Das Hirn schreit nach mehr
Wie Raucher süchtig werden - Warum die Abhängigkeit so außerordentlich stark ist
Von unserem Mitarbeiter Ulrich Kraft Viele Raucher würden gerne aufhören, den wenigsten gelingt es. Kein Wunder, denn Nikotin ist eines der stärksten bekannten Suchtgifte. Der Prozess, der zur Abhängigkeit führt ist tückisch und greift tief in Hirnvorgänge ein.
Politik ist oft ein langwieriges Geschäft, doch diesmal drücken die Abgeordneten mächtig aufs Tempo. Es geht um den Kampf gegen den blauen Dunst. Noch während der Sommerpause müsse die Bundesregierung mit den Arbeiten an einem konkreten Gesetzentwurf zum Nichtraucherschutz beginnen, forderte unlängst die drogenpolitische Sprecherin der Union, Maria Eichhorn. Spätestens 2007 soll das Rauchen am Arbeitsplatz und in öffentlichen Gebäuden gesetzlich verboten sein. Auch Kneipen- und Restaurantbesucher könnten bald wohl nur noch vor dem Lokal zur Zigarette greifen, denn die Initiative stößt fraktionsübergreifend auf breite Zustimmung.
Für 20 bis 22 Millionen Menschen in Deutschland wird sich dann einiges ändern, denn sie sind laut Mikrozensus 2005 regelmäßige Raucher. Ein Gutteil von ihnen würde allerdings auch ohne Gesetz darauf verzichten, aus freien Stücken, nicht nur im Büro und beim Lieblingsitaliener, sondern überall und für alle Zeiten. Fast jeder Dritte Raucher plant ernsthaft, den Glimmstängel an den Nagel zu hängen, viele versuchen es immer wieder, um mit ebenso schöner Regelmäßigkeit zu scheitern. „Nur drei bis sechs Prozent aller Aufhörwilligen sind nach einem Jahr noch abstinent", erzählt Anil Batra von der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen. Wie es dem großen Rest ergeht, beschrieb Mark Twain einst ebenso selbstironisch wie treffend. „Das Rauchen aufzuhören, ist die einfachste Sache der Welt. Ich weiß das, weil ich es schon Tausende Mal gemacht habe."
Chancen schlechter als bei Alkohol
Anders als zu Twains Zeiten weiß die Wissenschaft heute, warum es nur so wenigen Rauchern gelingt, sich dauerhaft vom Nikotin zu verabschieden. Denn das 1828 von zwei Heidelberger Studenten entdeckte Gift der Tabakpflanze (Nikotiniana tabacum) ist eines der wirksamsten bekannten Suchtmittel. „Nikotin erzeugt eine äußerst ausgeprägte Abhängigkeit", erklärt Falk Kiefer, Suchtmediziner am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Die Chancen, davon los zu kommen, sind schlechter als beim Alkohol."
Diese Erkenntnis hat zumindest unter Experten zu einem Umdenken geführt. „Früher galt Rauchen als schlechte Angewohnheit", so Anil Batra. „Tatsächlich handelt es sich aber eine Suchterkrankung, mit einem klaren hirnphysiologischen Hintergrund." Was nicht bedeutet, dass man sie nicht besiegen kann. Ein Drittel der Nikotin-Abhängigen schafft es bis zum 40. Geburtstag, dem Tabak zu entsagen. Außerdem wird der fatale Abhängigkeitsmechanismus, dem Raucher zum Opfer fallen, immer exakter verstanden. Daraus ergeben sich neue Behandlungsansätze. Zyban, die erste Nikotin-Entwöhnungspille, ist in Deutschland seit sechs Jahren auf dem Markt, ein etwas anders wirkendes Präparat wurde gerade in den USA zugelassen. „Weitere Medikamente werden kommen", sagt Batra, fügt aber gleich hinzu, dass Pillen allein das Problem nicht lösen. Wer aufhören will, muss es wirklich wollen, und auch bereit sein, einen langen, steinigen Weg zu gehen.
Bis nach einem tiefen Lungenzug die ersten Nikotinmoleküle das Gehirn erreichen, vergehen ganz sieben Sekunden. Dort docken sie an bestimmte Rezeptoren auf Nervenzellen an, was dann zur Ausschüttung einer ganzen Palette von Botenstoffen führt: Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Dopamin. Diese Neurotransmitter entfalten in den verschiedensten Bereichen des Zentralorgans ihre Wirkungen und vermitteln all jene Effekte, die der Raucher an der Zigarette so schätzt. Die erhöhte Konzentrationsfähigkeit, die Wachheit, das angenehme Gefühl der Entspannung.
Lernen, es immer wieder zu tun
Dreh- und Angelpunkt des „Nikotinflashs" ist das Belohnungssystem. Falk Kiefer spricht lieber vom motivationalen System, weil es generell die Motivation steuert, etwas zu tun oder nicht. „Das Gehirn beurteilt die Güte all unserer Handlungen", erklärt er. „Wenn ein Ereignis eine Aktivierung des Belohnungssystems bewirkt, wird es positiv bewertet." Eigentlich hat die Natur diesen neuronalen Schaltkreis ersonnen, um lebenswichtige Verhaltensweisen zu verstärken. Sex, gutes Essen, Begegnungen mit netten Menschen führen im so genannten Nucleus accumbens zur Ausschüttung von Dopamin. Mit dem starken Glücksgefühl, das dieser Botenstoff auslöst, werden wir für diese Handlung belohnt. Und bekommen Lust auf mehr, schließlich ist es in der Regel sinnvoll, solche positiv markierten Aktivitäten wie Fortpflanzung oder Nahrungsaufnahme zu wiederholen. „So lernen wir, dass wir etwas immer wieder tun sollten", sagt Kiefer.
