Erkaltete Liebe
von Klaus Teichmann, K'lautern
Als der Architekt Volker Schopp zum Studieren in die Pfalz zog, da war, erinnert er sich, der 1. FC Kaiserslautern dort die identitätsstiftende Größe. In den 90er Jahren "war ich - wenn schon nicht im Stadion - regelmäßig in einer Kneipe, um die Spiele live zu sehen".
Mit scheinbar der ganzen Pfalz feierte Schopp überraschende Erfolge und litt in bitteren Zeiten. Der FCK steht wieder im Abstiegskampf, und das heutige Kellerduell gegen den 1. FC Köln kommt fast schon einem Schicksalsspiel gleich. Aber "die Lust, den FCK zu sehen, hat stark abgenommen", sagt Schopp. Es geht ihm nicht allein so. Der Betzenberg bebt nicht mehr. "An Spieltagen war früher die ganze Stadt im FCK-Fieber, mittlerweile hat das deutlich abgenommen", hat Schopp beobachtet: "Beim ersten Abstieg war ganz Kaiserslautern emotional ergriffen - heute ist der Schock nicht mehr so groß."
Seit Wochen versucht FCK-Trainer Wolfgang Wolf, den alten Geist wiederzubeleben - doch auch in Lautern lässt sich die Stimmung einer "kollektiven Schicksalsgemeinschaft aller Pfälzer rund um den 1. FCK" nicht beliebig oft initiieren. "Zum dritten Mal hintereinander wurden wir Opfer von Fehlentscheidungen", ereiferte sich Wolf erst am Samstag beim 2:2 in Duisburg: "Es geht um Existenzen." Da ist sie wieder: die Mär von der perfiden Verschwörung gegen den wackeren Stamm aus dem Pfälzer Wald. Mit dieser Haltung haben sich Lauterer Fans auch in erfolgreicheren Jahren in Bundesliga-Deutschland nur wenige Freunde machen können.
"Wir Pfälzer sind Kämpfer", beschwor Wolf jüngst: "Wer sich jetzt aufgibt, hat schon verloren." Doch das kollektive (Wieder-)Erweckungserlebnis will nicht so recht gelingen. Die einstige Bühne für die großen Dramen verweist immer mehr, im Durchschnitt pilgerten diese Saison knapp 32.000 Zuschauer auf den einst fast okkulten Berg - kalkuliert waren 36.000. Früher war kaum eine Eintrittskarte zu erstehen, jetzt, wo die Liga boomt, bleiben die Ränge leer. Nach Abschluss des Umbaus wird das Stadion 48.500 Plätze bieten.
Schwächste Heimmannschaft
Vorstandschef Rene C. Jäggi befürchtet, dass die in Lautern kaum mehr zu füllen sein werden. Auch die Stimmung hat sich im WM-Fußballtempel geändert. Paul Breitner riet einst den Bayern, die Punkte - ob der Aussichtslosigkeit, in diesem Hexenkessel bestehen zu können - besser per Post nach Kaiserslautern zu transferieren. Mittlerweile ist der FCK die schwächste Heimmannschaft der Liga. Die gefürchtete Westkurve sorgte früher im Verbund mit ebenfalls aggressiven bürgerlichen Anhängern für eine so aufgeheizte Stimmung, dass mancher Unparteiische bis zum Lauterer Siegtreffer nachspielen ließ. Beim Heimspiel gegen Schalke 04 hatten die Fans das eigene Team schnell abgeschrieben - statt einer Aufholjagd gab es ein emotionsloses 0:2.
Die traditionellen gesellschaftlichen Bindekräfte lassen allgemein nach, doch das Absterben des "FCK-Mythos'" hat seine ganz speziellen Gründe. Im Abstiegsjahr 1996 war die Wallung im 100.000-Einwohner-Städtchen noch groß - eine "Region stirbt", wurde da düster prognostiziert. Auch beim Pokalsieg im selben Jahr, dem Wiederaufstieg und dem sensationellen Meister-Coup im Folgejahr stiftete der FCK noch die kollektive Identität. Doch von da an ging es bergab.
Meistermacher Otto Rehhagel präsentierte den Franzosen Youri Djorkaeff mit den Worten: "Euer Trainer hat euch einen Weltmeister gekauft". Die Großmannsucht von "König Otto" stieß dem FCK-Anhang schnell sauer auf. Das Spielerkarussell drehte sich fortan so schnell, dass bei manchem Fan die Identifikation mit den "Betze-Buben" litt. Besonders die Spieleragentur "Rogon" von Mario Baslers Schwager Roger Wittmann spielte dabei eine unrühmliche Rolle. Mehr als zehn "Rogon"-Verträge mit einem Gehaltsvolumen von 30 Mio. Euro hatte Jäggi bei seinem Dienstantritt 2002 gezählt. Durchschnittliche Kicker wurden überteuert durch den Verein geschleust, hieß es, und die Protagonisten würden sich die Taschen füllen.
Seit Wochen tobt nun ein Kampf zwischen Jäggi und dem Umfeld der "Rogon"-Fraktion - für den Sommer hat der Vorstandsvorsitzende seinen Rücktritt terminiert. Der Chefsanierer dämmte mit dem Rauswurf einiger Profis auch den Einfluss der "Rogon"-Agentur ein. Ereignisse, die in ihrer Summe dann doch etwas zu viel sind für die Pfälzer Fußballseele.
