Man darf den ZRdJ auch nicht überbewerten. Das ist ein Lobbyistenverband wie tausend andere in Deutschland, der seine Interessen halt sehr deutlich artikuliert - wohl wissend, dass man sich in unserer Konsensgesellschaft erst einmal weit aus dem Fenster lehnen muss, um am Ende eine akzeptable Lösung zu bekommen. Dabei wird halt auch gerne die moralische Karte gespielt, was aber auch jeder andere tun würde, der die Möglichkeit hat.
Aber genau das finde ich ungehörig.
Deutschland hat unter den Juden unermeßliches Leid verursacht, 6 Mio. von ihnen ermordet. Daraus ist der Bundesrepublik mit Recht eine besondere Verantwortung im Verhältnis zum Judentum und dem Staat Israel erwachsen. Dieser Verantwortung wird die Bundesrepublik in beispielhafter Weise gerecht. Stets wird die Erinnerung an das damalige Geschehen wachgehalten, sei es auf Gedenkveranstaltungen, im Schulunterricht oder sonstwo. Ferner setzt sich die Bundesrepublik seit Jahrzehnten aktiv für eine Lösung des Nahostkonfliktes ein.
Auf der anderen Seite haben wir Israel, den Staat, in dem die verfolgten Juden 1948 ihre neue Heimat gefunden haben.
In meinen Augen ist dort das Problem, dass die Konzeption des Staates sich nie von der Religion abstrahiert hat - auch durch die ständige Bedrohungslage. Das ist auf der einen Seite sicher verständlich. Ein Staat kann jedoch nur modernen staatsorganisationsrechtlichen Ansprüchen gerecht werden, wenn er Religion und staatliches trennt. Das ist zwar rein verwaltungstechnisch in Israel schon immer der Fall, jedoch spielt die religiöse Seite immer eine - meiner Ansicht nach zu große - Rolle. Dies sieht man an solchen Vorstößen des Zentralrates oder anderen Wortmeldungen der Israelischen Botschaft in Deutschland.
Und über noch eines bin ich an der Politik von Israel sehr verwundert:
Wenn der Teil der Bevölkerung, der diesen Staat gegründet hat und immernoch die Majorität stellt, in seiner Vergangenheit solches Unrecht und grausame Verbrechen erleiden musste, so müsste man sich selbst eigentlich in seiner Politik vornehmen, niemals selber ethisches oder moralisches Unrecht zu begehen. Denn auch das ist eine Verantwortung, die man dann als solch ein Staat hat.
Tatsache ist aber, dass Israel als Beteiligter des Nahostkonfliktes an der unlösbaren Problematik durch eigenes Verhalten genauso eine Mitschuld trägt, wie die Nachbarstaaten oder Terror-Organisationen, die es ständig bedrohen.
Bei der schlimmen Vergangenheit des Judentums müsste man von Israel in meinen Augen erwarten können, dass man sich moralisch und ethisch eine Stufe über denjenigen befindet, die es bedrohen, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Das ist jedoch nicht der Fall. Viel zu oft wird nach dem alten Testament gehandelt - Auge um Auge, Zahn um Zahn. Klar ist, dass sich ein Land verteidigen muss, wenn es angegriffen wird. Aber Repressionen, wie der Bau einer zweiten Berliner Mauer rund um die Staatsgrenzen und das quasi Einmauern palästinensicher Gebiete und das Abschalten von Wasserleitungen in diese Gebiete führen genauso wenig zum Frieden, wie terroristische Bombenanschläge der anderen Seite.
Der Grund für das alles ist in meinen Augen, dass der Staat Israel auch von vielen eigenen Einwohnern immernoch als "Staat der Juden" gesehen wird und nicht einfach als Staat Israel, in dem sowohl Juden als auch Andersgläubige wohnen.
Solange diese Verquickung nicht aufhört, wird es weiterhin solche Überreaktionen und auch keine Lösung des Nahost-Konfliktes geben.
Israel muss als Staat "erwachsen" werden. Und das kann nur passieren, wenn man sich der eigenen Verantwortung für den Frieden ebenso bewußt ist, wie sein Gegenüber. Und wenn man in jüdischen Organisationen weltweit endlich einmal aufhört, sich selbst und seine Religion mit dem Staate Israel gleichzusetzen.
Ohne diesen Schritt werden diese Probleme niemals aufhören. Und im übrigen: Genau diesen Schritt müssen Länder wie der Iran, Syrien und andere Staaten ebenfalls noch gehen.