Der Westen besteht nicht nur aus Frankreich und zumindest in dieser Hinsicht kann man die USA durchaus als zuverlässig betrachten. Wenn Russland allerdings seinen Einflussbereich schon weiter ausgedehnt hat, was zweifelsohne die Zielsetzung der aktuellen Politik ist, dann wird es auch für die USA schwieriger einzugreifen. Bestes Beispiel ist die Teilung Deutschlands, die konnten und wollten auch die USA nicht verhindern, unter anderem auf Grund der damaligen Stärke der Russen.
(...)
Das Problem ist, dass es momentan gar keine Verhandlungsposition gibt. Der Westen hat doch nichts. Russland lacht sich einen Ast und wird nicht auf Gespräche eingehen. Nur mit militärischem Druck kann der Westen überhaupt wieder auf Augenhöhe kommen. Ich habe nicht gesagt, dass nur militärische Aktionen etwas bringen, ganz im Gegenteil, ich mache nur darauf aufmerksam, dass die hier scheinbar vorherrschende Meinung, nur Verhandlungen würden etwas bringen, äußerst naiv ist.
Wir haben doch gar nichts, womit wir verhandeln könnten.
Ich versuche mal, strukturiert zu antworten und dir sachlich-rational darzulegen, warum v.a. der rot markierte Satz unzutreffend ist. Nicht militärischer Druck oder Gegenprovokation sind das Gebot der Stunde, sondern geschickte Diplomatie, die alle Seiten ihr Gesicht und möglichst ihre Interessen – bei jeweils möglichst minimalem Schaden wahren lässt.
Diese Krise und die Schauplätze dort muss man aus einer mehrfachen Perspektive betrachten. Die dortige Situation und die Ursachen dafür sind so komplex, dass man mit einer eindimensionalen Beurteilung, die sich auf rein militärische Aspekte beschränkt, nicht weit kommt.
Mit der Ukraine und auf v.a. auf der Krim verbinden mehrere Mächte aus verschiedenen historischen Gründen emotionale, mythische und auch identifikatorische Aspekte. Teilen wir mal auf:
1.) Der Staat Ukraine
Wie von vielen hier dargelegt, ist Die Ukraine ein ethnisch heterogenes Gebilde und in sich uneins. Dennoch betrachtet Russland die Ukraine als seinen Vorgarten. Das hat aber keine „sowjetischen“ oder rein machtbedingten Gründe, sondern ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass sowohl Russland, als auch die Ukraine und z.T. auch Weissrussland ihre ethnischen, kulturellen und sprachlichen Wurzeln auf die Kiewer Rus zurückführen. Die Kiewer Rus waren Nachfahren im 8. Jh. aus Schweden eingewanderter Wikinger („Waräger“) und gründeten um das heutige Kiew ein erstes Großreich.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kiewer_Rushttp://de.wikipedia.org/wiki/Kiewer_Rus
Im Lauf der Jahrhunderte (verkürzt dargestellt) entwickelten sich Kulturen und Sprachen auseinander: In der heutigen Westukraine setzten sich die „ruthenische“ Sprache und Kultur durch (daher auch der Gebietsname „Ruthenien“ zur Zeit von Österreich-Ungarn), während im Osten sich eher das eigentliche russisch durchsetzen konnte. Beide Sprachen und Kulturen sind aber dem ostslawischen Kulturraum zuzuordnen und eng verwandt.
Diese historische Rückführung und Identifikation hat sowohl in Russland, als auch in der Ukraine eine sehr hohe Bedeutung, die in Westeuropa (und v.a. in den USA) so gar nicht wahrgenommen wird. In akademischen Kreisen gibt es seit Jahrzehnten anhaltende Debatten, ob eher Russland oder aber die Ukraine ihre Wurzeln gerechtfertigter Weise hierauf zirückführen „dürfen“. Daher spielt die Ukraine und v.a. der Raum um Kiew für Russland eine ganz große Rolle für die eigene kulturelle und ethnische Identität. Die russischen Zaren führten ihre Herkunft z.B. in (behaupteter) direkter Linie auf die Kiewer Rus zurück. Russland würde es daher schon aus kulturellen und historischen Gründen niemals akzeptieren, wenn die gesamte Ukraine dem Westen zufällt.
Anders die West-Ukraine, deren Kultur vom Westen stärker beeinflusst wurde und die zum Großteil für ca. 150 Jahre zu Österreich-Ungarn gehörte (daher „Ruthenien“).
http://de.wikipedia.org/wiki/Ruthenienhttp://de.wikipedia.org/wiki/Ruthenien
Hieraus erklären sich – verkürzt die Spaltung des heutigen Staates Ukraine, den es in seinen heutigen Grenzen überhaupt erst seit 1918 gibt und die russischen Interessen an einer dauerhaften weiteren großen Einflussnahme in und auf die Ukraine.
