@ Jonny
So. Ich hab jetzt endlich mal Zeit und Muse gefunden, dir etwas auf deine Einwände zu entgegnen.
Zur NATO:
Die Nato war von Anfang an ein defensives Militärbündnis. Zwar behielt man sich in Brüssel gegenüber der Sowjetunion das Recht eines nuklearen Erstschlages vor. Dieser sollte jedoch stets nur als Reaktion und unter der Bedingung eines alles überrollenden und nicht aufzuhaltenden Angriffs des Warschauer Paktes mit konventionellen, biologischen oder Chemischen Waffen erfolgen.
Die Nato-Strategie sah und sieht niemals einen präventiven Atomschlag ohne vormaligen Angriff vor.
Dementsprechend waren Konzeption und Aufstellung der Armeen stets defensiv. Dies war im wesentlichen folgenden Aspekten geschuldet:
a) Dem Expansionsstreben der Sowjetunion in Osteuropa seit 1945
Die Sowjetunion hat nach Ende des 2.Weltkrieges die Staaten Osteuropas systematisch unter ihre militärische Kontrolle gebracht. Besatzungstruppen verblieben nicht nur im besiegten Deutschland an Ort und Stelle. Die Souveränität vormals unabhängiger Staaten wurde von der UdSSR reihenweise durch militärische Besetzung verletzt und mißachtet. Folgende Staaten brachte die Sowjetunion ganz oder teilweise unter ihre Kontrolle:
- Lettland, Estland und Litauen
- Polen
- Ungarn
- Bulgarien
- Rumänien (teilweise)
- Albanien (teilweise)
- Tschechoslowakei
Die DDR als Sonderfall lassen wir hier einmal beiseite.
Darüber hinaus versuchte die Sowjetunion durch indirekte Unterstützung im griechischen Bürgerkrieg (1946-49), Griechenland unter ihre Kontrolle zu bekommen. Dieses Vorhaben scheiterte.
Mit dem Berlin-Ultimatum 1948/49 und dem Versuch, West-Berlin auszuhungern, versuchte die Sowjetunion die Westmächte dazu zu zwingen, ihre Besatzungstruppen von dort abzuziehen, um Berlin als Ganzes dem späteren Staatsgebiet der DDR und damit der sowjetischen Einflußsphäre einzuverleiben.
Aufstände bzw. Protestbewegungen in der DDR 1953, Ungarn 1956 und der CSSR 1968 (Prager Frühling) ließ die UdSSR jeweils mit militärischer Gewalt niederschlagen, um keinen Zweifel an ihrem Einflußbereich aufkommen zu lassen.
der Sowjetischen militärischen Offensivausrichtung
hierzu nur ein paar Beispiele:
- 1958 stationiert die UdSSR auf dem Gebiet der DDR sogar ohne Wissen der verbündeten NVA SS-3 Mittelstreckenraketen. Reichweite: Deutschland, GB, Frankreich. Italien. Die Einsatzbereitschaft ist 1959 hergestellt.
- 1962 stationiert die UdSSR auf Kuba 40.000 Mann sowie SS-4 Mittelstreckenraketen und bedroht die USA direkt (Kubakrise)
- Anfang der 80er Jahre bringt die UdSSR, diesmal auf eigenem Territorium, mehr als 350 Mittelstreckenraketen in Stellung und bedroht damit Mittel- und Westeuropa. Dies führt zum Nato-Doppelbeschluss und in der Bundesrepublik zum Sturz Helmut Schmidts, der sich für die Stationierung amerikanischer Pershing-Raketen zur Abwehr der Bedrohung eingesetzt hatte.
c) der räumlichen Größe/Weite der Warschauer Pakt-Staaten
Eine solche Landmasse ist von keiner Armee der Welt zu erobern, geschweige denn zu kontrollieren. Ein konventioneller Angriff ist hier reiner Irrsinn (Beispiele s.o.).
Die Bundeswehr war Teil des von der Nato ausgegebenen und bis 1991 gültigen Konzeptes der "Vorne-Verteidigung". Dieses Konzept beinhaltet, den Gegner in einem Gefechtsraum solange aufzuhalten, bis rückwärtig eine stabile Verteidigungslinie gebildet worden ist. Als Hauptgebiet dieses Defensivkonzeptes und damit als Schlachtfeld war die Bundesrepublik vorgesehen.
Die Bundeswehr war also niemals offensiv bzw. expansiv ausgerichtet, sondern nur zur Landesverteidigung gedacht. Dieser Umstand ist auch so im GG vorgesehen.
Zu deinem Einwand der "reinen Defensivrüstung": Dieser Einwand mag konstruktiv sein. Wie du aber selbst herausgearbeitet hast, macht dieses Prinzip nur dort Sinn, wo der Gegner keine Nuklearrüstung vornimmt.
Und zum Streitpunkt konventionelle Überlegenheit / Unterlegenheit:
Wann immer Russland / die Sowjetunion in der Geschichte militärisch angegriffen wurde, war das Land zerrüttet und in einem militärisch wie wirtschaftlich schlechten Zustand.
Die schlechte militärische Ausrüstung und sonstige Zustände konnten aber bei der Verteidigung stets von mehreren Aspekten ausgeglichen werden:
- dem fast unerschöpflichen Reservoir an Menschen und Material
- der räumlichen Weite
- der Opferbereitschaft bzw. der Opferkonzeption --> der einzelne zählt nichts, dem Sieg wird alles Untergeordnet.
- den harten klimatischen Bedingungen.
Im Fall eines Sowjetischen Angriffs auf Westeuropa wären zwei dieser Aspekte - räumliche Weite und hartes Klima - weggefallen, nicht aber die beiden anderen, ebenfalls sehr wesentlichen Aspekte. Diese hätten ausgereicht, um die europäischen Nato-Staaten militärisch rein zahlenmässig faktisch zu erdrücken - früher oder später.
Eine ebenso große Rolle hätte hierbei flankierend die hervorragend funktionierende Sowjetische Auslandsspionage gespielt, die den Westen erfolgreich bis auf höchste Ebene infiltriert hatte.
Bekannteste Beispiele: Günter Guillaume und Rainer Rupp ("Topas").
Nimmt man diese beiden Elemente zusammen, hätte die Nato im Bezug auf Mittel- und Westeuropa auch in einem rein konventionellen Krieg keinerlei Siegchance gehabt.
Aus diesen ausführlich geschilderten Gründen würde ich an meinem Standpunkt festhalten wollen. Ich hoffe, es war dir nicht zu viel Arbeit das alles durchzulesen
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