Unglücklicherweise gibt es aber diverse pharmakologische Substanzen, die das motivationale System aktivieren und damit signalisieren: Hey, das war gut, noch einmal. Sie heißen Drogen und machen süchtig. Denn das Gehirn möchte mehr vom Glücksboten Dopamin und kann sich bestens daran erinnern, wie sich dieses Bedürfnis befriedigen lässt - zum Beispiel mit der nächsten Zigarette. Bleibt die Belohnung aus, machen sich Entzugserscheinungen breit, Spiegelbilder der angenehmen Nikotineffekte: Konzentrationsstörungen, Nervosität, ein Gefühl der Unausgeglichenheit, depressive Stimmung. „Anders als bei Heroin oder Alkohol sind das alles keine lebensbedrohlichen Symptome", meint Suchtexperte Anil Batra. „Trotzdem führen sie dazu, dass der Raucher wieder zur Zigarette greift."
Craving heißt dieses quälende Verlangen nach dem nächsten Kick, und allein der schiere Anblick eines qualmenden Mitmenschen genügt, um es zu wecken. So wiesen kanadische Forscher unlängst nach, dass Nikotinabhängige, die anderen beim Rauchen zusehen, durch diesen optischen Reiz bereits dann Lust auf die nächste Fluppe bekommen, wenn sie noch gar nicht unter objektiven Entzugserscheinungen leiden. Das von der Politik geforderte Rauchverbot könnte es also auch Aufhörwilligen erleichtern, der Versuchung zu widerstehen.
Einer Versuchung, die praktisch an jeder Ecke lauert. Abhängigkeit, egal von welcher Substanz, ist wie gesagt das Ergebnis eines durch das Belohnungssystem vermittelten Lernprozesses, der bei Nikotinsüchtigen aber extrem häufig induziert wird - nämlich mit jedem einzelnen Zug. „Wer täglich eine Schachtel raucht, mit zehn Inhalationen pro Zigarette, hat zweihundert Aktivierungen des Belohnungssystems und damit zweihundert Lernimpulse", erklärt Falk Kiefer. „Beim Alkohol verschwindet der Kick mit dem zweiten oder dritten Bier."
Die leidige Konsequenz: Rauchen ist deshalb mit zahlreichen Situationen aufs Engste verbunden, weil im Gehirn abgespeichert ist, dass die Zigarette einfach dazu gehört. Zum Entspannen, zum Kaffee, zum konzentrierten Arbeiten. Tausende Male hat der Nikotin-Junkie in einer bestimmten Situation, etwa in der Kneipe geraucht, und entsprechend tief hat sich das in seine Hirnwindungen eingegraben - in sein Suchtgedächtnis. Hört er mit dem Rauchen auf, ist der Kneipenbesuch irgendwie nicht mehr stimmig. „Das ist so, als ob es plötzlich an Weihnachten keinen Tannenbaum oder Sylvester kein Feuerwerk mehr gibt", beschreibt Kiefer das Problem. „Es fehlt einfach etwas."
Mit diesem Gefühl ist der Ex-Raucher bei verschiedensten Dingen konfrontiert, und jedes Mal wirft ihm sein Suchtgedächtnis schwere Steine in den Weg zur dauerhaften Abstinenz. Denn vor allem unter Stress kommt unbewusst die Erinnerung: Sonst hat sich diese Situation doch immer gut angefühlt, ich war entspannt?! Klar, da habe ich ja auch geraucht. Und schon verspürt er den Drang, den Nächstbesten um eine Zigarette anzuschnorren. „Der Suchtdruck kommt vor allem in der ersten Zeit nach dem Aufhören immer wieder, doch er geht auch weg, ohne zu rauchen", erklärt Anil Batra. „Zu lernen, dass der Impuls auch verschwindet, wenn man ihm nicht nachgibt, ist ein entscheidender Schritt."
Milliardenmarkt Entwöhnung
Die Pharmaindustrie forscht intensiv nach Möglichkeiten, in den verhängnisvollen Abhängigkeitsmechanismus einzugreifen und so Tabakjunkies dauerhaft von ihrer Sucht zu befreien. Wohl nicht nur aus purem Altruismus, denn angesichts der 1,3 Milliarden Erdenbürger, die weltweit dem Nikotin verfallen sind, winkt auch ein gigantischer Markt. Schweizer Wissenschaftler würden ihn gerne mit einem Impfstoff erobern. Sie haben Nikotinmoleküle so modifiziert, dass das Immunsystem entsprechende Antikörper produziert. Diese fangen dann den Suchtstoff im Blut ab. Wie erste Versuche am Menschen zeigen, funktioniert das Prinzip. Anil Batra bleibt dennoch skeptisch. „Die Nikotinzufuhr zum Gehirn wird zwar gesenkt, aber nicht auf null reduziert", erklärt er. „Ob der Raucher also nicht einfach mehr raucht, um sich doch den Kick zu verschaffen, ist noch völlig unklar."