Ich lese eigentlich ausschließlich Thriller, am liebsten mit realistischem Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen/politischen Themen, aber auch mal ganz gerne Psychothriller.
Von Katzenbach habe ich auch 7 Titel (Patient, Opfer, Rätsel, Anstalt, Fotograf, Täter, Rache) - ich finde sie immer sehr spannend, aber die Charaktere der Nebenfiguren erscheinen mir immer recht lieblos und oberflächlich skizziert. Ist irgendwann dann auch nichts mehr überraschendes mehr...
Von Scott Sigler habe ich jetzt zwei Bücher gelesen, "EarthCore" und "Virulent" - einmal Aliens, die sich heimlich unter einem Berg eingenistet haben und versuchen zu überleben, und einmal Aliens, die die Menschen zu Zombies machen wollen. "Virulent" hat mir persönlich besser gefallen, die Geschichte ist in Bezug auf die Auswirkungen auf eine komplette Gesellschaft (USA) sehr viel ausgereifter, als die total abgeschirmte Story von "EartCore". Aliens sind aber eher nicht so mein Fall, werde mir von daher wohl keinen Sigler mehr holen.
Sehr gut finde ich den Smoky-Barrett-Zyklus (ich habe: Das Böse in uns, Der Todeskünstler, Die Blutlinie und Ausgelöscht) von Cody MacFadyen - FBI-Agentin mit Team kämpft gegen die Abgründe der menschlichen Psyche. Sehr viel Dramaturgie, sehr viel Blut - für mich irgendwie entspannend und wirklich leicht durchzulesen. Die Charaktere sind sehr gut und detailliert ausgearbeitet und man kann sich sehr gut in jeden Einzelnen hineinversetzen - ob Täter, Opfer oder Ermittler (zumal es hier keine klaren Abgrenzungen gibt, was diese Reihe für mich sehr angenehm von den üblichen Stereotypen von "Gut" und "Böse" abgrenzt).
Eine interessante Bandbreite hat Scott McBain: In "Die Geheimloge" geht es um die tröstende Vorstellung, dass eine geheime Institution im Hintergrund versucht, die Geschicke der Menschheit in die "richtigen" Bahnen zu leiten. Hier fehlt mir zwar etwas die Selbstreflexion der Institution selber - von Legitimität braucht man gar nicht reden - aber wenn man das ausblenden kann, kommt man auf seine Kosten. Es wird ein neuer Leiter dieser Institution gesucht und verschiedene Bewerber stehen auf dem Prüfstand: Es geht nicht um die oberflächlichen Fragen "Was ist richtig, was falsch?" Welcher Standpunkt und welche Hintergründe und welcher soziokulturelle Habitus führen bei den Probanden zu ihren Entscheidungen? Wie ist ihr Verhältnis zu Macht? Macht spielt eine zentrale Frage in diesem Buch. Hat man es eher mit "Der Fürst" von Macchiavelli (also ein amoralisches Verhältnis zur Macht)? Oder doch eher mit "Discorsi" eine eher normative Vorstellung von Macht? Dieses Buch steuert jedenfalls mit seinen verschiedenen Handlungssträngen über die Entwicklung der möglichen Führer der Menschheitsgeschicke auf ein fulminantes und verdrehtes Ende hin - auch mit reichlich Action. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher.
In "Das Nemesis-Spiel" macht McBain auf Bruce Willis: Ein Mann verliert durch ein Verbrechen seine Familie - und will Rache! Die Story an sich ist banal, also spielen die zahlreichen Details und Nebenhandlungen eine umso bedeutendere Rolle. Zentrale Fragen drehen sich auch um Identität - was braucht ein Mensch eigentlich, um wirkliches und ehrliches Glück zu empfinden? Was lenkt eher davon ab und führt zu einem oberflächlichen und unechten Glücksempfinden? Nebenbei lernt man noch viel über die Toxikologie zahlreicher exotischer Tierarten...
