DAS PROZESS-TAGEBUCH Friedrich im Rampenlicht
Mittagspause gestern im Prozess gegen die früheren Bosse auf dem Betzenberg. Ernst Misamer, der Verteidiger des Ex-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Friedrich, beschwert sich bei den Mitangeklagten und ihren Anwälten darüber, dass sein Mandant zum Alleinunterhalter im Gerichtssaal geworden ist. „Ich glaube, wir ändern die Sitzordnung. Der Atze kriegt ja alles ab", macht Misamer die anderen an. Nicht ganz ernst gemeint, wohlgemerkt. Jürgen Friedrich, der in der ersten von zwei Anklagebänken sitzt und überdies dem Gericht am nächsten, ficht es freilich nicht an, so ins Rampenlicht geraten zu sein wie in den Stunden zuvor. „Ich bin ja gut vorbereitet", strahlt er.
Friedrich weiß sich zu verkaufen. Aus seinen Worten vor Gericht strömt Selbstbewusstsein. „Ich kann Ihnen Aufklärung über alles geben. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet", sagt er. Das mit Tag und Nacht erinnert mich irgendwie. Genau, an Otto Rehhagel.
Es bringt nicht unbedingt neue Erkenntnisse, hat aber Unterhaltungswert, wenn Friedrich aus dem Nähkästchen plaudert, darüber, wie der Verein bei der Verpflichtung neuer Spieler vorgegangen ist. „Es gibt keine Norm bei Spielerverpflichtungen", erzählt er. Wichtig sei, ob er ein Gewinn für den Verein sei, ob er in das Budget des Vereins passe. „Das Wichtigste ist das Wunschprofil des Trainers", sagt er. „Herzog und ich - wir waren äußerst sparsame Leute", baut er falschen Eindrücken vor.
Gerne gibt Friedrich Einblick in die weite Welt des Fußballs. Mit den Spielervermittlern und den Repräsentanten von Firmen, die Persönlichkeits- und Werberechte von Spielern besitzen, mit den Verwandten der Spieler, die bei Verpflichtungen auch gerne mitmischen. Das Gericht schaut hinter die Kulissen einer schillernden Branche mit eigenen Gesetzen. So weit es Friedrich zulässt.
An Recht und Gesetz hätten sie sich immer gehalten, seien ordentliche Kauf- und Geschäftsleute gewesen. Friedrich präsentiert sich als jemand, der eine weiße Weste hat, der Opfer eines erfundenen Konstrukts geworden ist. Friedrich gibt sich als Ehrenmann. Leutselig, offen, erklärerisch, überzeugt. Und Professor Egon Müller, das Ohr des FCK auf der Pressebank, notiert fleißig.
Die Aufarbeitung der einzelnen Fälle, hinter denen die Anklage Steuerhinterziehung wittert, kostet Zeit. Etwa der Fall Jeff Strasser. Fast den ganzen Vormittag beschäftigt sich das Gericht mit dem Spieler, der 1999 vom FC Metz auf den Betzenberg kam, seinem Arbeitsvertrag - und dem besagten Vertrag über die Ablösung von Persönlichkeits- und Werberechten des Spielers mit der Londoner Firma Temara. Wert 400.000 Mark. Für die Staatsanwaltschaft ein klarer Fall von Lohnverschleierung und Steuerhinterziehung. So viel Aufmerksamkeit war dem Schlaks auf dem Rasen des Betzenbergs früher nicht zuteil geworden wie gestern vor den Schranken des Gerichts. Lief bei der Verpflichtung des Spielers alles sauber ab, wie Friedrich es sieht? Das Gericht sät Zweifel.
Der Fußballfan erfährt in dem Zusammenhang, dass Friedrich skeptisch war, was die Verpflichtung des Luxemburger Nationalspielers, heute im Trikot von Borussia Mönchengladbach, anbetrifft. Und dass es Otto Rehhagel war, der den Transfer des Spielers aus der französischen Liga eins auf den Betzenberg durchdrückte. Er sah Potenzial in ihm. Aber darauf kommt es vor der Wirtschaftsstrafkammer nicht an.
Zurück zur Mittagspause. Kaum hat das Verfahren den zweiten Verhandlungstag erreicht, wird auch schon darüber spekuliert, wie lange es dauern könnte. Der Anklagevertreter macht sich da schon seine (auch persönlichen) Gedanken. Und schließt durchaus in Erwägung, dass es in den Herbst hinein gehen könnte. Wenn"s in dem Tempo weitergeht und viele neue Zeugen dazu kommen. Ein Name, der gestern auf Seiten der Angeklagten fiel: Gerd Niebaum, der frühere BVB-Präsident, der über Vertragsgestaltung in der Praxis aussagen soll.
Und der neueste „Kicker" macht in der Mittagspause die Runde unter den Angeklagten und ihren Anwälten. Die Freude über eine kleine Ailton-Nachricht ist groß. Darin steht, dass dem brasilianischen Enfant terrible ein persönlicher Betreuer für seine Auftritte außerhalb des Platzes, unter anderem für die PR-Arbeit, zugewiesen wurde. Von Rogon, einer Agentur des Spielervermittlers Roger Wittmann. Welch ein Zufall!
Quelle:RON