"Heißblütig und sensibel"
Der Druck ist weg, nun zählt Entschlossenheit: Stefan Kuntz sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Situation als Spieler vor einem Halbfinale. Er erinnert sich an seine Zeit in der Türkei und die dortigen Fans. Für "Quatsch" hält er die Diskussion ums deutsche Spielsystem.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kuntz, was geht am Tag vor einem EM-Halbfinale in einem DFB-Spieler vor?
Kuntz: In dieser Zeit geht der Trainer noch einmal auf die eigenen Stärken ein. Die einen sind noch total entspannt, andere schon in der Konzentrationsphase. Bei mir setzte das immer erst am Tag des Spiels ein. Heute Abend, spätestens morgen früh, geht dann die richtige Vorbereitungsphase los, in der man vom Drumherum nichts mehr wahrnimmt.
SPIEGEL ONLINE: Der Druck muss enorm sein so kurz vor dem letzten Schritt in ein mögliches Endspiel.
Kuntz: Es gibt keinen Druck mehr. Druck gab es vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Österreich, der war regelrecht sichtbar - auch an den Leistungen der Spieler. Mit dem Sieg gegen Portugal ist der Druck abgefallen, weil das Minimalziel Halbfinale erreicht wurde. Jetzt ist es eher Entschlossenheit. Es heißt nicht mehr: "Was passiert, wenn wir ausscheiden", sondern: "Was ist noch möglich, wenn wir dieses Spiel gewinnen?"
SPIEGEL ONLINE: Besteht die Gefahr, dass das deutsche Team nach dem berauschenden Portugal-Spiel die Türkei unterschätzt?
Kuntz: Nein, die Türken geben keinen Anlass dazu, selbst wenn viele wichtige Spieler verletzt und gesperrt sind. Die Türkei hat die vergangenen drei Spiele gedreht und dadurch ein riesiges Selbstvertrauen.
SPIEGEL ONLINE: Die Türkei hat aber auch nur 14 einsatzfähige Spieler.
Kuntz: Das wird aber keinen Einfluss auf die Einstellung der deutschen Spieler haben. Im Verlauf des Spiels kann die Dezimierung durchaus ins Gewicht fallen. Die Kraft wird nachlassen beim Gegner, die mangelnden Alternativen werden sichtbar. Irgendwann ist dann auch der Qualitätsunterschied zu merken. Aber auch nur wenn unsere Mannschaft in jedem Zweikampf zeigt, dass sie ins Finale will - und nicht den Eindruck erweckt, als wolle sie das Spiel mit links gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Hat die Türkei noch andere Stärken als ihre Moral?
Kuntz: Natürlich. Die Spieler sind körperlich sehr präsent, schnell, koordinativ sehr gut ausgebildet und technisch stark. Sie haben bewiesen, dass sie nicht viele Chancen brauchen, um Tore zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Joachim Löw hat gesagt, er habe von seiner Trainerzeit in der Türkei sehr profitiert. Sie haben für Besiktas Istanbul gespielt. Was hat es Ihnen gebracht?
Kuntz: Ich habe die Gastfreundlichkeit als sensationell empfunden, mit der ich und meine Familie dort aufgenommen wurden. Interessant zu erleben war auch die Heißblütigkeit der Fans und ihre gleichzeitige Sensibilität für ihren Verein. Und natürlich die Identifikation mit dem Club.
SPIEGEL ONLINE: Sie trafen 1996 gegen England zum Ausgleich, das Spiel wurde später im Elfmeterschießen entschieden. Jetzt steht erstmals seit zwölf Jahren wieder ein deutsches Team in einem EM-Halbfinale - und wieder kommt es zu einem brisanten Duell.
EM-REPORTER
Von der Fußball- EM in Österreich und der Schweiz (7. bis 29. Juni) berichtet unser Redakteur Christian Gödecke.
Kuntz: 1996 ist mittlerweile weit weg. Die Brisanz war hoch, weil wir gegen Gastgeber England gespielt haben. Für mich war der Sieg der Höhepunkt meiner Karriere, ich würde ihn sogar höher gewichten als den Finalerfolg gegen Tschechien. Aber vergleichen kann man beide Spiele nicht.
SPIEGEL ONLINE: Damals lief eine kampfstarke deutsche Mannschaft auf. Heute wird diskutiert, mit welchem System am besten gespielt werden soll.
Kuntz: Diese Diskussion ist Quatsch. Es gibt nur Schwarz oder Weiß in der Bewertung. Wenn wir gegen Portugal verloren hätten, wäre doch fassungslos gefragt worden, wie wir nur mit einem Stürmer spielen konnten. So war es plötzlich ein genialer Schachzug von Joachim Löw. Es kommt darauf an, wie die Spieler ein System umsetzen. Gegen Portugal war das sehr gut.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Tipp?
Kuntz: Ich tippe nicht. Ich gehe nur davon aus, dass Deutschland am Sonntag im Finale steht.
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