Einsatz am Polarkreis
Der malaysische Betrüger Lim verdiente auch an einer Partie der deutschen Nationalelf. Hat er sogar mal einen Spieler in eine finnische Mannschaft eingeschleust?
Es klang nach Entwarnung, was in dem Prüfbericht stand. Das Wettüberwachungsunternehmen Sportradar meldete Anfang voriger Woche der Deutschen Fußball-Liga (DFL), weder bei der Zweitliga-Partie Karlsruher SC gegen Sportfreunde Siegen im August 2005 noch bei dem Bundesliga-Spiel Hannover 96 gegen den 1. FC Kaiserslautern knapp vier Monate später habe es Hinweise auf Betrügereien gegeben.
Die Suche nach auffälligen Wettverläufen war ein Auftrag der DFL, die sich nach Enthüllungen über die Aktivitäten des verurteilten malaysischen Wettbetrügers William Bee Wah Lim (SPIEGEL 36/2008) alarmiert zeigte. Dass Sportradar nichts auffiel, konnte freilich niemanden überraschen. Lim plazierte seine Millionen bei illegalen Buchmachern in Asien, und deren Treiben wird von den europäischen Sicherungssystemen schlicht nicht erfasst.
Dass Lim im Dezember 2005 überhaupt ins Visier der Ermittler geriet, war Zufall. Aufgeflogen war einer seiner Mittelsmänner, der einen Regionalliga-Spieler zur Manipulation anstiften wollte, und das Landeskriminalamt Hessen begann die Observation. Bis dahin konnte Lim rund um Europas Fußballplätze offensichtlich tun, was er wollte, das jedenfalls legen die Protokolle seiner Wetten nahe.
Am 1. September 2005, einem Donnerstag, interessierte sich Lim vor allem für die erste finnische Liga. Dort spielte Tabellenführer MyPa Anjalankoski gegen Rovaniemi PS, eine Mannschaft aus Lappland und Vorletzter in der Tabelle. Es war ein lauer Abend, im Stadion waren 2268 Zuschauer.
Lim saß in Baden-Baden vor seinem Computer und wettete auf eine hohe Niederlage Rovaniemis. Bis zu seiner Verhaftung im März 2006 setzte der Profizocker auf kein anderes Spiel mehr Geld.
Via Internet hielt er Kontakt zu zwei Agenten in Asien, die seine Wetten bei Buchmachern in Vietnam, Taiwan, Malaysia oder Hongkong plazierten. Der eine nannte sich "HUI". Über ihn setzte Lim 4,05 Millionen Euro auf eine Niederlage mit drei Toren Unterschied.
Über seinen Agenten "huat988" in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur plazierte Lim knapp 1,7 Millionen Euro, einen Großteil davon auf eine Niederlage mit vier Toren Unterschied.
Rovaniemi verlor 1:5. Kurz vor dem Schlusspfiff meldeten sich Lims Agenten: Der eine schrieb: "ha ha ha ha ha ha ha". Der andere frohlockte: "5:1 yesssssssssss". Lim hatte rund drei Millionen Euro verdient.
Es fällt schwer, an Zufall oder Zockerglück zu glauben. Denn bei Rovaniemi PS, der Mannschaft vom Polarkreis, standen drei Spieler, die Lim oder sein engster Mittelsmann, der ebenfalls wegen Betrugs vom Frankfurter Landgericht verurteilte Ex-Profi Dragan Antic, persönlich kannten: ein Serbe, ein Kroate und ein Deutscher.
Der Deutsche heißt Adrian P. und ist ein mittelmäßiger Amateurfußballer. Kennengelernt hatten sich Lim und P. in der Spielbank von Bad Dürkheim.
Mitte August 2005 wechselte der damals 24-Jährige von einem badischen Regionalligisten nach Rovaniemi, nach Darstellung eines dortigen Mitspielers hatte Lim-Freund Antic ihn indirekt dort empfohlen. Der Kroate Dejan Godar sagt: "Der Clubmanager hatte mich gebeten, mich nach einem Verteidiger zu erkundigen, daraufhin schlug mir Antic den P. vor." Antic war in der vergangenen Woche für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
In dem Spiel, das Lim um rund drei Millionen Euro reicher machte, verschuldete der neue Defensivmann in der fünften Minute das 0:1. "Es war ein katastrophaler Ballverlust", erinnert sich Clubmanager Jouko Kiistala, "wir haben uns gefragt, warum der überhaupt bei uns spielte." In der 51. Minute verursachte der Mann aus Deutschland einen Elfmeter, der zum 1:3 führte. "Das Foul war ganz unnötig und sehr seltsam", sagt P.s damaliger Mannschaftskamerad Zoran Bogesic.
