<span>Mit einem Bein im Leben stehen</span>
Mit 21 hat Wojtek Czyz nach einem tragischen Unfall beim Fußball Knie und Unterschenkel durch Amputation verloren. Als Leichtathlet schreibt der Sportstudent vom 1. FC Kaiserslautern vergoldete Kapitel deutscher Sportgeschichte. Durch vier Goldmedaillen bei den Paralympics ist er zum Vorbild geworden.
Von Horst Konzok
15. September 2001, etwa 16.35 Uhr: Wojtek Czyz wird im Verbandsligaspiel des VfR Grünstadt gegen den SV Niederauerbach schwer verletzt. Im Knie geht kaputt, was nur kaputt gehen kann. Arterie und Vene sind zerfetzt - der Unterschenkel wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Für den 21-Jährigen beginnt eine dramatische Irrfahrt durch drei Kliniken. Es ist nach Mitternacht, als der talentierte Fußballer in Homburg endlich operiert wird. Zu spät!
Czyz wird Tage später in die Uni-Klinik Mainz verlegt - Unterschenkel und Knie des rechten Beins müssen amputiert werden. „Hätte man mich innerhalb von sechs Stunden operiert, ich hätte mein Bein nicht verloren", sagt Wojtek Czyz ebenso nüchtern wie bitter, als er sich im Herbst 2001 in der Fachklinik Ichenhausen dem neuen Leben stellt. Dem Leben mit der Prothese. Er lernt mit ihr zu gehen - und macht einer alten Dame in der Reha Mut, die sich schwer tut, sich mit der Prothese zu bewegen.
Als Czyz die Klinik verlässt, geht er in eine ungewisse Zukunft. Körperlich ist er gestärkt, doch das seelische Gleichgewicht ist noch nicht wieder erlangt. „Ich habe Angst vor den Blicken ...", gesteht der junge Mann. Und wird schon bald offen über sein Schicksal sprechen - und Schicksalsgefährten durch seine Tatkraft ermutigen. Er wird durch seine Erfolge als Leichtathlet rasch zu einem Botschafter des Behindertensports, den er nicht so nennen mag: „Wir sind Sportler mit Handicap."
„Mit einem Bein im Leben stehen", sagt Czyz, als er sein zweites Leben zu leben beginnt. Seit der Reha in Ichenhausen hat er ein Vorbild, das ihm Mut macht: Roberto Simonazzi, sein Therapeut. Auch der ist amputiert - und Paralympics-Sieger.
Mit der Amputation ist für Czyz der Traum, Fußball-Profi zu werden, gestorben. „Ich dachte, ich springe aus dem Fenster ...' Verzweiflung. Schmerzen. Angst. Trauer. Tränen. Panik. Die Gefühle sorgen für Gedankensalat. Alle nur erdenklichen Wege münden in einer tiefen, schwarzen Sackgasse der Ausweglosigkeit. Die Ampel der Hoffnung steht scheinbar 24 Stunden auf Rot. Aber da war die damalige Freundin: Jenny gab Kraft. Da war der Grünstadter VfR-Trainer Günter Krist, Czyz" ehemalige Trainer Dieter Kitzmann und Michael Serr. Freunde in der Not, die neuen Mut machten. Freunde fürs Leben.
„Ich habe den Torwart gefragt. Warum hast Du das gemacht? Du hast mir alles kaputt gemacht ...' Der Torhüter hat nicht geantwortet, er hat sich bis heute nicht entschuldigt. Das brutale Foul, die tragischen Folgen, haben Wojtek Czyz tief erschüttert, sein Leben auf den Kopf gestellt, ihm seinen größten Traum geraubt. Er wollte Fußball-Profi werden. Vier Tage vor seinem dramatischen Unfall hatte er einen Vertrag beim damaligen Drittligisten Fortuna Köln unterschrieben, Torhüter Tim Wiese beim Probetraining frech getunnelt. „Wojtek hätte es im Fußball schaffen können', urteilt Uwe Fuchs, damals Fortunen-Trainer, heute Coach des Drittligisten Wuppertaler SV.
Wojtek Czyz aber lernt schnell, die Realität anzunehmen. Er akzeptiert das hier und heute. Er verfolgt neue Ziele - im Sport und im richtigen Leben. Er schöpft Mut für den langen Weg zu den Paralympics 2004, den er schnell gehen muss. Er hat knapp drei Jahre, um vom Fußballer zum Leichtathleten zu werden.
Beseelt vom Willen, es zu schaffen, beginnt er eisern zu trainieren. Sein sportliches Talent erleichtert den Umstieg. Czyz ist schnell erfolgreich: 100 m, 200 m, Weitsprung.
Am 18. Mai 2002 bestreitet der 1. FC Kaiserslautern ein Benefizspiel für Czyz - 50.000 Mark werden eingespielt, die spezielle Sportprothese so finanziert. Die Aktion sieht Czyz auch als Verpflichtung, mit Leistung Dank zu sagen. Und später selbst zu helfen. Seine Erfolge geben auch anderen, die sein Schicksal teilen, Hoffnung. Peter Schlegel, der einstige Fußballtrainer aus Haßloch, beispielsweise orientierte sich an Czyz.
Wojtek Czyz studiert an der Sporthochschule Köln. Er findet dort ideale Bedingungen und in Norbert Stein einen Trainer, der zum väterlichen Freund wird. Zunächst startet der Kaiserslauterer für den TV Wattenscheid, inzwischen ist der 28-Jährige für den 1. FC Kaiserslautern aktiv. Ein Traum erfüllt sich - wenn auch anders, als erhofft: „Ich habe immer davon geträumt, für den FCK zu spielen Dass ich jetzt das FCK-Trikot trage, ist zusätzliche Motivation. Und es macht mich stolz."
Dreimal Gold bei den Paralympics in Athen 2004, Gold im Weitsprung 2008 in Peking - trotz der Verletzungen und des Pfeifferschen Drüsenfiebers im Vorfeld. Mit angebrochenem Mittelfuß springt Czyz in Peking zu Gold - 6,50 Meter - Weltrekord!
„Denke nicht an das, was du warst, sondern an das, was du bist und zu sein dich sehnst." Der Leitsatz für große Sprünge. Bis 2012, bis zu den Paralympics in London, will Czyz, der seinen Vertrag beim FCK um vier Jahr verlängerte, aktiv (und erfolgreich) bleiben. Ein Weg, ein Ziel.
Wojtek Czyz - als Sportler ein Vorbild. Wojtek Czyz - als Mensch mit Handicap für viele andere ein Beispiel, ein schweres Schicksal anzunehmen. Und es mutig zu meistern.
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Pfälzer Tageblatt - Ausgabe Weinstraße
Ausgabe: Nr.65
Datum: Mittwoch, den 18. März 2009
Seite: Nr.8