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Manipulation? Hannover - FCK

  • Ersteller Ersteller suYin
  • Erstellt am Erstellt am
Ein Artikel von 11Freunde.de



Die 15 Minuten Ruhm des Declan Hill

One Hit Wonder

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Anfang September veröffentliche Declan Hill »Sichere Siege«, ein Buch über Manipulation und Schiebung im Profifußball. Hill entfachte eine Medienhysterie sondergleichen. Nach einer Woche war der Spuk vorbei. Warum nur?



»Weil ich das Spiel liebe«, sagt Declan Hill, blickt wieder auf sein Rednerpult und versucht dabei, die perfekte Mimik für das zu finden, was im Privatfernsehuniversum »Betroffenheit« heißt – das Vera-Int-Veen-Gesicht. Kurz ist es still, aus dem »Off« müsste nun eine Stimme die Leidensodyssee des Declan Hill skizzieren, Streicher aus dem Hintergrund müssten sich ein Crescendo in ein bombastisches Inferno steigern; synthetisch und in Moll.







Doch da ist nur Hills Stimme, die mal lauter, mal leiser, mal von wilden Gestiken unterstützend, mal sinnierend sein Schreckensszenario nachzeichnet, eines, das bei der WM 2006 in Deutschland apokalyptische Formen anzunehmen schien. »Als ich bei dem Spiel Ghana gegen Brasilien auf der Tribüne saß, weinte ich«. Er blickt kurz vom Mikrofon in die Runde der Journalisten. Die roten Lämpchen der Kameras leuchten noch, die Stifte schreiben. »Ich weinte, weil meine Kindheit zu Ende war. Es war alles vorbei!«



An diesem 1. September, einem Montagnachmittag, inszeniert Declan Hill die Präsentation seines Buches »Sichere Siege«, eine populäre Version seiner Doktorarbeit, in der Berliner Akademie der Wissenschaften wie ein Theaterstück. Immer wieder zieht er farbige und knallende Sätze wie Fäden eines episodenhaften Drehbuches aus den Seiten heraus, und tippt mahnend auf das Cover, auf das der Verlag den Untertitel plakatierte: »Fußball und organisiertes Verbrechen oder wie Spiele manipuliert werden.«



Declan Hill wird zum Philip Marlowe



Die Medienhysterie war Hill gewiss. Sein Buch wurde schon am 29. August in der »Sportschau« angesprochen, ein Platz im »Spiegel« hatte er da bereits, bei »Beckmann« fand Hill ihn am Montag. Doch schon zu dem Zeitpunkt wurden Stimmen laut, Hill sei nichts weiter als ein Krimi gelungen – eine Art Unterweltthriller, mit Schiebern und Fädenziehern, solchen, die ganz oben sitzen und mit Geldscheinen wedeln und solchen, die am ausfransenden Rand der Gesellschaft taumeln, irgendwie auf den falschen Weg geratene Halbweltgestalten, Handlanger – bei Hill heißen sie »Runner«. Es ist alles fast wie bei Chandler oder Fauser. Hill wird zum Detektiv Philip Marlowe, er stemmt sich mit aller Kraft gegen eine Welt ohne Moral, ohne Grundsätze. Einzig: Er ist Marlowe in punkto Lässigkeit arg unterlegen.



Doch Fiktion ist hier nichts, sagt Hill schon während der Präsentation immer wieder. »Das ist keine Seifenoper. Das ist bitterer Ernst!« Und damit alles korrekt und glaubwürdig erscheint, gibt es einen 70-seitigen Appendix mit Verweisen und Anmerkungen. Die restlichen 330 Seiten seines Buches sind ertränkt in Indizien, Vermutungen, Ahnungen. Nicht mit Beweisen. Natürlich, die hätte er parat, beteuert Hill, doch würde er sie veröffentlichen, wäre sein Leben alsbald zu Ende. Und während die Worte verhallen, wiederholt er seinen Lieblingssatz: »Ich habe nie gesagt, dass Spiele verschoben werden.« Andere hätten es gesagt. Hill versteht sich als Medium, als eine Person, die die Schreckensnachricht weitergibt.



Hill sagt auch, er habe dieses Buch nicht geschrieben, weil er Geld damit verdienen wollte. Auch die Promo-Tingel-Tour durch Deutschland, die rote Krawatte bei der Präsentation, die goldene beim Plausch mit Reinhold Beckmann, Interviews mit »Spiegel« oder der »Frankfurter Rundschau« – all das mache er nicht, um berühmt zu werden, sondern: weil er es müsse. Dann schaut er wieder so wie am Anfang: betroffen. Und sagt: »Weil ich das Spiel liebe.«



Die Welt ist böse



Doch das Spiel mit den Medien ist nun vorbei. Vielleicht schneller als gedacht. Woran liegt das? Vielleicht daran, weil Hill später doch einige Interviewtranskriptionen und Tonbandaufnahmen auf seiner Internetseite veröffentlichte, die nichts wirklich beweisen konnten. Eher aber weil Hill selbst in diesem ganzen Medienspektakel zu unnahbar wirkte. Auch: unverstehbar. Einerseits redete er minutenlang in schablonisierten Sätzen, er wirkte wie ein ausgebuffter PR-Profi, wie der Student aus Oxford, wie jemand, der vor lauter Korrektheit kein Wort sagt, ohne dass es vorher von Dritten autorisiert worden wäre. Andererseits aber war Hill dieser kleine Schuljunge, der von seiner Lehrerin zum ersten Mal von Charles Darwin hört, der erfährt, dass doch alles ganz anders ist, bei dem plötzlich ein rosarotes Bild schwarz-weiß wird.



Nein, die Welt ist nicht so gut, wie sie am Gartenzaun aussieht. Und Hill ist so erschrocken davon, dass er das Gehörte sofort seinen Freunden mitteilt, später der ganzen Welt und vor allem Deutschland, all den anderen, die jedes Wochenende zum Fußball gingen, anfeuerten, im Glauben einem normalen, einem sauberen Spiel beizuwohnen, einem Spiel, das man seit Kindertagen kannte. Das schon immer da war – und nie hinterfragt wurde.



Doch leider waren all die anderen viel zu nüchtern, vielleicht auch zu wenig sensibel, um ihm zuzuhören. Die Romantik, der Glaube, dass alles mit rechten Dingen zugeht, war in Deutschland schon nach dem Bundesligaskandal der 70er, spätestens aber nach Hoyzer von der Realität eingeholt worden. Daneben die Bilder von sich rechtfertigenden Sportlern wie Ben Johnson und Jan Ullrich. Hills Buch reichte für einen kurzen Aufschrei im Pausenhof, für ein kurzes »Hast du schon gehört?« in der Kantine. Dann verpuffte alles. »Sichere Siege« verschwand aus der »Spiegel«-Bestsellerliste, aus den Kantinen, und am Stammtisch redeten sie eh stets von anderen – vielleicht wichtigeren – Dingen.



Hill erlebte Warhols 15 Minuten Ruhm – immerhin eine Woche lang.
 
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