"Der Mastercode" ist hingegen eine klassische Dystopie - jeder Mensch wird auf seine individuelle Kreditwürdigkeit reduziert, die jeder immer einsehen kann. Die unteren Ränge können nur überleben, wenn sie sich und ihre Arbeit verkaufen und versuchen, in die oberen Ränge aufzusteigen. Die oberen Ränge schotten sich immer mehr von den "Sklaven" ab und nehmen dabei immer mehr Raum ein. Gleichzeitig wird durch politische Intrigen versucht, das System als alleinige Organisationsform der Gesellschaft über den kompletten Globus auszudehnen, Demokratie und souveräne Staaten sollen abgeschafft werden - allerdings gibt es eine Schwachstelle. Bei der technischen Umsetzung dieser "Kreditdiktatur" wurde im zu Grunde liegenden Code (Mastercode) ein Notausgang eingebaut - Gegner und Befürworter liefern sich auf der Suche nach diesem letzten Schlüssel einen heißen Wettlauf...
Sehr gerne lese ich auch die Bücher von Andreas Eschbach und Frank Schätzing, die aufgrund ihrer detailliert recherchierten wissenschaftlichen Basis brillieren.
"Der Schwarm" und "Limit" sind ja ausreichend gehyped worden - berechtigterweise, auch wenn ich von Limit doch etwas enttäuscht war.
Von Eschbach ist "Eine Billion Dollar" die Bibel schlechthin für kapitalismuskritische Geister. In diesem Buch wird aufgezeigt, wohin die derzeitige, auf Zinseszins beruhende Art der Kapitalallokation zwangsläufig hinsteuert, wenn nicht entsprechend eingegriffen wird. Dank einem sehr alten Testament der Fugger erbt ein junger Mann auf einmal ein Vermögen von über einer Billion Dollar - zunächst genießt er sein Leben, doch schon bald möchte er Gutes tun mit seinem Vermögen - doch irgendwie steht ihm immer jemand dabei im Weg...
"Ausgebrannt" zeigt ein Worst-Case-Szenario der Übergangszeit bei Versiegen der meisten Ölquellen an. Eine Zeit die kommen wird, aber vor der die meisten Menschen ihre Augen verschließen und mit deren Folgen sich derzeit niemand so wirklich beschäftigen möchte... Das Buch weist neben dem Hautstrang mehrere Nebenstränge auf, die mehr oder minder locker mit dem Hauptstrang zusammen hängen, sich aber alle um das Verhältnis der handelnden Personen zu Erdöl drehen. Interessantes unnützes Wissen: In Österreich wurde tatsächlich in sehr kleinem Rahmen Erdöl gefunden...
"Ein König für Deutschland" passt hervorragend in die Diskussion über politische Eliten, nicht nur in Bezug auf Guttenberg und Wulff. Eigentlich geht es um IT-Sicherheit und die Manipulierbarkeit von Wahlautomaten. Gleichzeitig geht es um die Sehnsucht der Deutschen nach Führungspersonen, denen sie blind vertrauen und zu denen sie aufblicken können möchten. Zusammen ergibt das eine spannende Geschichte über einen Mann, der sich sein Leben wohl deutlich anders vorgestellt hat... Ein Zusammenprall von Chaos-Computer-Club, Illusionisten, dem menschlichen Streben nach Macht und das Ersehnen der Abgabe von Verantwortung über das eigene Leben.
Ein super Geheimtipp ist in meinen Augen Cory Doctorow und "Little Brother": Nach einem Terrorakt in San Francisco werden alle in der Nähe befindlichen Menschen von der US-Heimatschutzbehörde festgenommen und teilweise monatelang festgehalten. Eine Gruppe betroffener Jugendlicher, die sich wieder in Freiheit befindet, will sich rächen und die Gefangenen befreien - ein ungleicher Kampf voller technischer Feinheiten (von xnet über onionrouter...) beginnt. Dieses Buch zeigt auf Grundlage realer Gesetze auf, was passieren kann, wenn das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit sich zu deutlich einem Extrem (hier der Sicherheit) annähert. Ein Buch über ein geregeltes Zusammenleben in einer Gesellschaft - über Datenschutz, massiver Überwachung, Gesetzlosigkeit der Strafverfolgungsbehörden und Widerstand. Ein must-read nicht nur für alle Sympathisanten und Anhänger der Ideale der Piratenpartei!