Zähne zeigen und drin bleiben
Der 1. FC Kaiserslautern baut auf die unverbrauchte Kraft des Cheftrainer-Novizen Michael Henke
VON JAN CHRISTIAN MÜLLER (KAISERSLAUTERN)
In der Kaiserslauterer Fußgängerzone spielt ein Musikant auf seiner Klarinette traurige Weisen. Im Gewerbemuseum läuft die Ausstellung "Der Glanz der Gründerzeit". In der alten Spinnerei Kammgarn, einem imposanten Backsteinbau, der jetzt ein Kulturzentrum beherbergt, sitzt der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern, René C. Jäggi, trinkt ein eiskaltes Radler und sagt: "Ich bin sehr, sehr optimistisch." Es ist nicht leicht, in einer gebeutelten Stadt wie Kaiserslautern Zuversicht zu verbreiten, das Gewerbemuseum schafft das nicht und der 1. FCK seit Jahren erst recht nicht. Dafür ist zu viel kaputt gegangen in den ruhelosen vergangenen Jahren, in denen rund 65 Millionen Euro Verbindlichkeiten angehäuft wurden, die durch den Steuerzahler beglichen wurden. Um die Schuld der einstigen Verantwortlichen um Vorstandschef Friedrich, Aufsichtsrat Wieschemann und Geschäftsführer Herzog kümmern sich derzeit Richter und Staatsanwalt, um die Zukunft des Traditionsvereins vom Betzenberg der mächtige Nachfolger Jäggi, ein gewiefter Rhetoriker - und ein konsequenter Sanierer.
Genau 14,5 Millionen Euro stehen für das Personal der Profiabteilung lediglich zur Verfügung. Das ist im Bundesligavergleich unterer Durchschnitt. 1,5 Millionen Euro wird Jäggi im Herbst als Gewinn aus dem vergangenen Geschäftsjahr vermelden, "und wir wollen auch in dieser Saison wieder Geld verdienen", sagt der Schweizer. In Michael Henke, dem ewigen Co-Trainer von Ottmar Hitzfeld, glaubt Jäggi den Mann gefunden zu haben, der bereit ist, den schwierigen Spagat schmerzfrei zu überstehen: gerade genug Punkte zu holen, um den Abstieg zu vermeiden, um finanziell wieder fest auf dem Boden zu stehen und ein paar Millionen Euro für schwere Zeiten beiseite legen zu können.
Der zunächst nur per Handschlag verpflichtete Henke, der erst vorgestern seinen Vertrag unterschrieb, hat mit seiner frischen, unverbrauchten Art seit dem ersten Training am 27. Juni enorme Pluspunkte gesammelt. Jäggi erinnert sich an viele kritische Stimmen, die lieber die alten Kameraden Toppmöller, Labbadia oder Kuntz auf der Bank gesehen hätten. Diese Stimmen seien verstummt. Er lobt Henke fast überschwänglich: "Er ist hungrig, er will, er hat nicht dieses Ausgelutschte, er ist nicht Teil des Wanderzirkus'." Und: Der ehemalige Wattenscheider Zweitligaprofi Henke arbeitet, ähnlich wie Bundestrainer Jürgen Klinsmann, mit modernsten Methoden. Mittelfeldspieler Stefan Blank hat "Muskeln gespürt, die ich gar nicht kannte" und den Eindruck gewonnen, als sei Henke "schon immer Cheftrainer gewesen".
Der 48-jährige Trainer, in Dortmund und München anderthalb Jahrzehnte lang das Leben im Luxus gewöhnt, will sich den bescheidenen Verhältnissen anpassen. Zumal die Rahmenbedingungen beim FCK "absolut professionell" seien, "da stelle ich keinen großen Unterschied zu München oder Dortmund fest". Personell, räumt Henke ein, "kann ich nicht aus dem Vollen schöpfen".
Freudige Gesichter
Ein Beispiel: Für den zu Eintracht Frankfurt entfleuchten Ioannis Amanatidis, für den der 1. FCK eine bei Frankfurter Erfolgen noch erheblich höhere Ablöse erhält, kommt der weitgehend unbekannte Boubacar Sanogo, ein Stürmer von der Elfenbeinküste, der verrückte Dinge drauf haben soll, aber noch erheblichen Trainingsrückstand aufweist. Im offensiven Mittelfeld baut Henke auf den in der vergangenen Saison bei Arminia Bielefeld torlosen Ex-Frankfurter Ervin Skela. In der Abwehr auf den im gerichtlichen Streit von Borussia Mönchengladbach geschiedenen Deutsch-Brasilianer Marcelo Pletsch. "Wichtig", sagt der Trainer, "ist das Wie: Die Leute dürfen nicht nur erwartungsfroh den Berg hinauf gehen, sondern sollen auch mit freudigen Gesichtern wieder runterlaufen." Und am Saisonende den Klassenerhalt feiern. Das wäre ein Erfolg. "Keiner weiß, wo wir stehen", räumt Teammanager Olaf Marschall ehrlich ein. "Im vergangenen Jahr hatten wir hier eine Aufbruchstimmung. Dieses Jahr ist es viel gedämpfter." Irgendwo zwischen Straßenmusikanten und Gründerzeit.
frankfurter rundschau