Es gab Spiele, da hat Lim für einen provozierten Elfmeter 10 000 Euro in Aussicht gestellt.
Das zweite Spiel des Deutschen für Rovaniemi war jedenfalls auch sein letztes dort. "Er war so schnell wieder weg, wie er gekommen ist", sagt sein damaliger Mitspieler Lulezim Avdija, der P. auf Bitte des Clubs für kurze Zeit in seinem Apartment wohnen ließ. Nach dem 1:5 löste Rovaniemi den Vertrag mit dem Spieler, der sich verletzt meldete und nicht einmal ein Rückflugticket wollte.
Das erregte schon damals Verdacht. Manager Kiistala ist seither keiner Empfehlung Godars mehr gefolgt. Er sagt: "Ich kann nichts belegen, aber ich hatte ein seltsames Gefühl."
War P. ein von Lim instruierter Trojaner, der den Virus der Manipulation in die Mannschaft tragen sollte? War er Lims Leiharbeiter, eingeschleust für eine kriminelle Millionen-Wette?
P. bestreitet den Verdacht, er sei nur zu dem Club gewechselt, um ein Spiel zu verschieben: "Ich weise darauf hin, dass ich mit den Manipulationen des Herrn Lim weder direkt noch indirekt zu tun habe." Lim ist nicht zu sprechen. Nach seiner Freilassung im Juni 2007 ist er ins Ausland untergetaucht, gegen ihn besteht in Deutschland ein Haftbefehl.
Es gibt noch andere Fragen, die Lim nicht beantwortet hat. Eine davon lautet, wie er 240 000 Euro mit dem Länderspiel Deutschland gegen Kamerun verdiente. Den Gewinn hat er in einem seiner Notizbücher vermerkt.
Es war der 17. November 2004 in Leipzig. Deutschland spielte mittelmäßig und gewann durch drei späte Tore von Kevin Kuranyi und Miroslav Klose 3:0, in der Republik begann der Hype um den Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Kameruns Mannschaft, so erinnert sich ihr damaliger Trainer Winfried Schäfer, hatte andere Probleme. Bis eine gute Stunde vor dem Anpfiff drohten die Spieler mit Streik, es gab Krach um die Prämien. Nicht einmal für eine Teambesprechung war Zeit. "Die Katastrophe war auf dem Platz zu sehen", sagt Schäfer. Seine talentierten Spieler standen neben sich, und noch in derselben Nacht wurde der Trainer entlassen.
Hatte Lim Insiderinformationen? Wusste er Bescheid über den Ärger im Team und die Gereiztheit der Spieler, die am liebsten gar nicht angetreten wären? Mit zwei Nationalspielern Kameruns, die beim 1. FC Kaiserslautern ihr Geld verdienten, war Lim womöglich gut verdrahtet.
Dem Verteidiger Lucien Mettomo hatte sich Lim über dessen Mitbewohner zu nähern versucht, einen jungen Afrikaner. Dessen Codename war "Mafia". Mit dem Abwehrspieler Bill Tchato, so schilderte es ein leitender Angestellter der Spielbank Bad Dürkheim der Polizei, hatte sich Lim innerhalb eines halben Jahres dreimal im Casino getroffen, zuletzt am 14. September 2004. Mit Tchatos Begleiter Kamga W. wurde Lim ebenfalls in der Spielbank gesehen, er soll für den kräftigen Mann aus Kamerun auch mal gezahlt haben. Mettomo sagt, er habe mit Lim nichts zu tun gehabt. Tchato sagt, er kenne Lim nicht und habe ihn niemals getroffen.
Das ist erstaunlich. Wenn Lim und Tchato ins Bad Dürkheimer Casino gingen, mussten sie sich jedes Mal an der Rezeption ausweisen. Sie wurden dort registriert. CHRISTOPH BIERMANN,
MICHAEL WULZINGER
Quelle: Spiegel, 8.9.2008