Monopolgewinnorientiert = Keine Konkurrenz, sondern monopolistische Strukturen? Und daraus dann Gewinn machend?
Wichtig ist hierbei auch das Stichwort "Akkumulationsregime", welches aus der Regulationstheorie kommt (
http://de.wikipedia.org/wiki/Regulationstheoriehttp://de.wikipedia.org/wiki/Regulationstheorie). Hier ist einfach die Art und Weise gemeint, wie in der Volkswirtschaft eines Landes das meiste Kapital akkumuliert wird. Das können mehrere Gewinnformen sein, oder nur eine dominante. In Deutschland ist es durch den Export (v.a. Industriegüter) ein "Handelsgewinn", in Russland ist es durch Öl und Gas (hat nicht jeder, ist stark gefragt) ebenso ein "Monopolgewinn", wie in Ägypten die Einnahmen aus Tourismus und Suezkanal (Pyramiden und Abkürzung zwischen zwei Kontinenten hat auch nicht jeder).
Eine deutliche Dominanz von Monopolgewinn kann allerdings zur sogenannten "dutch disease" führen. Durch die hohen Gewinne, die in diesen Bereichen erzielt werden, kommt es a) zu inflationären Tendenzen (und in der Folge zu steigenden Zinsen), ohne Wachstum aller Sektoren, wodurch alle anderen Sektoren existentiell bedroht sind und
wird eine Stärkung aller anderen Sektoren (v.a. Industrie) für die Herrscher/Politiker nicht als kurzfristig interessant betrachtet.
Das bedeutet für Ägypten: Wenn der Tourismus boomt (die Einnahmen vom Suez-Kanal sind stabil), dann gelangen über diesen Weg viele Devisen ins Land, die Inflation steigt, die Zinsen werden erhöht, ein Wirtschaftswachstum in anderen Sektoren kommt nicht in Gang und wird weiter erschwert, die Arbeitslosigkeit steigt/stagniert.
Es wäre also wünschenswert, dass es Ziel der ägyptischen Wirtschaftspolitik ist, weitere Sektoren zu stärken, sodass diese auf einen Stand kommen, auf welchem sie sich selbst möglichst autark weiterentwickeln und wachsen können. Somit könnte die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus gebrochen und Arbeitsplätze geschaffen werden.
(Sorry, ich merk grad mal wieder, dass mein Bachelor nicht halb so gut war, wie deiner)
So ein Käse! Bei uns ist der Bereich IPE halt recht groß, wir haben gute Wahlmöglichkeiten und mich interessierts. Ich hatte zudem ein Seminar über verschiedene Kapitalismusformen mit Ägypten als einem Fallbeispiel (sonst USA, Deutschland, Schweden, Russland, China, Japan, Indien, Brasilien). Das sagt also mal rein gar nichts aus.
Was ist denn die vorherrschende Art zu wirtschaften? Meinst du damit Renten und Monopole?
Ne, damit meine ich eigentlich die Marktwirtschaft. Wobei es in Ägypten (ähnlich wie in Russland) keinen freien Markt gibt, sondern der Staat und die informellen Netzwerke der wirtschaftlichen Elite das Sagen haben - dies führt für ausländische Konzerne, die in das Land wollen, dazu, dass die "Reisekostenabrechnungen" massiv steigen.
Ich weiß nicht, wie sehr dieses "wasta" in der Gesellschaft verankert ist und über welche Mechanismus. Ist das geschichtlich bedingt oder ein kultureller Aspekt von Großfamilien oder kin-groups?
Ich denke mal, dass man das nicht voneinander trennen kann. Die Sache ist halt die, dass das ein Verhaltensmuster ist, was den kompletten gesellschaftlichen Alltag bestimmt und somit auch in die Wirtschaft "hineinragt" - allerdings wird dies zumeist ausschließlich aus Sicht der Wirtschaft betrachtet und im Sinne der Wirtschaft auf eben dieser Ebene zu beeinflussen versucht, was weder sinnvoll, noch effektiv ist. (Siehe auch die Anti-Korruptionsmaßnahmen in anderen Ländern.)
Natürlich sind solche Strukturen und Mechanismen nicht von heute auf morgen aufzubrechen. Jedoch sind sie auch nicht unüberwindbar, sondern in bestimmten Strukturen und unter bestimmten Gegebenheiten entstanden. Reziprozität ist ja nichts grundweg schlechtes.
Ich denke die Demonstranten sind gerade gegen diese Strukturen auf die Straße gegangen.
Ja, ich denke aber auch, dass dies ein zentrales Problem ist und sein wird. Einerseits ist "wasta" wertneutral zu sehen. Die Folgen aus diesem Verhaltensmuser werden allerdings entweder positiv (die berühmte arabische Gastfreundlichkeit/Herzlichkeit) oder negativ (Korruption/Vetternwirtschaft) bewertet. Man kann in meinen Augen nicht einfach so die negativen Aspekte abschaffen und damit Chancengleichheit und Aufstiegsperspektiven schaffen, ohne auch die positiven Aspekte zu beeinflussen und damit die kompletten gewachsenen Gesellschaftsstrukturen umzuwerfen. Das wird natürlich versucht werden, aber es dürfte sehr, sehr schwer werden.
