Nein ich will nichts vergleichen. Mir geht es nur darum, was kann getan werden und wurde anderweitig, von anderen getan.
Der große Unterschied ist in meinen Augen in der Struktur der Gesamtheit der Fangemeinde zu suchen. Ohne jetzt ausschließen zu wollen, dass es bei euch genug friedliche, am Fußball interessierte Leute gibt, ist mein ganz persönlicher Eindruck, dass bei euch zwar nur eine Minderheit von wenigen hundert Mann tatsächlich draufhaut, aber die große Mehrheit derjenigen, die nicht mitkloppen, dieses mehr oder weniger offen toleriert bzw. begrüßt.
Und hier sind wir an dem Punkt: Es fehlt die Sozialkontrolle. Diese ist bei uns vorhanden. Wenn es bei unseren Heimspielen im Block untereinander zu vereinzelten Kloppereien kommt - ich stand schon mehr als einmal in direkter Nachbarschaft - dann greifen in der Regel Selbstreinigungsmechanismen und solche Leute werden sofort an die Ordner übergeben, und zwar meistens unter dem Beifall der Umstehenden ("jawoll, raus mittem!" etc.). Diese Sozialkontrolle funktioniert auswärts zwar leider weniger, weil da das Zahlenverhältnis zwischen Normalos und "erlebnis-orientierten" natürlich anders ist, aber die ganz große Mehrheit unserer aktiven Fans lehnt Gewaltanwendung strikt ab.
Das bringt auch einen weiteren positiven Effekt mit sich: Mit größerer Sozialkontrolle und Selbstreinigungsbereitschaft steigt das Sicherheitsgefühl der Zuschauer, ergo kommt dann in der Zusammensetzung auch ein anderes Publikum und nicht fast ausschließlich Männer und kahlrasierter Kleiderschränke. Das Publikum in unserer Kurve ist bunt gemischt, von 8-80 ist alles dabei, Frauenanteil ein gutes Drittel würd ich mal vermuten.
Aber das funktioniert alles nur, weil eben die ganz große Mehrheit Gewalt ablehnt. Gewalt in solchen Ausmaßen wie am Samstag wird erst möglich, wenn sie begünstigt und aktiv gefördert wird - und unter Förderung ist auch ein Beifall-Klatschen und gesangliche Unterstützung der Schläger zu sehen. Aber das auszumerzen wird bei euch sehr schwer werden.
Erstens ist das ein jahre- , wenn nicht jahrzehntelanger Prozess und zweitens stellt sich die Frage, ob es bei euch im Verein genügend Leute gibt, die ein Interesse dran haben, sich wirklich davon abzuwenden. Bislang scheinen es mehr oder weniger nur Lippenbekenntnisse gewesen zu sein. Ehemalige Hooligans würden beim FCK z.B. niemals Fanbeauftragter werden, auch wenns 20 oder 30 Jahre her ist. Da liegt auch in den Vereinsstrukturen bei euch einiges im Argen. Und da müsst ihr an die Wurzel ran.
Wie schonmal gesagt: Ich würde an eurer Stelle in der Kreisliga nochmal von ganz vorne anfangen. Sportlich habt ihr genug Qualität in eurer Jugendarbeit, dass ihr in 5-10 Jahren wieder da seid, wo ihr heute (noch) steht. Wenn ihr Geduld habt und es ernst meint, klappt das auch. Aber nur dann. Und ob's vielleicht dafür schon zu spät ist, kann man aus der Entfernung nicht beurteilen.
So long.