaisers Fluss also. Fischreich war die Lauter, und das löst das Rätsel auf, das der Fisch im Stadtwappen von Kaiserslautern aufgibt.



Die Stadt habe sich im vergangenen Jahrzehnt ein neues Selbstwertgefühl erarbeitet, sagt Chronist Westenburger. Wie schwer das gewesen sein muss, verdeutlicht sein Verweis auf die Vergangenheit, als der Kaiserslauterner als spießig und verbohrt galt. So wetterte etwa im Jahr 1843 die Lokalzeitung gegen die Einführung der Eisenbahn, später mäkelten die Bürger an einem neuen Schlachthaus herum. "Man war einfach gegen alles", fasst Westenburger zusammen.



Nur böse Menschen kommen auf die Idee, diesen Starrsinn damit zu verknüpfen, dass Kaiserslautern 135 Jahre lang zu Bayern gehörte. Bis ins frühe 19. Jahrhundert wurden unbotmäßige bayerische Staatsdiener in die ferne Pfalz strafversetzt. Das kam einer Verbannung gleich.



Wer heute in die Stadt kommt, sollte sich zu ihr bekennen, um von den Menschen akzeptiert zu werden. Es gehört für die FCK-Profis zum guten Ton, sich in den Cafés der Stadt zu zeigen und damit lokale Verbundenheit zu beweisen - andernfalls droht dramatisch schneller Liebesentzug der Fans. "Man sollte den Menschen ab und zu sagen, wie schön ihre Stadt ist", sagt Dirk Leibfried, Inhaber einer Werbeagentur und Autor eines Stadtführers. "Auf keinen Fall darf man als Besserwisser auftreten. Schon gar nicht beim Thema Fußball."



Fußball ist vielleicht nicht mehr alles in Kaiserslautern, aber immer noch viel, viel mehr als in jeder anderen deutschen WM-Stadt.



Quelle: www.spiegel.de
 
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