Aus dem Hamburger Abendblatt
Sturmflaute stärkt die Gegner
Angriffsschwäche: 0:2 in Bukarest offenbarte bekannte Missstände. Doll ist enttäuscht von Barbarez - Ailtons Einsatzchancen steigen.
Von Christian Pletz
Hamburg -
Da stand er nun, gestikulierte, schnalzte mit der Zunge und versuchte in gebrochenem Deutsch sein Comeback für das Heimspiel am Sonntag (17.30 Uhr, AOL-Arena) gegen den 1. FC Kaiserslautern anzukündigen. "Ich bin fit, habe sogar Kopfballtraining problemlos mitgemacht", sagte Ailton nach dem Training, "ich habe keine Angst mehr und werde mit dem Trainer reden. Aber klar ist, daß ich der Mannschaft möglichst schnell helfen will."
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Worte, die bei den HSV-Fans Hoffnungen wecken. Bezeichnend, daß die einstigen Fan-Lieblinge Benjamin Lauth sowie die in Bukarest enttäuschenden Angreifer Naohiro Takahara und Sergej Barbarez nach dem Training unbeachtet ihren Heimweg im Schnee antreten konnten. 177 brasilianische Zentimeter hatten ihnen die Show gestohlen - und trotz der zwei Monate Verletzungspause nach seinem Kieferbruch wird Ailton (aus der Not heraus) zum Rettungsanker für die schwache HSV-Offensive.
"Ja, wir haben schon die ganze Rückrunde Offensivprobleme, aber das betrifft nicht allein die Stürmer. Uns fehlt einfach die Kreativität", versuchen sich Guy Demel und auch Piotr Trochowski in Ehrrettung ihrer Kollegen. Mittelfeldmann Raphael Wicky ergänzt: "Wir haben immer sehr viel Ballbesitz, aber kaum Chancen und Abschlüsse, das ist unser Manko. Wir spielen bis 35 Meter vor dem gegnerischen Tor guten Fußball, dann hört es auf. Natürlich erwartet man in erster Linie von Torjägern Tore, aber uns im Mittelfeld betrifft das nicht minder."
Die Mannschaft zeigt weiter Zusammenhalt. Das Defizit, das beim 0:2 in Bukarest vor im Schnitt 640 000 TV-Zuschauern auf N 3 (Marktanteil 23,2 Prozent) besonders auffiel, können aber auch die loyalsten Teamkollegen nicht kleinreden. Den HSV plagt eine extreme Sturmflaute. Die hat Ausmaße angenommen, daß sie sogar Gegner stärkt. "In Bukarest lief es gut an", analysierte Thomas Doll treffend, "aber irgendwann war der Respekt der Verteidiger weg, weil wir zuwenig gemacht haben."
Zu oft litten die gegnerischen Verteidigungsreihen zuletzt unter mangelnder Beschäftigung. In Strafraumnähe fehlten dem HSV in Rumänien die Ideen, Durchsetzungsfähigkeit und Überraschungsmomente.
Im Mittelpunkt der Kritik steht Sergej Barbarez, seit Wochen Torjäger außer Dienst. Der Bosnier fiel in Bukarest nicht mal mehr durch abfällige Gesten auf, sondern einzig durch verlorene Zweikämpfe, mangelnde Laufbereitschaft und zu späte Abspiele.
Doll wechselte ihn ebenso wie Trochowski schon zur Pause aus und sagte: "Wenn man jemanden zur Halbzeit auswechselt, ist es klar, daß man nicht zufrieden mit ihm ist - vor allem wenn man weiß, daß er mehr kann."
Ob Barbarez nun erstmals aus der Anfangself gestrichen wird, ist fraglich. "Ich halte mir die Aufstellung offen", sagt Doll, der wie gewohnt auf eine "Reaktion am Sonntag" setzt.
Daß der Trainer nicht rigoros durchgreift und seinem formschwachen Stürmer mal eine Verschnaufpause gönnt, liegt an den fehlenden Alternativen. Klar, Ailton sehnt seine Rückkehr herbei. Aber die anderen Stürmer (Benny Lauth, Takahara, Kucukovic) strahlten zuletzt alles andere als Torgefahr aus. Und am Mittwoch im Rückspiel gegen Rapid Bukarest müssen mindestens drei Tore für ein Weiterkommen her. Ailton ist gesperrt.
erschienen am 11. März 2006