Gerade, weil sie so sehr benachteiligt wurden. Ich sehe also durchaus eine Chance, dass, wenn wieder solche ausbeuterischen, ja marginalisierenden Strukturen entstehen, die Jugend wieder auf die Straße geht. Ich seh das Pendel da nicht in eine Richtung ausschlagen. Warum sollte da denn keine "sozialdemokratische" Partei entstehen? Gibt doch sicher ein paar Ägypter, die die Situation genauso gut analysieren können und Schlüsse für die Zukunft ziehen können und ein politisches Programm aufstellen können. Im Inneren seh ich also durchaus Potenzial für eine positive Entwicklung. Da könnte wirklich der entscheidende Schritt gemacht sein und sich der subjektive Faktor zum Positiven hin entwickelt haben.
Hier werden auch die deutschen Parteien (seltsamerweise
) eine wichtige Rolle spielen. Die politiknahen Stiftungen der deutschen Parteien gelten in Ägypten als exzellent verdrahtet - hier wird wohl jede Partei versuchen, ihr entsprechendes ägyptisches Pendant zu stärken. Was der Westen halt akzeptieren muss, ist eine recht starke islamistische Partei, die ernst zu nehmen ist, deren Rolle aber nicht überinterpretiert und deren Existenz vom Ausland nicht verteufelt werden darf. Ich denke, dann wird Ägypten durchaus seinen eigenen Weg gehen, oftmals auch im Westen anecken, aber keine Bedrohung für irgendjemanden darstellen.
Auf der anderen Seite steht natürlich ein riesen Militärapparat. Mächtig ohne Ende, auch ein großer Wirtschaftsakteur. Dieser Apparat müsste in irgendeiner Weise "entschädigt" werden bzw. seine Pfründe dürften nicht von jetzt auf gleich total abgebaut werden. Auf der anderen Seite weiß das Militär auch, was es verlieren kann, wenn es zu heftig reagiert und dem Demokratisierungsprozess im Wege stehen wird. Dann wird sich die Straße schnell gegen das Militär wenden. Das Militär muss auf Frieden im Land bauen, da seine Wirtschaftsunternehmen sonst auch keine Aufträge bekommen. Zumal das Militär durch Wehrpflicht und seine schiere Größe sehr stark in der Gesellschaft verwurzelt ist.
Das wird auch spannend zu beobachten sein. Die große Frage: Wird die USA auch jetzt noch Milliardenzuschüsse für Militärausgaben leisten? Ich glaube eher nicht. Das Militär ist eine institutionelle Größe und muss nun irgendwie einem Parlament "unterworfen" werden. Zu begrüßen wäre es natürlich, wenn sein Einfluss beschnitten werden könnte und seine Besitztümer in die Hand des Staates übergehen würden. Vielleicht könnte man dafür den "Hohen Militärrat" irgendwie in den Entscheidungsprozess einbinden. Eventuell könnte man Militärvertreter und hohe Geistliche gemeinsam mit Vertretern der Jugend als zahlenmäßig stärkste gesellschaftliche Gruppe gemeinsam in ein Aufsichtsorgan mit einer ähnlichen Rolle wie der Deutsche Bundesrat einbinden, welches das gewählte Parlament überwacht. Aber das ist reine unausgegorene Spekulation
Wie gesagt: Im Land seh ich das Pendel in keine Richtung ausschlagen.
Etwas pessimistischer bin ich da beim Einfluss von Außen. Etwas plump gesagt: Wenn die USA sich die Partei kaufen, die ihre außenpolitischen Interessen am besten umzusetzen verspricht, dann nützt auch jede vernünftige Partei im Land nichts.
Naja, der Deal von Mubarak in den 70ern war ja: Ich reagiere per Notstandsverordnung an der (formal-demokratischen) Verfassung vorbei, halte die gläubigeren Moslems klein, sorge dafür, dass von unserer Seite her die Sicherheit Israels gewahrt bleibt und dafür pfeift ihr auf eure sonst so gern vorgetragenen Lobgesänge auf Demokratie und Freiheit. Die USA haben auch schlaue Berater auf der wissenschaftlichen Ebene, die wissen, dass eine Unterdrückung nur zur Radikalisierung führen kann und dass ein offener Umgang sehr viel besser ist. Die Frage ist nur, wie die US-Politiker dies ihren Bürgern verkaufen. Wenn die Sicherheit Israels gewahrt bleibt, haben die USA keinen objektiven Grund, sich in die inneren Angelegenheiten Ägyptens einzumischen. Allerdings machen die USA eben so etwas auch oft genug ohne objektiven Grund... Also, abwarten und zuschauen.