INTERVIEW-POSSE
Zensor Bierhoff und die Torwart-Frage
Von Steffen Gerth
Der Wettstreit um die Nummer eins im Tor des deutschen Nationalteams bekommt immer absurdere Verlaufsformen. Jens Lehmann wurde gestern Abend in eine prekäre Situation gebracht, schlug sich trotzdem wacker. Derweil spürt auch Bundestrainer Jürgen Klinsmann, dass es Zeit ist zu handeln.
Hamburg - "Ich werde mich morgen mit meinem Trainerstab zusammensetzen und die Frage diskutieren", sagte Klinsmann. Es ist gut möglich, dass der Bundestrainer schon früher als beabsichtigt im Mai bekannt gibt, wer bei der WM (9. Juni bis 9. Juli) erster deutscher Torwart sein wird. "Schaun mer mal", witzelte Klinsmann. Allerdings betonte der 41-Jährige, dass er noch kein Urteil getroffen habe, sprach aber von einer "menschlich schweren und harten Entscheidung".
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Torwart Lehmann: "Ich bin optimistisch"
Dass die neue Eile des Bundestrainers dringend geboten ist, bewies der Mittwochabend. Denn nach dem 0:0 des FC Arsenal bei Juventus Turin kann Jens Lehmann eine bemerkenswerte Champions-League-Bilanz vorweisen: In acht Spielen in Folge blieb sein Team ohne Gegentor. Arsenal hatte das Viertelfinalhinspiel 2:0 gewonnen, steht nun erstmals in der Vereinsgeschichte im Halbfinale der "Königsklasse" und trifft auf den spanischen Außenseiter FC Villareal. "Ich bin optimistisch, dass ich bei der WM spielen werde. Nach den letzten zwei Jahren wäre ich überrascht, wenn das nicht so wäre", betonte der 36-Jährige - mehr aber auch nicht.
Lehmann verzichtete auf große Gesten und starke Sprüche. Aus gutem Grund. Denn er wurde nach Abpfiff in eine unangenehme Lage gebracht. Als er erschöpft zum Interview beim TV-Sender Sat.1 gebeten wurde, da sah er sich nicht nur mit den Fragen des Moderators Oliver Welke konfrontiert, sondern auch mit denen Oliver Bierhoffs. Der steht beim Privatsender als sogenannter Experte und Co-Kommentator unter Vertrag - im Hauptberuf ist er allerdings Teammanager der deutschen Nationalmannschaft - also mitverantwortlich bei der Entscheidung, ob Lehmann oder Oliver Kahn (FC Bayern München) deutscher WM-Torwart sein darf.
Lehmann war das Unbehagen darüber in jeder Sekunde des Gesprächs anzumerken. Einerseits musste er auf die Fragen des TV-Profis Welke angemessen reagieren, andererseits hätte er sich mit jeder Antwort um Kopf und Kragen reden können. Denn der Hilfsjournalist Bierhoff stand Lehmann wie ein Aufsichtsbeamter zur Seite. Den Höhepunkt erfuhr diese Posse, als sich Bierhoff zum Zensor aufschwang und eine Frage Welkes als unfair einstufte.
Bierhoff antwortete für Lehmann
Dabei wollte der Fernsehmann nur wissen, ob Lehmann den Standpunkt der Bayern teile, dass diese Torwartfrage kein fairer Wettstreit sei, weil der Druck nur bei Oliver Kahn liege und Lehmann nichts zu verlieren habe. Bierhoff blockierte diese angemessene Neugier. Und entlarvte damit innerhalb von Sekunden, dass diese TV-Experten genau dann fehl am Platz sind, wenn journalistische Arbeit gefordert ist.
Lehmann bewies Standfestigkeit als er sagte, dass er einerseits Uli Hoeneß, den Manager des FC Bayern München verstehen könne. "Die vertreten ja die Vereinsinteressen, und die wollen natürlich, dass alle Spieler gut spielen. Wenn das nicht so ist, dann sucht man Ausreden und Gründe. Das ist ja menschlich."
Doch dann sprach der Torwart in eigener Sache: "Der Druck hier bei Arsenal ist unvergleichlich. Ich bin vor anderthalb Jahren aus dem Tor genommen worden, weil ich mal Durchschnitt war. Habe keinen großen Fehler gemacht, sondern war einfach Durchschnitt und war dann weg." Bei den Bayern oder sogar Deutschland würde so etwas nicht passieren, glaubt Lehmann. "Da hat man eine bequemere Situation." Die Aufregung der Bayern hält er für verständlich, "aber sie wird der Sache nicht gerecht."
Wer Lehmanns Gesicht anschaute, das Sat.1 würdelos in Großaufnahme über den Sender strahlte, erlebte einen Mann, dessen Gemütszustand zwischen Wut und Angst pendelte. Er hätte wohl gerne noch mehr gesagt, aber vielleicht war ja sein kurzer Ausbruch von Ehrlichkeit schon zu viel für den Aufpasser Bierhoff an seiner Seite.
Gesenkter Kopf, bebende Unterlippe
Der Teammanager verfiel dann in seine gewohnte Unverbindlichkeit: "Jens hat eine gute Partie gemacht, aber da war jetzt auch nichts Außergewöhnliches." Und so weiter. Und Lehmann stand hinter dem Pult wie ein Schulbube, der Angst hat vor einem Eintrag ins Klassenbuch: gesenkter Kopf, bebende Unterlippe.
Das Problem Lehmanns ist nicht seine Leistung, es fehlt ihm vielmehr an Fürsprechern. Denn Kahn hat einen Verein hinter sich, der lärmt und trommelt. Lehmann ist zwar der letzte Deutsche in der Champions League, aber auch der einzige Deutsche bei Arsenal. Und dessen Trainer Arsène Wenger hat andere Sorgen, als sich ständig um die Exklusivprobleme seines Torwarts zu kümmern.
Die Bayern kämpfen für Kahn: "Ich würde ihm empfehlen, selbst wenn die Entscheidung gegen ihn fällt, was ich nicht glauben kann, dass er die WM in Deutschland mitmacht", sagte Felix Magath. Abermals stufte der Bayern-Coach den Zweikampf mit Lehmann als nicht fair ein, weil Kahn mehr im Rampenlicht der Medien stehe und als bisherige Nummer eins mehr zu verlieren habe.
Lehmann sagte dann noch einen schönen Satz: "Ich bin guter Dinge, weil die sportliche Leistung auf dem Platz ausschlaggebend ist. Das ist auch der einzige Grund, nach dem man gehen kann. Sonst macht man sich ja unglaubwürdig."
Dazu fiel Bierhoff nichts mehr ein.
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,410151,00.htmlhttp://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,410151,00.html