2.) die Krim
Auf der Krim konzentrieren und Kreuzen sich mehrere Interessen, die ebenfalls historisch gewachsen sind. Jedes für sich genommen ist dabei aus dem Kontext nachvollziehbar und nicht weniger oder mehr legitim als das andere:
Im Mittelalter befanden sich auf der Krim genuesische Kolonien, ansonsten war die Halbinsel weitgehend unter Kontrolle der Krim-Tataren (Krim-Khanat), bis diese im 15.Jahrhundert die Oberhoheit des Osmanischen Reiches anerkennen mussten. Die Krim-Tataren wurden Muslime. Überdies sind sie – wie etwa 150-250 Mio. Menschen in Zentralasien, ethnisch zu den Turkvölkern zu rechnen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Turkvölkerhttp://de.wikipedia.org/wiki/Turkv%C3%B6lker
Als Schutzmacht bzw. „Vorbild“ aller Turkvölker sieht sich – der Name kommt nicht durch Zufall – die Türkei. Nachdem die Krim-Tataren unter der Sowjetischen Herrschaft sehr zu leiden hatten, kollaborierten sie im 2. Weltkrieg mit Hitler und wurden dafür nach 1945 deportiert. Heute leben viele Hunderttausend Nachkommen der Geflohenen in der Türkei, weshalb auch die Türken ihre Muskeln in dem Konflikt bereits spielen lassen.
Springen wir zurück: 1783-1918 gehörte die Krim zum russischen Zarenreich. Daher – und aus der Sowjetzeit – rührt die russische Bevölkerungsmehrheit auf der Krim. Da um die Krim viele Kriege geführt wurden (unter anderem der Krimkrieg 1853-56 mit der Belagerung Sewastopols, das von den Russen aufopfernd verteigt wurde, bis es doch fiel) und dort seit der Zarenzeit die Schwarzmeerflotte stationiert ist, besitzt die Krim für Russland nicht nur eine rein militärische, sondern auch eine mythisch-überhöhte Bedeutung. Dies kann man vielleicht analog etwas mit dem Amselfeld für Serbien vergleichen.
Die heute auf der Krim lebenden Menschen leben und fühlen daher russisch. Während der Sowjetzeit gehörte die Krim erst seit 1954 zur Ukrainischen SFR – wegen Kruschtschow, der Ukrainer war. Bis 1991 war das kein wirkliches Problem, da die sowjetische Identität alles überwölbte. Diese ist aber seitdem weggefallen. Ausdruck der ehemaligen Sowjetherrschaft ist bis heute der Pachtvertrag mit der russischen Schwarzmeerflotte, der schon allein aus militärstrategischer Sicht für die Russen oberste Priorität hat.
Die Krim gehört also völkerrechtlich zu einem Staat, dessen Ethnie die Mehrheit ihrer Bevölkerung nicht angehört und zu dem sie 1954 quasi per Dekret erst hinzugefügt wurde. Gleichzeitg besitzt sie für den Nachbarn Russland sowohl militärisch als auch mythisch-historisch eine Überragende Bedeutung. Und zum dritten ist sie die noch ältere historische Heimat einer heute zum großen Teil vertriebenen Minderheit, die nicht noch einmal vertrieben werden will und für die ein NATO-Mitglied sich zur Schutzmacht erklärt hat.
Wir sehen also: Es handelt sich in der Ukraine nicht allein um einen simplen Konflikt darum, ob gerade eine Regierung illegal aus dem Amt gejagt und durch eine neue ersetzt wurde.
Es ist auch mit eine rein völkerrechtlichen Beurteilung der Sache nicht getan. Denn zum einen hat der Westen in den vergangenen 20 Jahren das Völkerrecht selbst zu oft gebrochen, um sich jetzt wirksam darauf berufen zu können. Und zum anderen bieten gerade in solch ethnisch-emotional aufgeladenen Konflikten das Völkerrecht und die UN lediglich einen Handlungs- und Orientierungsrahmen, sind aber als alleiniges Instrumentarium untauglich. Denn an das Völkerrecht halten sich viele Staaten erfahrungsgemäß nur solange, wie es ihren Interessen nicht fundamental zuwider läuft. Sicher: Das Souveränitätskonzept regelt seit 1648 das Zusammenleben der Staatenwelt vergleichsweise zuverlässig, obwohl es oft genug gebrochen wurde.