Aus der FTD vom 07.02.2006
© 2006 Financial Times Deutschland, © Illustration: AP
von Klaus Teichmann, K'lautern
Als der Architekt Volker Schopp zum Studieren in die Pfalz zog, da war, erinnert er sich, der 1. FC Kaiserslautern dort die identitätsstiftende Größe. In den 90er Jahren "war ich - wenn schon nicht im Stadion - regelmäßig in einer Kneipe, um die Spiele live zu sehen".
Mit scheinbar der ganzen Pfalz feierte Schopp überraschende Erfolge und litt in bitteren Zeiten. Der FCK steht wieder im Abstiegskampf, und das heutige Kellerduell gegen den 1. FC Köln kommt fast schon einem Schicksalsspiel gleich. Aber "die Lust, den FCK zu sehen, hat stark abgenommen", sagt Schopp. Es geht ihm nicht allein so. Der Betzenberg bebt nicht mehr. "An Spieltagen war früher die ganze Stadt im FCK-Fieber, mittlerweile hat das deutlich abgenommen", hat Schopp beobachtet: "Beim ersten Abstieg war ganz Kaiserslautern emotional ergriffen - heute ist der Schock nicht mehr so groß."
Seit Wochen versucht FCK-Trainer Wolfgang Wolf, den alten Geist wiederzubeleben - doch auch in Lautern lässt sich die Stimmung einer "kollektiven Schicksalsgemeinschaft aller Pfälzer rund um den 1. FCK" nicht beliebig oft initiieren. "Zum dritten Mal hintereinander wurden wir Opfer von Fehlentscheidungen", ereiferte sich Wolf erst am Samstag beim 2:2 in Duisburg: "Es geht um Existenzen." Da ist sie wieder: die Mär von der perfiden Verschwörung gegen den wackeren Stamm aus dem Pfälzer Wald. Mit dieser Haltung haben sich Lauterer Fans auch in erfolgreicheren Jahren in Bundesliga-Deutschland nur wenige Freunde machen können.
"Wir Pfälzer sind Kämpfer", beschwor Wolf jüngst: "Wer sich jetzt aufgibt, hat schon verloren." Doch das kollektive (Wieder-)Erweckungserlebnis will nicht so recht gelingen. Die einstige Bühne für die großen Dramen verweist immer mehr, im Durchschnitt pilgerten diese Saison knapp 32.000 Zuschauer auf den einst fast okkulten Berg - kalkuliert waren 36.000. Früher war kaum eine Eintrittskarte zu erstehen, jetzt, wo die Liga boomt, bleiben die Ränge leer. Nach Abschluss des Umbaus wird das Stadion 48.500 Plätze bieten.
Schwächste Heimmannschaft
Vorstandschef Rene C. Jäggi befürchtet, dass die in Lautern kaum mehr zu füllen sein werden. Auch die Stimmung hat sich im WM-Fußballtempel geändert. Paul Breitner riet einst den Bayern, die Punkte - ob der Aussichtslosigkeit, in diesem Hexenkessel bestehen zu können - besser per Post nach Kaiserslautern zu transferieren. Mittlerweile ist der FCK die schwächste Heimmannschaft der Liga. Die gefürchtete Westkurve sorgte früher im Verbund mit ebenfalls aggressiven bürgerlichen Anhängern für eine so aufgeheizte Stimmung, dass mancher Unparteiische bis zum Lauterer Siegtreffer nachspielen ließ. Beim Heimspiel gegen Schalke 04 hatten die Fans das eigene Team schnell abgeschrieben - statt einer Aufholjagd gab es ein emotionsloses 0:2.
Die traditionellen gesellschaftlichen Bindekräfte lassen allgemein nach, doch das Absterben des "FCK-Mythos'" hat seine ganz speziellen Gründe. Im Abstiegsjahr 1996 war die Wallung im 100.000-Einwohner-Städtchen noch groß - eine "Region stirbt", wurde da düster prognostiziert. Auch beim Pokalsieg im selben Jahr, dem Wiederaufstieg und dem sensationellen Meister-Coup im Folgejahr stiftete der FCK noch die kollektive Identität. Doch von da an ging es bergab.
Meistermacher Otto Rehhagel präsentierte den Franzosen Youri Djorkaeff mit den Worten: "Euer Trainer hat euch einen Weltmeister gekauft". Die Großmannsucht von "König Otto" stieß dem FCK-Anhang schnell sauer auf. Das Spielerkarussell drehte sich fortan so schnell, dass bei manchem Fan die Identifikation mit den "Betze-Buben" litt. Besonders die Spieleragentur "Rogon" von Mario Baslers Schwager Roger Wittmann spielte dabei eine unrühmliche Rolle. Mehr als zehn "Rogon"-Verträge mit einem Gehaltsvolumen von 30 Mio. Euro hatte Jäggi bei seinem Dienstantritt 2002 gezählt. Durchschnittliche Kicker wurden überteuert durch den Verein geschleust, hieß es, und die Protagonisten würden sich die Taschen füllen.
Seit Wochen tobt nun ein Kampf zwischen Jäggi und dem Umfeld der "Rogon"-Fraktion - für den Sommer hat der Vorstandsvorsitzende seinen Rücktritt terminiert. Der Chefsanierer dämmte mit dem Rauswurf einiger Profis auch den Einfluss der "Rogon"-Agentur ein. Ereignisse, die in ihrer Summe dann doch etwas zu viel sind für die Pfälzer Fußballseele.
Aus der FTD vom 07.02.2006
© 2006 Financial Times Deutschland, © Illustration: AP