Wenn man sich das Ganze mal überlegt, was so in den vergangenen, eigentlich 6 Jahren, mit dem Fußball vor allem in Deutschland passiert ist, dann muss man schon ein Fazit ziehen, welches einem als "Fan" nicht sonderlich gefallen kann/will.
Die Deutsche Nationalmannschaft war in den 90er Jahren in Deutschland recht unbeliebt. Nach dem WM-Titel 90 folgte die Niederlage im Finale von Göteborg gegen die aus dem Urlaub gekommenen Dänen, welche für Yugoslawien starten durften, nachdem dort der Bürgerkrieg ausgebrochen war.
1994 dann die Affäre um den Stinkefinger-Effenberg und die Niederlage gegen Bulgarien. 1996 ein kurzes Zwischenhoch mit dem Europameistertitel.
Der absolute Tiefpunkt war dann sicherlich 1998, die Weltmeisterschaft in Frankreich, als die Deutsche Mannschaft kurz davor stand freiwillig abzureisen und aus dem Turnier auszusteigen. Deutschland hat dennoch gespielt und ist dann verdient ausgeschieden, 3:0 gegen Kroatien.
Nach diesem Turnier wollte mit der DFB-Elf wirklich kaum noch jemand eng im Bunde sein und das Interesse brach schon deutlich ein.
Es folgt das Jahr 2000, wieder Ausschreitungen bei einem Turnier, diesmal bei der Euro und ein blamables Aus in der Vorrunde.
Zwei Jahre später liegt sich Deutschland wieder in den Armen, knappe Finalniederlage gegen Brasilien und ein Lied verdeutlicht irgendwo das Ende für die "ruhigen" Zeiten der Fußball-Fans. "Ein Rudi Völler....." hunderttausende singen diese komische Sülz-Mischung und ein erster kleiner Hype entsteht, 2004 folgt ein Dämpfer in Portugal, wer konnte ahnen, dass Lettland ein so schwerer Gegner sein würde.
Die Jahre ab 2006 stellen dann alles in den Schatten, jeder hüpft freudestrahlend auf der Straße rum, schwängt Schwarz-Rot-Goldene-Fähnchen, klebt Fähnchen an sein Auto, geht zum Public-Viewing und veranstaltet einen Auto-Korso, wenn in China ein Sack Reis umfällt.
Das Problem an der Sache: Der Fußball-Fan leidet. Weil sich Leute in den Vordergrund drängen, die mit diesem Sport nichts zu tun haben und einfach ein Erlebnis, eine Gemeinschaft suchen. Wofür andere früher Sonntags in der Kirche sind, dafür geht der Deutsche heute am Samstag Morgen um 3.15 Uhr begeistert zum Auto-Korso, um irgendwo auf einsamen Landstraßen zwischen Castrop-Rauxel und Gütersloh auch dem letzten schlafenden Reh mitzuteilen, dass Deutschland gerade in sensationeller Manier ein 1:0 gegen die Farör-Inseln errungen hat, die Farör haben ja immerhin schon gegen Österreich gewonnen.
Diese Suche nach Gemeinschaft ist etwas schönen, sie soll auch jeder genießen dürfen, denn ein Leben ohne Gemeinschaft ist kein Leben. Wer sollte das wissen, wenn nicht der Deutsche: Der Vereinsweltmeister!
Der Fußball-Fan an sich ist auch keine Rampensau, er ist auch niemand der die Aufmerksamkeit sucht und braucht, er ist nur auch ein Mensch auf der Suche nach Gemeinschaft. Nach einer Gemeinschaft, die er Woche für Woche erlebt, die aber doch komplett unterschiedlich ist zu der Gemeinschaft die er während einer EM oder WM neuerdings erlebt. Dort rennt sie rum, die Rampensau, behängt mit Fahne, Schal und Mütze, Deutschland-Trikot, Deutschland-Streifen auf den Wangen, Fußball-BH und -Boxershort. Diese Rampensäue suchen die Öffentlichkeit und man wird feststellen, sie sehen sich viel häufiger als "echte" Fans an, als das ein wirklicher Fußball-Fan, der Woche für Woche mit seinem Verein und ein paar mal im Jahr mit der Nationalelf leidet, sehen würde, denn dieser kennt eine Unterscheidung in "echte" und "unechte" Fans nicht wirklich, weil man sich auf irgendeiner Ebene immer akzeptiert.
Ich sagte vorhin der Fan leidet darunter, warum tut er das? Zum Einen, weil er den neumodischen Eventfans nicht einfach den Rücken kehren kann, weil diese in einer merkwürdigen Übermacht durch Deutschlands Städte einen Autokorso nach dem Anderen veranstalten, zum Anderen, weil sie einem leider den Platz weg nehmen. Den Platz im Stadion, den jeder Fan gerne einnehmen würde.
Fußball-Fans die Samstags ihre Nationalelf in Dublin unterstützen um Mittwochs drauf in München eine Niederlage gegen Tschechien zu sehen, Fans die sich den Kopf zermatern wie sie irgendwie zu einem Auswärtsspiel der Nationalelf nach Baku kommen und das, ohne dafür 25.000km auf das Auto zu schrubben oder eben 96 Stunden im Zug zu verbringen. Fans, die viel Geld für dieses teure Hobby lassen und die, das ist der große Unterschied, auch in schlechten Zeiten zu Verein und Nationalelf halten, bzw. gehalten haben. Die Zahl derer, die regelmäßig auf Heim- und Auswärtsspiele der Nationalelf tingelt ist gering, die Zahl derer die mit der Nationalelf überhaupt einmal in den letzten Jahren auf einem Auswärtsspiel waren ist ebenfalls "überschaubar", die Zahl derer die dem DFB auch nach den schrecklichen Ereignissen von Lens die Treue gehalten haben ist noch viel geringer.
Und nun kommen einige neumodische Personen daher, bewerben sich für Tickets bei einem Fußball-Turnier, dass sie weder davor noch danach wirklich verfolgen wird, weil sie dieses Spiel, dieses Turnier nur als ein Event ansehen und nicht als einen Teil ihres Lebens.
Ist es da nicht verständlich, dass man ab und an aus der Haut fährt und diesen Personen nicht wirklich viel abgewinnen kann? Man urteilt nicht über diese Person als Mensch, sondern als Zuschauer und man betrachtet sie sehr sehr kritisch und das völlig zu Recht.
Man fühlt sich ungerecht behandelt, denkt sich: Warum darf diese Person zu so einem Spiel? Eine Person die mit diesem Spiel kein tiefergehendes Interesse verbindet, sondern sich nur alle zwei Jahre für ein "Event" aufrappelt und sich kleidet, als ob es zu einem Fastnachtsumzug geht. Warum wird eine solche Person gleichbehandelt wie Personen die schon zig Jahre mitfahren, die halbe Welt hinter der Nationalelf hergereist sind etc.
Niemand wünscht sich Lens zurück, niemand wünscht der Elf ein schlechtes Abschneiden bei einem Turnier, aber viele, sehr viele wünschen sich, dass es ein kleinwenig ruhiger wird um die Nationalelf und das die Leistung derer anerkannt wird, die das Team auch außerhalb von WM und EM unterstützen..